Historie

Hans Konrad Escher – der Mann, der die Linth umleitete

Der Unternehmer, Gelehrte und Zeichner Hans Konrad Escher prägte das Linthgebiet. Eine Ausstellung widmet sich dem Staatsmann, der vor 250 Jahren zur Welt kam.

So sah sich der junge Hans Konrad Escher in einem Selbstporträt von 1785.

So sah sich der junge Hans Konrad Escher in einem Selbstporträt von 1785. Bild: zvg / Zentralbibliothek Zürich

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«Die zwölfte Stunde des neunten März ist eine Trauerstunde, nicht für Zürich allein nur, sondern für die ganze Eidgenossenschaft», schrieb die NZZ am10. März 1823 auf ihrer Titelseite. Der Betrauerte hiess Hans Konrad Escher. Im Jahr seines Todes verlieh ihm die Zürcher Regierung den Ehrentitel «von der Linth». Die Adelung von Staats wegen ist bis heute eine absolute Ausnahme für schweizerische Verhältnisse.

Damit ausgezeichnet wurde ein vielseitiger Mann: Der von der Aufklärung geprägte Escher war Unternehmer, Gelehrter, Zeichner und Politiker. Vor allem aber führte er mit der Umleitung der Linth in den Walensee eines der ersten gesamteidgenössischen Infrastrukturprojekte der modernen Schweiz durch. Am24. August 1767, vor 250 Jahren, kam er in Zürich zur Welt.

Als Escher-Spross entstammte er einem alteingesessenen, einflussreichen Zürcher Geschlecht. Sein Vater Hans Kaspar war Textilfabrikant und Zürcher Regierungsmitglied. Hans Konrad sollte später seine Fabrik übernehmen. Auch durch seine 1814 erfolgte Wahl in die Zürcher Regierung stieg er in Vaters Fussstapfen. Insofern folgte er der ­familiären Tradition. Gleichzeitig widerspiegelt Hans Konrad Eschers Leben eine Zeit des Aufbruchs in die Moderne.

Häufige Überschwemmungen

Als Student lernte er die Ideen der Aufklärung kennen und begann sich in Göttingen (D) neben dem Studium der Natur- und der Staatswissenschaften auch mit den Schriften des zeitgenössischen Philosophen Immanuel Kant zu befassen. Zurück in ­Zürich, hielt er Vorlesungen am dortigen Politischen Institut, einem privaten Vorläufer der Universität.

1786 realisierte Escher, wie die mäandernde Linth die Gegend  mehr und mehr  versumpfen liess.

Schon 1786 war er ins Linth­gebiet gekommen und hatte realisiert, wie der mäandrierende Fluss die Gegend zunehmend versumpfen liess. Das von der Linth mitgeführte Geschiebe erhöhte das Flussbett bei Ziegelbrücke GL/SG dermassen, dass die Maag, der Abfluss des Walensees, zurückgestaut wurde. Die häufigen Überschwemmungen bescherten der Bevölkerung fiebrige Krankheiten und schädigten das Land.

«Nie mehr ministern»

Die Lösung, die Escher später umsetzen sollte, lag bereits 1784 auf dem Tisch der Tagsatzung, die damals die Schweiz regierte. Doch es fehlte an Geld. Zudem sorgte die Französische Revolution bald auch in der Schweiz für unruhige Zeiten.

Escher war politisch und publizistisch engagiert. Zusammen mit seinem Freund Paulus Usteri gab er die Zeitung «Der Schweizerische Republikaner» heraus. Er bekannte sich zu den Ideen der Französischen Revolution und übernahm während der Zeit der Helvetischen Republik führende Aufgaben. So wählte ihn 1798 der Helvetische Grosse Rat zu seinem Präsidenten. Vier Jahre später wurde Escher Kriegsminister der Helvetischen Republik. Als diese 1803 nach fünf Jahren aufgelöst wurde, zog er sich enttäuscht aus der Politik zurück. «Nie mehr ministern», schrieb er in einem Brief an einen Freund. Das Projekt der Linthkorrektion, als dessen Fürsprecher er sich schon 1796 in einem Aufsatz hervorgetan hatte, sollte nun seine Lebensaufgabe werden.

Es war ein kühnes Projekt: Bei Mollis im Glarnerland sollte die Linth mit einem Kanal in den Walensee umgeleitet werden, statt sich wie bisher durch die Linthebene zum Zürichsee zu schlängeln. Und vom Walensee sollte ein weiterer neuer Kanal in Richtung Zürichsee führen.

Fast alle Kantone machten mit. 1805 beschloss die Tagsatzung die Umsetzung. 1807 ernannte sie Escher zum Leiter des Projekts. Zur Finanzierung wurden sogenannte Linth-Actien herausgegeben. Fast alle Kantone der Schweiz erwarben solche Aktien, ebenso Gemeinden, Handelsgesellschaften und zahlreiche Privatpersonen. Mit dem eingenommenen Geld kaufte die neu gegründete Linthunternehmung das für die Linthkorrektion benötigte Land auf. Später, als die Überschwemmungen ausblieben, konnte sie das nun aufgewertete Land gewinnbringend wieder verkaufen – und die Aktien zurückkaufen.

Bekannte Nachkommen

Vier Jahre nach dem Spatenstich floss die Linth 1811 erstmals von Mollis in den Walensee. Bis das Linthwerk ab den 1850er-Jahren voll funktionsfähig war, bedurfte es noch einiger Erweiterungen. Doch Hans Konrad Escher erkrankte 1822 an Krebs. Kurz vor seinem Tod schrieb er: «Ich hoffe, meine Pflicht gegen das Vaterland und die Menschheit während meines Aufenthalts auf dieser Erde erfüllt zu haben.»

Neben seinen Tätigkeiten als Industrieller, Gelehrter, Politiker und Leiter der Linthkorrektion hatte Escher seit seiner Jugend auch gezeichnet. So gilt er als Gründer des Bergpanorama-Genres.

Sein Sohn Arnold wurde erster Geologie-Professor am Polytechnikum, der heutigen ETH Zürich. Und sein Enkel, der Zürcher Stadtbaumeister Arnold Bürkli, sollte in den 1880er-Jahren ein weiteres Bauwerk erstellen, das die Landschaft bis heute prägt: die Quaianlagen rund ums Zürcher Seebecken.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 15.08.2017, 11:06 Uhr

Ausstellung

Vom 24. August bis 15. Oktober 2017 findet im Kultur- und Freizeitzentrum Schänis SG eine Ausstellung über Hans Konrad Escher von der Linth und sein Nachleben statt. Kuratiert wird sie von Regula Steinhauser, die als Archäologin die 2013 ­abgeschlossene Sanierung des Linthwerks begleitete. (mts)

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