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Eva Baier lässt Forellen wandern

Künstliche Schwellen in Flüssen gefährden Fischbestände. ETH-Absolventin Eva Baier hat in Kollbrunn eine neuartigeFischtreppe getestet, die zahlreiche Tiere retten könnte.

Über grüne Kunststoffmodule können Fische den künstlichen Wasserfall in der Töss wieder überwinden. Eva Baier will die Fischtreppe allerdings noch verbessern.

Über grüne Kunststoffmodule können Fische den künstlichen Wasserfall in der Töss wieder überwinden. Eva Baier will die Fischtreppe allerdings noch verbessern. Bild: Marc Dahinden

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In der Töss leben vorwiegend Bach­forellen, Elritzen oder Groppen. Die Fische sind darauf angewiesen, dass sie im Flussbett wandern können. Etwa um verschiedene Wassertiefen zu erreichen oder um zu laichen. Oft ist das allerdings nicht möglich. Kraftwerke oder Betonverbauungen versperren ihnen den Weg.Die Umweltwissenschafterin Eva Baier hat einen Weg gesucht, damit Fische künstliche Hindernisse überwinden können. Und zwar ohne dass dafür lange und teure Bauprojekte nötig sind. Denn bis diese umgesetzt sind – so wie das seit 2011 gesetzlich vorgeschrieben ist ­–, könnte es für viele Tiere oder gar Arten schon zu spät sein.

672 Fische beobachtet

Eine mögliche Lösung steht in Kollbrunn an der Töss. Das Wasser fällt hier etwa drei Meter über eine Betonwand in die Tiefe. Lange Zeit war die Stelle für Fische unüberwindbar. Seit Mai 2015 können sie über einen von Baier mitentwickelten Prototyp namens Steffstep wieder stromaufwärts schwimmen.

Kürzlich hat die ETH-Absolventin im Rahmen ihrer Masterarbeit ausgewertet, wie häufig die Anlage tatsächlich genutzt wird. Zwei Tage lang steckte sie mit­hilfe eines Experten kleine Sender in die Bauchhöhlen von insgesamt 672 Fischen, die sie aus der Töss gefischt hatten. Später setzten sie die Tiere an verschiedenen Orten flussabwärts wieder aus. Mit Antennen oberhalb und unterhalb der Treppe konnten sie so aufzeichnen, ob und wann die Fische durch die Anlage geschwommen sind. Immerhin86 markierte Fische fanden den Eingang am unteren Ende der Treppe. 53 davon durchschwammen sie bis ganz nach oben und konnten so neue Lebensräume erschliessen. Zehn davon nutzen die Treppe gleich mehrmals und waren beim zweiten Mal schon deutlich schneller unterwegs.

Trotz des erfolgreichen Experiments: Das Resultat ist weniger gut, als Baier erhofft hatte. Eine Rolle spielte der extrem trockene Herbst 2015. Die Töss führte viel weniger Wasser als gewöhnlich, was die Wanderung der markierten Fische negativ beeinflusst hatte. Andere wurden womöglich von Graureihern oder Gänse­sägern gefressen.

Bisher nur für grosse Forellen

Eva Baier sieht aber auch Verbesserungspotenzial an der Fischtreppe selber. In einzelnen Becken seien ungünstige Strudel entstanden, sodass die Strömung für kleinere Fische wohl zu stark ist. Nur Bachforellen, die grösser sind als 16 Zentimeter, konnten sie überwinden. Eine neue Ausgestaltung einzelner Kunststoffmodule soll die Fliessgeschwindigkeit deshalb verlangsamen. Eine weitere Verbesserung könnte ein Schlauch bringen, der mehr Wasser direkt in das unterste ­Becken leitet und so Fischen den Weg in die Treppe besser weist. Diesen Sommer will Baier die angepasste Anlage erneut testen.

Die 26-jährige Konstanzerin erzählt begeistert von ihrem Projekt. Das wirkt auch auf andere ansteckend: Robert Naef, der gleich nebenan wohnt, schaut regel­mässig vorbei und hilft ihr gern. Baier darf beim 71-Jährigen Strom beziehen und bei Bedarf Werkzeuge ausleihen. Im Gegenzug berichtet sie ihm laufend von ihrem Projekt.

Auch andere konnte Baier von ihrem Vorhaben überzeugen: Unterstützt wird das Projekt vom Kanton, vom Bund und vor allem von der Walter Reist Holding AG. Die Firma aus Hinwil hat den Prototyp in Kollbrunn zusammen mit Eva Baier entwickelt und das Projekt vor allem auch ­finanziell ermöglicht.

Jeder Höhenmeter, der mit so einer Fischtreppe überbrückt wird, kostet rund 21 000 Franken. Baier hofft, dass es diese vergleichsweise tiefen Kosten und die flexible Anwendung ermöglichen, Fischtreppen künftig häufiger einzusetzen. Sie geht davon aus, dass hierzulande mehrere Tausend künstliche Hindernisse so vorübergehend überwunden werden könnten. Und zwar so lange, bis diese wie gesetzlich vorgeschrieben dauerhaft saniert werden können. Menschengemachte Hindernisse gibt es in der Schweiz genug. Insgesamt seien es rund 100 000, schätzt Baier.

Eines davon hat sie vor rund fünf Jahren erst auf die Idee gebracht, nach Lösungen zu suchen. Baier sass am Ufer der Sihl in Zürich und beobachtete, wie Fische aus dem Wasser sprangen und gegen eine Betonwand prallten. Immer und immer wieder. Seither lässt sie das Thema nicht mehr los.

Erstellt: 23.03.2016, 21:10 Uhr

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