Prozess

Für Carlos geht es um alles oder nichts

Verwahrung oder Freiheit für Brian K. alias Carlos. Die Anträge von Staatsanwaltschaft und Verteidiger an der gestrigen Verhandlung liegen maximal weit auseinander.

Der Platz des Beschuldigten blieb leer. Staatsanwalt Ulrich Krättli (stehend) forderte die Verwahrung für Brian K.

Der Platz des Beschuldigten blieb leer. Staatsanwalt Ulrich Krättli (stehend) forderte die Verwahrung für Brian K. Bild: Illustration: Linda Graedel (Keystone)

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Kommt er, oder kommt er nicht? Der Auftakt zum Prozess gegen Brian K., der 2013 in einem Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens als Carlos bekannt wurde, verzögerte sich gestern. Brian K. weigerte sich, seine Zelle in der Strafanstalt Pöschwies zu verlassen.

Weder die aufgebotene Sondereinheit der Kantonspolizei noch der Vorsitzende Richter, der sich persönlich nach Regensdorf begeben hatte, konnten ihn umstimmen.

«Der Beschuldigte hat die Einsatzgruppe Diamant in seiner Zelle in Kampfstellung mit erhobenen Fäusten erwartet», sagte der Vorsitzende Richter Marc Gmünder. Man habe mit der Sondereinheit jedoch vereinbart, dass keine Gewalt angewendet werde, um Brian zur Verhandlung zu bringen.

Das Gericht bewilligte stattdessen ein Dispensationsgesuch, sodass die Verhandlung in seiner Abwesenheit durchgeführt werden konnte. Gemäss dem Gesuch sei eine Teilnahme an der Verhandlung aus psychischen Gründen nicht zumutbar.

Beschimpfungen,Drohungen und Schläge

Die 26 Seiten lange Anklageschrift, die gestern verhandelt wurde, listet 19 Dossiers und zahlreiche Straftaten auf, die der 24-Jährige in den vergangenen rund zwei Jahren in verschiedenen Haftanstalten gegenüber Angestellten und Mithäftlingen begangen haben soll. Sozusagen zum Standardrepertoire gehörten Beleidigungen wie «Hurensohn», die Androhung von Gewalt und Sachbeschädigung.

«Er ist dermassen gefährlich, dass man um eine
Verwahrung nicht herumkommt.»
Ulrich Krättli,
Staatsanwalt

Der gravierendste Vorfall ereignete sich Ende Juni 2017 in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies, als Brian in einem Gespräch angekündigt wurde, dass er zurück in die Sicherheitsabteilung verlegt werde. «Ich erkläre euch den Krieg», soll er gesagt und einen Stuhl durch den Raum geschmissen haben. Dann soll er einen anwesenden Aufseher mit Faustschlägen traktiert haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem durchtrainierten Kampfsportler deshalb versuchte schwere Körperverletzung vor. Hätte nicht eine bereitstehende Interventionsgruppe sofort eingegriffen, wäre der Mann wohl übel zugerichtet worden.

Der von der Staatsanwaltschaft gestellte Strafantrag hat es in sich: Anschliessend an eine siebeneinhalbjährige Freiheitsstrafe soll Brian K. für unbestimmte Zeit verwahrt werden. Ein Gutachten soll die Forderung der Staatsanwaltschaft stützen. Brian verweigerte die Zusammenarbeit mit dem Gutachter konsequent, sodass dieser ein reines Aktengutachten erstellen musste.

Bei der Befragung des Gutachters Henning Hachtel zeigte sich das Dilemma, das im Fall von Brian steckt: Das strenge Regime in den Justizvollzugsanstalten werde er bis zur «finalen Erschöpfung» bekämpfen. Eine Lockerung sei aufgrund seines Gefahrenpotenzials aber ebenfalls nicht angezeigt.

«Er soll aus der
Haft entlassen
werden und eine Entschädigung
erhalten.»
Thomas Häusermann,
Verteidiger

Für Staatsanwalt Ulrich Krättli war klar: «Natürlich ist es krass, wenn man einen erst 24-jährigen Mann für unbestimmte Zeit wegsperren muss. Aber er ist dermassen gefährlich, dass man um eine Verwahrung nicht herumkommt.» Andernfalls würde er früher oder später mit Sicherheit eine schwere Straftat begehen.

Er sieht sich seit seiner Jugend als Justizopfer

Thomas Häusermann, Brians Verteidiger, schilderte die Situation komplett anders. Sein Mandant befinde sich aus seiner Perspektive in einem andauernden Abwehrkampf gegen die Justiz, die ihm – wiederum aus seiner Perspektive – Unrecht antue. Brian sei schon als Kind und Jugendlicher mehrfach zu Unrecht und in unzulässiger Art und Weise angegangen worden. So wurde er beispielsweise mit 15 Jahren nach einem Suizidversuch in Untersuchungshaft in eine psychiatrische Klinik verlegt. Dort hatte man ihm während 13 Tagen an Händen und Beinen an ein Bett gefesselt.

Der angeblich schwerwiegende Vorfall in der Pöschwies hat sich gemäss Häusermann ganz anders zugetragen als in der Anklageschrift geschildert. Es sei vielmehr ein «Gerangel» zwischen Brian und den Aufsehern gewesen. Die festgestellten Verletzungen bei einem der Aufseher seien eher leichter Art gewesen, von versuchter schwerer Körperverletzung könne deshalb keine Rede sein.

Auch andere Anschuldigungen wies der Verteidiger zurück. Für die übrig bleibenden Delikte habe er eine angemessene Strafe längst verbüsst. «Er soll deshalb aus der Haft entlassen werden und eine Entschädigung erhalten.» Das Gericht gibt sein Urteil am kommenden Mittwoch bekannt.

Erstellt: 30.10.2019, 20:26 Uhr

Sondersetting sorgte für Schlagzeilen

Brian K. wurde 1995 in Frankreich geboren. Später zog die Familie nach Zürich, wo sein Vater als Architekt arbeitete. Die Eltern trennten sich, die Mutter zog zurück nach Frankreich, Brian blieb bei seinem Vater in Zürich.

Mit zehn Jahren wurde er wegen Verdachts auf Brandstiftung ein erstes Mal von der Polizei festgenommen. Es folgten monatelange Unterbringungen in verschiedenen geschlossenen Einrichtungen. Der Verdacht stellte sich später als falsch heraus. In den folgenden Jahren wurde Brian K. fremdplatziert in Pflegefamilien, Kinderheimen, besuchte Sonderschulen und war bald Dauerklient bei der Jugendanwaltschaft. 2013 erlangt der damals 17-Jährige schweizweite Bekanntheit durch einen Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens. Im Zentrum des rund 20-minütigen Dokfilms stand eigentlich nicht «Carlos», wie Brian K. genannt wurde, sondern die Arbeit von Jugendanwalt Hansueli Gürber.

Brian K. war als besonders schwieriger Fall Teil des Beitrags. Für Empörung in den Medien sorgte das teure Sondersetting für den Straftäter, zu dem unter anderem eine eigene Wohnung sowie regelmässiges Kampfsporttraining gehörten. (ple)

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