Bildung

Gegen möglichen Bildungsabbau formiert sich breiter Widerstand

Der Kanton Zürich muss sparen – und auch die Bildungseinrichtungen sollen dazu beitragen. Kommenden Mittwoch finden an einem breit abgestützten Tag der Bildung Protestaktionen im ganzen Kanton statt.

Die Mittelschulen wären gemäss dem regierungsrätlichen Verteilschlüssel am meisten betroffen von den Sparvorgaben.

Die Mittelschulen wären gemäss dem regierungsrätlichen Verteilschlüssel am meisten betroffen von den Sparvorgaben. Bild: Keystone

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Knapp 50 Millionen Franken pro Jahr soll der Kanton Zürich in den nächsten Jahren in der Bildung einsparen: 20 Millionen bei der Volksschule, 18 Millionen bei den Mittelschulen, 11 Millionen in der Berufsbildung. Das hat der Regierungsrat unter dem Titel «Leistungsüberprüfung» festgelegt. So soll auch die Bildungsdirektion ihren Beitrag leisten, um ein Milliardenloch in der Kantonskasse zu verhindern. Bei den Volks- und Mittelschulen entspräche die Kürzung rund fünf Prozent des letztjährigen Budgets, bei der Berufsbildung wären es drei Prozent.

Ein Manifest

Noch hat Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) nicht bekannt gegeben, wie sie die Sparvorgaben konkret umzusetzen gedenkt. Doch bereits formiert sich eine breite Widerstandsfront: Mit einem Tag der Bildung sind am 13. Januar Protestaktionen an Schulen im ganzen Kantonsgebiet geplant. Parallel dazu haben Exponenten von Hochschulen, Lehrer- und Schulleiterverbänden, aber auch namhafte Persönlichkeiten ausserhalb des Schulfelds ein «Zürcher Manifest für die Bildung» unterschrieben. «Der Kanton Zürich plant einen markanten Leistungsabbau auf Kosten der Bildung», heisst es darin. Und weiter: «Damit entzieht er der heutigen und künftigen Jugend die Chance auf bestmögliche Ausbildung und seinem Forschungs- und Wirtschaftsstandort den Nachwuchs.» Sparen in Zeiten steigender Schülerzahlen gehe nicht auf, finden die über 13 000 Personen, die das Manifest bislang unterschrieben haben.

«Unser Bildungs-
system ist etwas vom Wichtigsten für den Wirtschaftsstandort.»
Balz Hoesly, GZA

Zu ihnen zählen auch eingefleischte Bürgerliche wie Balz Hoesly. Der frühere FDP-Kantonsratsfraktionschef ist heute Präsident der Standortmarketing-Organisation Greater Zurich Area. «Unser Bildungssystem ist etwas vom Wichtigsten für den Wirtschaftsstandort», sagt Hoesly. Für Firmen, die sich im Wirtschaftsraum Zürich ansiedeln wollten, sei die Verfügbarkeit gut ausgebildeten Personals entscheidend. «Es gibt in der Bildungsverwaltung wohl noch Fettpolster, die man abspecken könnte», so Hoesly. Unter keinen Umständen dürfe aber an der «Bildungsfront», bei den Lehrerlöhnen sowie bei der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften, gespart werden. Auch grössere Schulklassen sind für ihn nur eine Notlösung bei Lehrkräftemangel. Was die Volksschule betrifft, wären allerdings die Klassengrössen der Hauptfaktor, mit dem der Kanton in grösserem Ausmass Geld sparen könnte: Durchschnittlich zwei Schüler mehr pro Klasse brächten dem Kanton laut Volksschulamtschef Martin Wendelspiess Einsparungen von rund 28 Millionen Franken.

«Eklatanter Qualitätsabbau»

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (ZLV), sagt denn auch: «Die Klassengrössen machen uns am meisten Sorgen.» Wolle der Kanton wirklich 20 Millionen Franken pro Jahr bei der Volksschule sparen, liesse sich dies am ehesten mit grösseren Klassen machen, so Lätzsch. Sie warnt: «Das wäre ein eklatanter Qualitätsabbau.»

«Die Klassengrössen machen uns am meisten Sorgen.»Lilo Lätzsch, ZLV

Die ZLV-Präsidentin zeigt sich kämpferisch: «Wir werden alles daransetzen, dass bei der Volksschule kein Abbau stattfindet. Denn die Aufgaben nehmen zu.» Und auf Gemeindeebene finde angesichts knapper Budgets ohnehin schon ein Bildungsabbau statt.

Auch der Kantonale Gewerbeverband (KGV) wehrt sich gegen die drohenden Sparmassnahmen: «Kein Leistungsabbau in der beruflichen Grundbildung», betitelte er seine Medienmitteilung dazu. Einsparungen durch Effizienzsteigerung und Abbau von unnötiger Administration würden zwar begrüsst. Führten die Sparmassnahmen jedoch zu einem Leistungsabbau in der beruflichen Grundbildung oder zu Kosten, die den Lehrbetrieben neu überwälzt würden, lehne sie der KGV ab: «Langfristig sind die volkswirtschaftlichen Kosten dafür zu hoch.»

Drei Lektionen weniger?

Was das Sparprogramm für die prozentual am stärksten betroffenen Mittelschulen bedeuten könnte, rechnen deren Vertreter auf der Internetseite zum Tag der Bildung vor: Die geforderte Sparsumme von 18 Millionen Franken entspreche der Schliessung einer mittelgrossen Schule – oder der Abweisung von 900 Schülerinnen und Schülern. Als Alternative dazu könnte auch das Unterrichtsangebot um drei Lektionen pro Woche gekürzt werden. Dann allerdings wäre der Anschluss an die Hochschulen nicht mehr gewährleistet. Denn in den meisten Fächern werde schon jetzt nur das gesetzlich vorgeschriebene Minimum unterrichtet.

«Bildung und Forschung sind die Grundlage für den Erfolg von Wirtschaft und Gesellschaft.»Michael Hengartner, Universität Zürich

Zu den Unterzeichnern des «Zürcher Manifests für die Bildung» zählt auch Michael Hengartner, der Rektor der Universität Zürich. «Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Bildung und Forschung sich langfristig auszahlen und die Grundlage für den Erfolg von Wirtschaft und Gesellschaft ausmachen», erklärt er sein Engagement. Noch sei indes unklar, ob die Leistungsüberprüfung auch die Uni treffen werde.

Bildungsdirektorin Steiner hat sich bisher erst vage zu ihren Sparplänen geäussert: Es gelte, Aufgaben zu bündeln, sagte sie dieser Tage beim Dreikönigsmediengespräch der CVP. Bereiche, in denen erst kürzlich Volksabstimmungen oder Gesetzesänderungen stattfanden, wolle sie nicht antasten. Dazu zählen die Klassengrössen und die Hauswirtschaftskurse. Über die geplanten, aber noch nicht kommunizierten Sparmassnahmen wolle sie sich am 18. und 20. Januar mit Exponenten aus Schulen und Verbänden austauschen. «Das Schulfeld hat die Möglichkeit, Alternativen aufzuzeigen», so Steiner. ()

Erstellt: 09.01.2016, 09:22 Uhr

Zum Sparen verpflichtet

Insgesamt will der Zürcher Regierungsrat ab 2017 pro Jahr 600 bis 700 Millionen Franken einsparen, wobei die Spitäler und Rehakliniken mit einem Sparbeitrag von 228 Millionen Franken zahlenmässig am stärksten betroffen wären. Bei der Bildung sollen 50 Millionen eingespart werden. Ohne die Sparmassnahmen ergäbe sich für den Zeitraum 2012 bis 2019 laut Regierungsprognosen ein Finanzloch von 1,8 Milliarden Franken beim Kanton. Aufgrund der gesetzlich verankerten Ausgabenbremse ist der Regierungsrat verpflichtet, vor diesem Hintergrund Sparmassnahmen zu ergreifen.

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