Tösstal

Die Gämsen breiten sich aus

Innert zehn Jahren hat sich die Anzahl Gämsen im Kanton Zürich fast verdoppelt. Die Tiere lassen sich deshalb seit einiger Zeit auch in neuen Gebieten beobachten. Es sei denn, sie verstecken sich gerade vor einem Luchs.

Diese Gämse ist im Jahr 2016 in eine Fotofalle bei Sternenberg getappt.

Diese Gämse ist im Jahr 2016 in eine Fotofalle bei Sternenberg getappt. Bild: pd / Jagdgesellschaft Sternenberg

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Im Wald unterhalb des Hörnli-Gipfels im Tösstal sind sie öfter anzutreffen: Gämsen, die mit Leichtigkeit auch die steilsten Hänge überwinden. Sie fühlen sich in den wilden Tobeln der Gegend wohl. Doch immer mehr zieht es die Tiere auch in andere Regionen. So gibt es seit einiger Zeit auch Sichtungen am Uetliberg oder am Irchel, wie Urs Philipp, Leiter der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung sagt.

Seit rund zehn Jahren breiten sich die Gämsen im Kanton deutlich sichtbar aus. Die Zahlen sprechen für sich: 2008 lebten in Zürich gemäss Eidgenössischer Jagdstatistik 232 Tiere, 2017 waren es schon weit über 400 und ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar.

Die markante Zunahme überrascht auf den ersten Blick. Denn schweizweit ist der Bestand der Gämsen rückläufig. Die Gründe für den Rückgang in den Alpen sind laut einer Broschüre von Jagd Schweiz vielfältig: So hätten etwa die Freizeitaktivitäten stark zugenommen, was für die Tiere kräftezehrend sei. Auch der Klimawandel oder strenge Winter beeinflussen die Lebensräume der Gämsen. Hinzu komme die Verdrängung durch andere Arten, wie etwa unbehirtete Schafe, Rothirsche oder Steinböcke.

Eine entscheidende Rolle spielt aber auch die Jagd. Die Abschüsse sind in den vergangenen Jahren jedoch ebenso rückläufig wie die Bestände. Zudem sinke die Anzahl Gämsen auch in Gebieten, wo keine Jäger unterwegs seien. Das deutet laut Broschüre darauf hin, dass die Jagd nicht der einzige relevante Faktor ist.

Keine Krankheiten

Aber weshalb gibt es im Kanton Zürich immer mehr Gämsen? «Wir tragen den Tieren Sorge», sagt Urs Philipp, Leiter der Fischerei- und Jagdverwaltung. «Sie werden hier in der Regel nicht gejagt.» Wichtiger sei jedoch, dass die Tiere im Kanton Zürich von den erwähnten negativen Einflüssen in den Alpen weitgehend verschont blieben. Zudem breiten sich derzeit keine Krankheiten aus wie etwa die Gamsblindheit. Vor etwas über zehn Jahren war das anders. Damals wütete laut Philipp ein Blutparasit im Kanton und zahlreiche Tiere verendeten. So viele Gämsen wie aktuell lebten aber auch vor diesem Befall nicht im Kanton.

Ein Jäger konnte in Turbenthal einen Luchs filmen, nachdem dieser von einem Hund überrascht wurde. Video: pd/far

Im Tösstal sind die Bestände teilweise so hoch, dass der Kanton einzelne Abschüsse genehmigt, wie Philipp sagt «Die Populationen sollen langfristig den zur Verfügung stehenden Lebensräumen angepasst werden.»

In Deckung vor dem Luchs

Auch die Luchse, die im Tösstal unterwegs sind und sich tendenziell ausbreiten, konnten die dortigen Gämsen kaum dezimieren. Ende der 90er-Jahre habe es zwar einen Knick gegeben, sagt Philipp. Inzwischen haben sich die Gämsen aber an den Luchs gewöhnt. Sie verstecken sich nun besser und sind daher mancherorts seltener zu sehen. «Die Leute fragen uns, ob wir sie alle geschossen haben», sagt ein Jäger aus dem Tösstal. «Dem ist aber nicht so.»

«Wir tragen den Gämsen Sorge, in der Regel werden sie nicht gejagt.»Urs Philipp, Leiter der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich

Nicht nur die Gämsen breiten sich derzeit im Kanton aus. Auch der Rothirsch-Bestand wächst stark. Waren vor zehn Jahren noch wenige Dutzend Tiere unterwegs, sind es nun schon deutlich über 200. Geht es ungebremst so weiter, könnte das zu Problemen führen, denn Gämsen und Rothirsche bewegen sich in ähnlichen Gebieten und stören sich dabei gegenseitig. Dadurch steigt der Druck auf den Wald. Gämsen wie auch Rothirsche schälen mit ihren Zähnen gerne Rinde von Bäumen oder knabbern an Jungbäumen. Das verursacht Schäden für die Forstwirtschaft.

Je mehr Tiere es in einem Gebiet hat, desto eher steigt zudem das Risiko für Krankheiten. Oder sie finden weniger Nahrung und werden dadurch schwächer und müssen irgendwann leiden. Der Kanton beobachte die Entwicklung der Bestände im Tösstal genau, sagt Philipp weiter. «Die Kapazität für Wildtiere ist begrenzt.» Deshalb würden gezielt Abschüsse genehmigt.

Erstellt: 08.02.2019, 14:03 Uhr

Ein Hund gerät an einen Luchs und muss danach zum Tierarzt

Rothirsche und Gämsen sind vornehmlich im oberen Tösstal anzutreffen. Die Wildtiere fühlen sich aber etwa auch in Turbenthal wohl. In entlegenen Gebieten der Gemeinde lassen sich in seltenen Fällen zudem sogar Luchse beobachten, wie Jäger Matthias Kägi aus eigener Erfahrung weiss. Er war mit seinem Hund im vergangenen Herbst unterwegs, als der Deutsche Jagdterrier in einem Gebüsch plötzlich einen Luchs aufscheuchte. «Der Hund hatte keine Chance. Der Luchs packte ihn sofort mit seinen Krallen.»

Als Kägi auf die beiden kämpfenden Tiere zurannte, liess der Luchs aber rasch vom Hund ab und machte sich in den Wald davon. Ein Jägerkollege von Kägi konnte den Luchs gerade noch filmen, wie er relativ gemächlich davonspazierte. Der Hund kam weniger glimpflich davon. Er musste später von einem Tierarzt behandelt werden.

Urs Philipp, Leiter der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung hat vom Vorfall gehört, wie er sagt. Es sei extrem selten, dass ein Hund einem Luchs so nahe komme. Es sei bisher der einzige derartige Vorfall, von dem er wisse. Er gehe davon aus, dass der Hund den Luchs erschreckt hatte und dieser sich dann wehren wollte.

Seit 40 Jahren wieder da

Andernorts in der Schweiz kommt es hin und wieder vor, dass Luchse Nutztiere erlegen. 2017 wurden laut Wildtier-Beobachtungsstelle Kora hierzulande 75 Nutztiere von Luchsen gerissen, darunter zwei Schafe, 28 Ziegen und 80 Legehennen. Die Besitzer dieser Tiere wurden von Bund und Kanton entschädigt. Einer Kora-Schätzung zufolge lebten 2016 circa 205 unabhängige Luchse in der Schweiz. Ein Grossteil davon ist im Jura und in den Alpen unterwegs.

Vor rund 40 Jahren wurden Luchse in der Schweiz wieder angesiedelt. Obschon der Bestand inzwischen stabil ist, gilt die Art nach wie vor als gefährdet. Für Menschen sind die scheuen Raubtiere keine Gefahr.

In der Nordostschweiz wurden ab 2001 Luchse ausgesetzt. Zwar ist nicht bekannt, wie viele im Tösstal leben. Es tappen aber immer wieder Tiere in Fotofallen. Sieben verschiedene Luchse konnten im grösseren Einzugsgebiet von Winterthur zwischen 2015 und 2017 laut Kora identifiziert werden.

Luchse haben nicht nur Pinselohren, sondern auch Krallen. (Bild: pd)

Gämsen mögen Gräser

Problemlos können Gämsen steile Felswände erklimmen. Mit ihren spreizbaren Hufen und ihren gummiartigen Sohlen finden sie im Hochgebirge fast überall halt. Zudem können sie bis zu zwei Meter hohe und sechs Meter weite Sprünge absolvieren. Dennoch leben Gämsen nicht nur in den Bergen. Vor allem im Winter ziehen sie sich teilweise auch in tiefere Lagen und Wälder zurück, um dort Unterschlupf zu suchen.

Die Hörner von sogenannten «Waldböcke» tragen häufig eine Harzschicht, wie es auf der Internetseite des Nationalparks heisst. Gämsen ernähren sich von Gräsern, Kräutern, Baumtrieben oder Knospen. Sie verständigen sich untereinander nicht nur mit Geräuschen, wichtig ist für sie auch die Geruchswelt. Nach der Wahrnehmung eines aussergewöhnlichen Geruchs fliehen Gämsen schon bevor sie die Gefahr sehen können. (roh)

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