Winterthur

Fliegende Teppiche und tanzende Tücher

Die neue Sonderausstellung soll Luft begreifbar machen. Die Leiterin zeigt vor der Eröffnung einige Exponate. Darunter je eine Hommage an Spiderman und Marty McFly.

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Das Süsse ist Chefsache im Technorama. Thorsten-D. Künnemann, grossgewachsen, schlank, Brillenträger, steht vor einer runden Maschine und wickelt dünne Fäden auf ein Holzstäbchen. Es ist Zuckerwatte. «Zu stark karamellisiert», sagt der Direktor.

Er diskutiert mit einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: Zuckerwatte für die nächste Vernissage? Ja oder nein? Passen würde es ja. Die Süssigkeit besteht neben ein paar Gramm Zucker hauptsächlich aus Luft – und die ist Thema der Sonderausstellung, die ab morgen zu sehen ist.

Ideen aus New York

Was also ausstellen? «Luft ist nicht Nichts», sagt Ausstellungsleiterin Barbara Neff. «Sie ist zwar schwer begreifbar, aber man kann sie über ihre Wirkung darstellen.» Neff zeigt, an was die Tüftler und Bastler des Technoramas gearbeitet haben: im Innenhof ein Zelt, darin eine grosse Holzplattform. In der Konstruktion sind mehrere Gebläse versteckt.

Sie sollen einen Luftstrom erzeugen, der farbige Tücher, acht mal drei Meter gross, durch die Luft wirbeln lässt. Die Stoffe sollen sich in­ein­ander verschlingen, bis zu einer Höhe von acht Metern aufsteigen, miteinander tanzen. Erfinder dieser Luftfontäne ist Daniel Wurtzel, Künstler aus New York. «Die Feineinstellungen hat er höchstpersönlich vorgenommen», sagt Neff.

Der Rundgang geht weiter im Untergeschoss. Eine riesige Werkstatt, Tageslicht durch hoch liegende Fenster. Hier arbeiten Schreiner, Elektroniker, Schlosser. Sie stellen gerade ein Exponat fertig: eine rechteckige Röhre mit einem Deckel aus Glas. So gross, dass ein Mensch durchkriechen kann. Die Besucher sollen aber nicht kriechen, sondern ähnlich wie Spiderman kopfüber am Glasdeckel kleben.

Der Trick: eine Art Saugnapf für die Hände. Das Hilfsmittel er­innert an eine Maurerkelle. Es muss so robust gebaut sein, dass es eine Viertelmillion Besucher pro Jahr aushält. Die Eigenentwicklungen sind der grosse Stolz des Technoramas. «Wir bauen im Schnitt etwa 90 Prozent selber», sagt Neff.

Am Anfang stehe eine Liste mit Phänomenen, die zum Thema einer Ausstellung passen. Dann überlegen sich Physiker, Chemiker und Bio­logen, welche Phänomene reproduzierbar sind. Und wie. Gibt es ein gutes Konzept, wird ein Prototyp erstellt. Dann geht der Auftrag an die Werkstatt im Keller.

400 000 Franken habe das Technorama budgetiert, um die Exponate für die Sonderausstellung zum Thema Luft zu entwickeln. Alleine fürs Material. Der Aufwand lohnt sich – sofern das Technorama die Ausstellungsstücke nach zwei Jahren Sonderausstellung weitervermieten kann. «Wir haben jetzt schon eine Anfrage aus Warschau», sagt Neff.

Übernahmen aus Wolfsburg

Die europäischen Ausstellungshäuser, die sich den Naturwissenschaften und der Technik widmen, stehen im ständigen Austausch miteinander. «20 Exponate der aktuellen Sonderausstel-lung haben wir aus Wolfsburg übernommen», sagt Neff.

In der deutschen Stadt ist ein anderes sogenanntes Science Center, das sich schon früher des Themas Luft annahm. 20 weitere Ausstellungsstücke habe das Technorama selber dazugebaut – weil die Vorbilder aus Wolfsburg für Winterthur zu gross oder nicht gut genug waren.

Neff zeigt ein Ausstellungsstück im ersten Stock, mit dem sie nicht ganz zufrieden ist. Es soll die Auswirkungen von unterschiedlichen Druckverhältnissen demonstrieren: farbige Bälle in einer Holzkiste, am einen Ende ein offenes, vertikales Plexiglasrohr.

Der Besucher hält einen Schlauch in der Hand, Luft strömt heraus. Trifft der Luftstrom auf die obere Kante des Rohrs, entstehen rund um die Öffnung verschiedene Druckverhältnisse. Sie sorgen dafür, dass die Bälle wie von Zauberhand emporsteigen und dann durch die Luft fliegen. «Die wenigsten haben verstanden, dass sie den Schlauch direkt ans Rohr halten müssen.»

Deshalb steht daneben ein abgewandeltes Exponat des Technoramas: Hier ist der Luftstrom fix. Dafür schiebt die Besucherin das Rohr mit den Bällen in den Luftstrom. «Die Kunst ist es, das Experiment aufs Nötigste zu reduzieren.»

Überraschte Gesichter

Simpel ist auch ein Exponat, das Neff «die Luftkanone» nennt: eine Blechtonne auf einem Ständer, hinten eine Membran wie bei einer Trommel, vorne eine faustgrosse Öffnung. Schlägt ein Besucher auf die Membran, spürt eine andere Besucherin einen kleinen Luftstoss im Gesicht – mit etlicher Verzögerung. Überraschte Gesichter sind vorprogrammiert.

Die Tüftler und Bastler in Ober­win­ter­thur liessen sich selbst von einer Science-Fiction-Trilogie aus den Achtzigern in­spi­rie­ren: ein Hoverboard – ein schwebendes Skateboard aus «Zurück in die Zukunft» – soll dank einem steten Luftstrom über einem Luftbild des Technoramas schweben. Die Besucher sollen aber darauf sitzen und nicht wie Marty McFly stehen. «Deshalb nennen wir es auch den fliegenden Teppich.»

(zsz.ch)

Erstellt: 21.03.2016, 17:10 Uhr

«Luft – ist nicht Nichts»

Die Sonderausstellung des Technoramas zum Thema Luft kann ab Mittwoch, 23. März, besucht werden.

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