Zürich

Hat die Liebe der Flüchtigen eine Chance?

Der Sexualstraftäter, der zusammen mit einer Aufseherin aus dem Gefängnis Limmattal geflohen ist, war vorbestraft. Nur mutmassen lässt sich über das Motiv der Frau.

Es deutet vieles darauf hin, dass die Flüchtenden Angela Magdici und Hassan Kiko ein Paar sind.

Es deutet vieles darauf hin, dass die Flüchtenden Angela Magdici und Hassan Kiko ein Paar sind. Bild: Kantonspolizei Zürich

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Dass Angela Magdici (32) die Geliebte des Syrers Hassan Kiko (27) war und ihm deshalb die Zellentür aufschloss und mit ihm türmte, ist nicht bestätigt. Die Staatsanwaltschaft kläre das ab, sagt Rebecca de Silva, Sprecherin des Zürcher Amts für Justizvollzug.

Möglich wäre auch eine Erpressung. Je mehr Details ans Licht kommen, desto mehr verstärkt sich aber der Eindruck, dass die Frau freiwillig gehandelt hat. Gestern meldete sich der getrennt von ihr lebende Ehemann zu Wort.

Seit drei Monaten habe er kaum noch von seiner Frau gehört, sagte der 25-Jährige zu «20 Minuten». Geheiratet hätten sie 2014. Vor fünf Monaten habe sich die Ehefrau verändert, sei gleichgültig und aggressiv geworden. Sie habe angefangen, sich mit dem Koran zu beschäftigen. Die Ehe ist kinderlos geblieben.

Sexappeal des Kriminellen

Magdici soll sich in der Nacht auf Dienstag mit Kiko nach Italien abgesetzt haben – im ehelichen BMW. Was kann eine Frau dazu bewegen, ihren Ruf zu zerstören für einen Vergewaltiger? In Unkenntnis des Falls kann dies auch Gerichtspsychiater Thomas Knecht nicht sagen. Er weist aber dar­auf hin, dass es Frauen gibt, die sich von schlecht beleumundeten bis kriminellen Männern angezogen fühlen. Dar­um erhalte etwa der norwegische Massenmörder Anders Breivik körbeweise Liebesbriefe. Der Fachbegriff für die Veranlagung lautet Hybristophilie.

Knecht ist Leiter der Foren­sischen Psychiatrie des Psychia­trischen Zen­trums Appenzell Ausserrhoden und Gefängnispsychiater. Er gibt zu bedenken, dass das Verhältnis von Gefängnispersonal und Häftling ein spezielles ist. «Ohne ein gewisses Entgegenkommen beider Seiten geht es nicht.» Schliesslich gelte es, gemeinsam einen nicht einfachen Alltag zu bewältigen. «In diesem Geben und Nehmen ist Freundlichkeit die Währung des Wärters, Wohlverhalten die des Häftlings.» Jedoch könne das Gleichgewicht verloren gehen – bis hin zu Wohlverhalten in Form von sexuellen Diensten, bis hin zur Kumpanei der Wärter. «Alles schon vorgekommen», sagt Knecht.

Er beschreibt die Aufgabe des Gefängnispersonals als eine stete Gratwanderung. Das werde aber auch entsprechend geschult. Das Schweizerische Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal in Freiburg verfügt über das nötige Know-how. Jedoch können Menschen auch schwach werden. Roland Zurkirchen, Direktor im Gefängnis Limmattal, nennt denn auch den «Faktor Mensch» als Grund für das Vorgefallene. Er beklagt einen «extremen Vertrauensbruch» durch Magdici. Die Wärter seien im Gefängnis Limmattal auch Betreuer, lässt er sich zitieren. Und so müsse auch mal ein vertrauliches Wort zwischen Häftling und Betreuungsperson möglich sein.

Die Organisation des Nachtdienstes erlaubte dem Paar einen satten Vorsprung. Um Mitternacht floh es. Eine Autorisierung zum Verlassen des Gebäudes musste Magdici nicht einholen. Ein zweiter Wärter ist jeweils nur für den Notfall anwesend und schläft. So bemerkte dieser erst um 5 Uhr morgens, was los war.

2010 als Flüchtling eingereist

Falls Magdici und Kiko tatsächlich ein Paar sind, hat die Beziehung eine Chance? Forensiker Knecht stellt ihnen keine günstige Prognose. Unterwegs und im ungewohnten Umfeld könne es nun schnell zur Krise kommen. Das Aufbegehren gegen das System als verbindendes Element sei weggefallen. Aufseiten Kikos stellt sich zudem die Frage, ob es ihm auch um die Frau oder nur um die Flucht gegangen ist.

Der zuletzt als Coiffeur tätige Syrer war 2010 als Flüchtling eingereist. Im Gefängnis sass er aufgrund einer Verurteilung durch das Bezirksgericht Dietikon wegen Vergewaltigung einer 15-Jährigen im Jahr 2014. Er befand sich in Sicherheitshaft, das Urteil hat er angefochten. Der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich erfolgt.

Wie seit gestern bekannt, war es nicht sein erstes Sexualdelikt. 2012 hat er eine 19-Jährige zu sich in die Asylunterkunft im thurgauischen Eschlikon gelockt, um ihr angeblich die Haare zu schneiden. Es folgte eine Nötigung zum Oralsex. 2014 kam es zu einem ähnlichen Vorfall in Zürich. Das Bezirksgericht Münchwilen verurteilte ihn zu 42 Monaten Freiheitsentzug. ()

Erstellt: 11.02.2016, 12:48 Uhr

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