Dialekte

Heimatstimmen aus dem Untergrund

Die Universität Zürich besitzt das älteste Tonarchiv der Schweiz. Sprachwissenschaftler Dieter Studer kümmert sich dort um rund 4000 Mundartaufnahmen, teils festgehalten auf Wachs und Gelatine.

Archivleiter Dieter Studer zwischen Tonbändern. Er ist seit Jahren daran, die Mundartaufnahmen in teils mühsamer Arbeit zu digitalisieren.

Archivleiter Dieter Studer zwischen Tonbändern. Er ist seit Jahren daran, die Mundartaufnahmen in teils mühsamer Arbeit zu digitalisieren. Bild: Johanna Bossart

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Der Schatz liegt tief unten. Aus seinem kleinen Büro im Turm des Uni-Hauptgebäudes führt Dieter Studer viele Treppen hinunter, um Ecken und durch Türen, vorbei an Bettgestellen und Matratzen, bis der Archivraum erreicht ist. In den Regalen des Luftschutzkellers lagern alte Mischpulte, Studer-Revox-Geräte, Kassetten, Tonbänder und Schallplatten. Dazwischen ein Album mit dem Titel «So reded s dihäi». Es enthält Dialekte aus allen Ecken des Landes, aufgenommen für Auslandschweizer-Vereine anlässlich der Landesausstellung von 1939.

Die ältesten Tonträger bestehen aus Bienenwachs und Gelatine. «Es ist eigentlich ein Wunder, dass man auf diesem Material Stimmen aufnehmen konnte», sagt Archivleiter und Sprachwissenschaftler Studer. Mit weissen Handschuhen zieht er eine der dünnen Scheiben aus der Hülle. Sie ist so empfindlich, dass sie nur wenige Male abgespielt werden kann, bis bloss noch ein Rauschen und am Ende gar nichts mehr zu hören ist.

Surbtaler Jiddisch und Westschweizer Patois

Die ältesten Mundartstücke stammen aus dem Jahr 1909. Aufgenommen hat sie der damalige Germanistik-Professor Albert Bachmann. Mit einem Phonographen, den er aus Wien bestellt hatte, liess er zu Forschungszwecken zunächst seine Studentinnen und Studenten Standardtexte aufsagen. Da sie aus der ganzen Schweiz kamen, hatte er bald eine Sammlung verschiedenster Dialekte und Ausdrücke beisammen. 1913 gründete er das Phonogrammarchiv.

Im Archiv sind auch alte Mischpulte und Aufnahmegeräte zu finden.

Daraufhin gingen Bachmann und seine Mitarbeiter systematischer vor. Sie untersuchten das französische Patois, die lombardischen Dialekte des Tessins und der Bündner Südtäler sowie die rätoromanischen Idiome. Im Archiv sind auch letzte Aufnahmen des Surbtaler Jiddisch zu finden.

Wann ein Dialekt ausstirbt, lässt sich laut Studer oft nicht genau sagen. Genauso schwierig sei es, Dialekte geographisch präzis einzugrenzen. «Es gibt immer Übergangsgebiete.» So etwas wie einheitliche Ortsmundart existiere nicht. «In keinem Dorf reden alle exakt gleich. Zudem haben Status und das Gegenüber wesentlichen Einfluss auf Aussprache und Wortwahl.»

Als Thurgauer das R noch rollten

Studer, der hunderte Aufnahmen abgehört hat, hegt den Verdacht, dass manche Testpersonen etwas übertrieben in den Trichter des alten Phonographen gesprochen haben. Man merke, dass mit dem Aufkommen der Tonbandgeräte die Gespräche spontaner und authentischer wurden. Teils lesen die Sprecher Standardtexte vor, teils erzählen sie von ihrem Alltag als Weinbauer oder von einem Verkehrsunfall.

«Es ist eigentlich ein Wunder, dass man auf diesem Material Stimmen aufnehmen konnte.»Dieter Studer, Leiter Phonogrammarchiv der Universität Zürich

Einige Regionen hat Bachmann über Jahre untersucht. Dadurch lässt sich beispielsweise zeigen, wie im Südwesten des Thurgaus über lange Zeit das «R» gerollt wurde, bis man auch dort das heute dominierende Halszäpfchen-R übernahm.

«Die Dialekte verändern sich unaufhaltsam», sagt Studer. «Man darf nicht vergessen, dass vor etwas mehr als 1500 Jahren in der Deutschschweiz noch ausschliesslich Keltisch und Latein gesprochen wurde. Die Dialektlandschaft, wie wir sie kennen, gibt es wohl erst seit dem späten Mittelalter.»

Die Nadel muss teils von Hand geführt werden

Genutzt wird das Archiv hauptsächlich von Germanistik- und Romanistikstudierenden sowie von Forschenden und Heimatmuseen. Doch die Bedingungen im Luftschutzkeller sind alles andere als ideal. Die sensiblen Wachs- und Gelatineplatten leiden unter schwankenden Feuchtigkeits- und Temperaturwerten. Geplant ist ein Umzug in ein Lagerhaus im zürcherischen Buchs.

Die frühen Mundartaufnahmen wurden auf Gelatinefolie festgehalten.

Davor wollen Studer und seine Mitarbeiterin, Camilla Bernardasci, sämtliche Aufnahmen digitalisieren. Bereits in den 1990er-Jahren hat man damit begonnen, in den letzten fünf Jahren hat das Team aber einen Zacken zugelegt. In drei bis vier Jahren soll das Projekt dank der Unterstützung von Studierenden beendet sein.

Besonders aufwändig ist die Digitalisierung der alten Gelatineplatten. Damit die Nadel des Aufnahmekopfs nicht in die weiche und gewellte Unterlage eindringt oder darüber hüpft, muss sie teils von Hand geführt werden, wobei die Nadel bis zu einen Meter pro Sekunde auf der Platte zurücklegt. Das dauert pro Aufnahme nicht selten eine halbe Stunde und mehr. Ä chäibä Büez.

Testen Sie ihr Wissen zu den Dialekten im Kanton Zürich in unserem Quiz:

Erstellt: 14.06.2019, 10:45 Uhr

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