Lindau

Hoher Besuch für die Exil-Ägypter

Schon 2017 hätte das kirchliche Oberhaupt der koptischen Christen, Papst Tawadros II, nach Grafstal kommen sollen. Am Dienstag war er da, weihte die ehemalige katholische Kirche und brachte seine Gemeinde auch zum Lachen.

Hunderte koptische Christen sind am Dienstag zur Weihe der ehemaligen katholischen Kirche gekommen.
Video: Nadja Ehrbar/far

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Seit fünf Uhr in der Früh sei sie wach, erzählt Abir Louca aus Stäfa. «Ich war so aufgeregt.» Früh aufstehen musste sie sowieso, denn am Dienstag kam der Papst zu Besuch in ihre Kirchgemeinde im Lindauer Ortsteil Grafstal. Als eine von 15 Frauen mit ihren Kindern stand Louca als Helferin im Einsatz. Schon um 7.45 Uhr musste alles bereit sein. Denn dann traf der hohe Besuch, gesäumt von Sicherheitsleuten des Aussendepartements, in einer Limousine ein. Es handelte sich allerdings nicht um das Oberhaupt der römisch-katholischen, sondern um das 118. der koptisch-orthodoxen Kirche, um Papst Anba Tawadros II, Patriarch von Alexandria.

Schon 2017 war sein Besuch geplant, doch er musste ihn aus gesundheitlichen Gründen verschieben. Am Dienstag hat er die ehemalige katholische Kirche in einer rund vierstündigen Feier geweiht. 2016 haben die ägyptischen Christen das Gotteshaus im Baurecht übernommen. Mittlerweile leben rund 120 koptische Familien in Zürich und Umgebung. Das sind fast doppelt so viele als noch vor gut einem Jahr.

Dass sie ihren Papst einmal zu Gesicht bekämen, sei sehr speziell und eine grosse Ehre, sagt Louca. Sie habe dafür extra frei genommen. Der Tag sollte lang werden, denn die Feierlichkeiten dauerten bis in die Abendstunden an. So haben etwa Loucas zwei Kinder im Teenager-Alter vorgängig stundenlang für ein Theaterstück, eine Geschichte aus der Bibel, geübt.

Bibellesungen und Gebete

Das eigentliche Fest zur Kirchenweihe hat schon vor Eintreffen des Papstes begonnen – mit Bibellesungen und Gebeten, vorgetragen von den elf anwesenden Bischöfen aus Frankreich, Italien, Ungarn und Südkalifornien. Sie alle tragen weisse Gewänder, reich bestickt mit dem Kreuz oder Bildern von Jesus. Jenes des Papstes ist goldig bestickt. Auch sein flacher Hut, Talasana genannt, schimmert golden.

Unter den Gästen befinden sich etwa Marian Eleganti, katholischer Weihbischof des Bistums Chur, Monika Schmid, Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Martin in Illnau-Effretikon, der ägyptische Botschafter sowie der Gemeindeschreiber aus Dietlikon, wo die Kopten ebenfalls eine Kirche haben. Da die Bischöfe, Pfarrer und Ministranten zwischen Deutsch, arabisch und koptisch abwechseln, erhalten die nicht koptischen Gäste Kopfhörer mit einer Simultanübersetzung sowie Erklärungen zu den Abläufen.

«Früher haben wir in Höhlen und Grabstätten
gebetet.»
Papst Tawadros II?
Oberhaupt der
koptischen Christen

Gebete, Fürbitten und Lesungen wechseln sich ab. Die Gemeinde antwortet mit Sprechgesängen. Die Frauen sitzen rechts, die Männer links in der Kirche. Die Helfer, ausgerüstet mit Pfadfinder-Hemden und -Foulards, achten darauf, dass niemand im falschen Moment im Weg steht. Es ist ein Kommen und Gehen. Die Sicherheitsleute müssen sich recken und strecken, damit sie immer alles und vor allem den Papst im Blickfeld haben.

Vorne in der Kirche befindet sich die Ikonostase, eine 2,8 Tonnen schwere hölzerne Wand, die mit Ikonen geschmückt ist und den Kirchenraum vom Altar trennt. Auf ihr sind etwa die Kirchenheilige, die heilige Verena, sowie Maria abgebildet. Tawadros hat Altar, Ikonostase und Taufbecken mit Myron, einem heiligen Öl gesalbt. Nun ist das Gebäude endgültig eine Gottesdienststätte der ägyptischen Minderheit. Eine junge Familie nutzt die Gelegenheit und lässt ihr Neugeborenes taufen.

Kinder rennen umher

«Ich freue mich, dass ich da bin», sagt Tawadros vor den rund 400 Anwesenden aus ganz Europa. Die Feier wird auch in den Essraum im Erdgeschoss übertragen. Familien können sie dort verfolgen, ihre Kinder frei herumrennen. Der 14. Mai gilt ab sofort für die Kopten der Diözese Schweiz und Österreich als Feiertag, denn an diesem Tag ist ihre Kirche geweiht worden.

Tawadros spricht auch vom heiligen Asanasius, ein Diakon, der 291 geboren wurde und sich als erster darum kümmerte, dass Kirchen gebaut wurden. «Früher haben wir in Höhlen und Grabstätten gebetet.» Da und dort entlockt er seiner Gemeinde auch ein Lachen. Etwa, als er von einem Fisch spricht, der etwa ein Jahr lang in Salz eingelegt wird und fürchterlich stinkt. Er wird am Frühlingsfest im März gegessen. «Darf man den überhaupt in die Schweiz importieren?», fragt er. Im Anschluss an Predigt, Fürbitten und einem Gebet für friedlichere Zeiten nehmen Gäste und Gemeindemitglieder einen kleinen Imbiss ein. Ägyptische Frauen haben ihn vorbereitet.

Erstellt: 14.05.2019, 17:36 Uhr

Die Zürcher Stadtheiligen waren Kopten

Der Überlieferung nach gründete Markus, der Autor eines der Evangelien, die christliche Kirche am Nil. Schon im 5. Jahrhundert spaltete sie sich als koptische Kirche von den anderen christlichen Gemeinschaften ab und hat deshalb bis heute einen eigenen, von Rom unabhängigen Papst als Oberhaupt. 641 wurde Ägypten von den Arabern erobert und allmählich islamisiert. Die Kopten konnten sich aber – mit heute etwa 15 bis 20 Millionen Gläubigen – als starke religiöse Minderheit behaupten.

Zur Schweiz haben die Kopten eine besondere Beziehung – jedenfalls, wenn man den Legenden Glauben schenken will. Zu Anfang des 4. Jahrhunderts war eine aus Ägyptern bestehende Legion im Wallis stationiert. Unter ihnen befanden sich auch Christen. Auf Befehl des Kaisers sollten sie hingerichtet werden. Drei von ihnen – Felix, Regula und Exuperantius – gelang die Flucht bis nach Zürich, wo sie schliesslich als Märtyrer starben. Mit ihren abgeschlagenen Köpfen unter dem Arm sollen sie von der Limmat auf den Grossmünsterhügel gestiegen sein. Die katholische Kirche erklärte die Kopten später zu Heiligen. Selbst die Reformation konnte ihrem Status nichts anhaben: Bis heute sind sie auf dem Siegel des Kantons Zürich abgebildet. Die heute in der Schweiz lebenden etwa 5000 Kopten stammen nicht von Felix und Regula ab, sondern sind erst in jüngster Zeit aus Ägypten eingewandert. Prominentester in der Schweiz tätiger Kopte ist der Tourismus-Investor Samih Sawiris. (bg)

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