Rheinau

Grundeinkommen: Von «megacool» bis «peinlich»

Was sagen die Rheinauerinnen und Rheinauer zum Experiment mit einem Grundeinkommen im eigenen Dorf? Eine Umfrage.

Das Projekt für ein bedingungslosen Grundeinkommen in Reihnau ist gescheitert. Dennoch spricht Initiantin und Filmemacherin Rebecca Panian im Interview von einem Erfolg. Nicht alle Rheinauerinnen und Rheinauer teilen diese Meinung.
Video: Video: Jakob Bächtold

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Manchmal braucht es etwas Sitzleder, bis man die ganze Wahrheit zu hören bekommt. Mehrzweckgebäude Rheinau, Apéro nach der Gemeindeversammlung, Dienstagabend nach 22 Uhr. Die Reihen der Einwohnerinnen und Einwohner an den Tischen, auf denen Mineralwasser und Weisswein stehen, beginnen sich langsam zu lichten. Bisher hat einzig SVP-Präsidentin Priska Telser das Projekt «Dorf testet Zukunft» gegenüber dem nachfragenden Journalisten ernsthaft kritisiert, das dafür gleich drastisch: Man habe die Rheinauer «verarscht», findet sie (siehe Umfrage unten).

Sonst zeigen sich alle zufrieden bis sehr zufrieden. Obwohl an diesem Tag endgültig feststeht, dass statt der benötigten 6,1 Millionen Franken nur etwas mehr als 150'000 Franken gesammelt worden sind. Trotzdem hat Rheinau viel profitiert, da ist man sich einig: Viele Diskussionen in der Gemeinde. Menschen, die sich plötzlich ernsthaft grundsätzliche Fragen stellen. Neue Ideen für die Zukunft. Eine Debatte, die für die Zukunft der Gesellschaft wichtig ist. Medienpräsenz, die sonst unbezahlbar wäre. Positives, innovatives Image der Gemeinde.

Gemeindepräsident Andreas Jenni zum Projekt Grundeinkommen: «Wenn man nur das Finanzielle anschaut war es ein Misserfolg.» Video: Jakob Bächtold

Alles interessant und richtig. Doch zum Projekt gehört eben auch das dazu, was zwei Rheinauer dem «Landboten» am späteren Abend – ohne mit Namen erwähnt werden zu wollen – in den Notizblock diktieren: «Das Spendenergebnis ist peinlich.» Dass nur eine so kleine Summe zusammengekommen sei, könne in Zukunft auch negativ auf die Idee des Grundeinkommens zurückfallen. «Das miserable Ergebnis im Crowdfunding ist ein gefundenes Fressen für die Gegner.» Ein anderer sagt: «Wenn man eine ganze Gemeinde für eine Idee einspannt, dann wäre ich schon davon ausgegangen, dass die Sammelaktion auch seriös organisiert wird.» Er sei nicht der einzige im Dorf gewesen, der gemeint habe, das Projektteam habe zwei, drei grosse Spender in der Hinterhand. «Die hätte man im Voraus anfragen müssen.» Die Initiantinnen seien zwar gut im Motivieren, doch die konkrete Umsetzung habe nicht gut funktioniert. «Da hätte man mehr daraus machen können.»

So fällt am späten Abend doch noch ein leichter Schatten auf das Projekt Grundeinkommen. Aber nur ein kleiner. Im grossen Ganzen ziehen die Rheinauerinnen und Rheinauer zufrieden mit ihrem Experiment. Und stolz. Aufbruchstimmung und Pioniergeist sind spürbar. Dinge, die man an Gemeindeversammlungen in Mehrzweckhallen selten findet. In Rheinau lebt Abenteuerlust, so viel, dass es gut möglich ist, dass das Experiment auf die eine oder andere Art noch ein bisschen weitergeht.

Sechs Stimmen aus Rheinau

«Unglaublich.»Karin Eigenheer, SP-Gemeinderätin und Mitinitiantin

«Meine Enttäuschung über das gescheiterte Grundeinkommen hält sich in Grenzen. Es ist so viel entstanden im Dorf in den letzten sechs Monaten, gute Ideen und intensive Diskussionen. Das ist unglaublich. Das hätte ich nie gedacht, als ich erstmals mit Rebecca Panian Kontakt aufgenommen habe. Wir haben nun herausgefunden, dass das Crowdfunding auf diese Art nicht funktioniert. Dass man nun vom Scheitern spricht, finde ich schade. Wir haben so viel erreicht. Und wenn es auf dem einen Weg nicht klappt, dann sucht man halt einen anderen.»

«Etwas ausprobiert.»Ruth Ineichen Forster, Fachspezialistin beim Staatsekretariat, und Nino Ineichen, Schüler

«Am Anfang haben wir daran geglaubt, dass es klappen könnte. Hätte man bloss einige Grossspender gefunden. Für uns war sofort klar, dass wir uns beteiligen, obwohl sowohl mein Mann und ich beide mehr verdienen als 2500 Franken. Das Experiment hat aber auch so viel angestossen. Wir haben gemeinsam als Dorf etwas ausprobiert. Dadurch ist eine hervorragende Stimmung entstanden. Wäre das Projekt geglückt, wären wir für lange Ferien nach Kanada gereist. Vielleicht machen wir das nun auch so, einfach etwas abgekürzt.»

«Utopisch.»Hans-Ulrich Gasser, Rentner

«Ich habe von Anfang an gedacht, dass es so herauskommt. Das Projekt ist utopisch. Aber grosse Dinge werden immer von einzelnen mutigen Leuten angestossen. Die Initiantin Rebecca Panian hat es gut gemacht, sie hat uns immer offen informiert, ich mache ihr keine Vorwürfe. Egal wie es weitergeht: Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie die Gesellschaft funktioniert, wenn die Arbeitszeit immer mehr abnimmt.»

«Verarscht.»Priska Telser, Präsidentin SVP Rheinau

«Es ist logisch, dass dieses Projekt scheiterte. Ich finde schon die Idee stumpfsinnig. Ich habe gestaunt, wie schlecht das Ganze organisiert war. Die Finanzierung war ja überhaupt nicht vorbereitet. Aus meiner Sicht wurden die, die mitgemacht haben, verarscht. Das Experiment soll Diskussionen ausgelöst haben? in der SVP haben wir nur darüber gelacht. Das Grundeinkommen wurde vor zwei Jahren in einer Abstimmung abgelehnt, nicht knapp sondern mit 76 Prozent. Darum verstehe ich nicht, dass man noch solche Projekte startet. Vom Gemeinderat hätte ich erwartet, dass er die Bevölkerung fragt, bevor man sich an so etwas beteiligt.

«Unbezahlbar.»Pius Baschnagel, Geschäftsführer Elektrounternehmen

«Besser Werbung für unsere Gemeinde konnte man nicht machen. Es gab so viele Medienberichte über uns, das wäre sonst unbezahlbar. Die Finanzierung war von Anfang an der Knackpunkt. Das Ergebnis zeigt, wie viele Menschen immer noch zu egoistisch denken. Die Grundsatzdiskussion muss weiter gehen. Ich habe schon vor 30 Jahren gesagt: In Zukunft wird es nicht genug Arbeit für alle geben. Darum bin ich auch dafür, dass man einen Sozialdienst für alle einführt, oder eine Solidaritätssteuer.»

«Megacool.»Barbara Bührer, Schulpflegerin, Fachperson für Kita-integrierte Deutschförderung

«Was der Versuch mit dem Grundeinkommen alles ausgelöst hat, ist extrem positiv. Es wurden im letzten halben Jahr in unserer Gemeinde sehr viele intensive Diskussionen geführt. Dabei war es interessant zu beobachten, wie bei vielen, die anfänglich dagegen waren, ein Umdenken stattfand. Auch bei einzelnen Personen hat das Experiment viel bewirkt: Menschen haben von Grund auf über wichtige Fragen nachgedacht. Arbeite ich nur für den Lohn? Würde ich auch ohne Lohn arbeiten? Viele haben auch begonnen, über Zukunftsmöglichkeiten nachzudenken. Dass bei einigen die so gewonnenen neuen Ideen nun bestehen bleiben, dass sie ihre Ziele weiterverfolgen, auch wenn der Versuch nächstes Jahr nicht wie geplant stattfindet, finde ich megacool.» (Der Landbote)

Erstellt: 05.12.2018, 12:08 Uhr

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