Krematorium

Zwei Gramm Gold bleiben zurück

Ab Herbst werden im Krematorium Nordheim Wertstoffe aus der Asche der Verstorbenen wiedergewonnen – sofern die Angehörigen das gutheissen. Auch sonst richtet man sich ganz nach deren Wünschen. Ein Augenschein.

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Das Krematorium Nordheim, idyllisch gelegen unweit des Bucheggplatzes in Zürich, ist das grösste der Schweiz und eines von dreien im Kanton Zürich. Winterthur und Rüti verfügen über je zwei Verbrennungsöfen, im Nordheim gibt es sechs. Rund 6500 Personen wurden letztes Jahr in ihnen kremiert, erklärt Betriebsleiter Cyrill Zimmermann auf einem Rundgang. Dieser führt auch an der neuen Urnenabfüllanlage vorbei. Sie dient wie die bestehende Einrichtung dazu, die ausgebrannten Knochen zu zerkleinern. «Sie zerfallen ganz leicht», sagt Zimmermann. Der Clou am neuen Gerät, das erst zu Testzwecken aufgebaut ist: Es kann die in der Asche enthaltenen Kleinstpartikel von Wertstoffen abscheiden. Dies geschieht mechanisch mittels Sieb, Walze und Zentrifuge.

«Nicht ganz einfach»

Es geht vor allem um die Rückgewinnung von Metallen, die aus medizinischen Gründen in den Körper gelangt waren, Titan zum Beispiel aber auch viele andere. Der am häufigsten vorkommende Stoff dürfte Gold aus Zahnreparaturen sein. Es gibt Schätzungen, wonach pro Verstorbenen zwei Gramm davon anfallen.

Das Stadtzürcher Krematorium Nordheim ist das grösste der Schweiz. Mehr als 6000 Kremierungen finden pro Jahr statt. Eine neue Anlage erlaubt die Rückgewinnung von Wertstoffen, wie Betriebsleiter Cyrill Zimmermann erklärt. Video: Thomas Marth

«Es macht keinen Sinn, diese Stoffe in den Boden einzubringen», sagt Zimmermann. Und der Erlös, der in die Stadtkasse fliessen wird, werde einen Beitrag an die nicht geringen Betriebskosten der Öfen leisten. Allerdings, so betont er, werde man jedes Mal die Angehörigen zuerst fragen, ob das für sie auch in Ordnung gehe. «Das wird wohl nicht ganz einfach sein», fügt er an.

Hilfreich dürfte sein, dass man über einiges Know-how verfügt, was den einfühlsamen Umgang mit Trauernden angeht. Denn vieles gibt es zu regeln, auf vieles gilt es Rücksicht zu nehmen.

40 bis 140 Verstorbene befinden sich jeweils im Gebäudekomplex des Krematoriums. Sie sind untergebracht in unterschiedlich klimatisierten Räumen. Je weiter fortgeschritten die todesbedingten Veränderungen des Körpers sind, desto kühler ist der Raum. 32 Zimmer stehen zur Verfügung, in denen die die Angehörigen Abschied nehmen können.

«Es ergibt keine Sinn, diese Stoffe in den Boden einzubringen.»Cyrill Zimmermann

Am aufgebahrten Sarg wird dafür jeweils der Deckel abgenommen – ausser jemand möchte das nicht; es muss besprochen werden. Es gelten Öffnungszeiten – ist jemand dann nicht abkömmlich, kann einem Verwandten ein Schlüssel für einen früheren oder späteren Besuch mitgegeben werden; es muss besprochen werden.

Bei aller Erfahrung

Zimmermann bringt die Voraussetzungen für solche Gespräche mit. Er ist Bestatter, so wie die anderen Angestellten auch. Die Ausbildung läuft berufsbegleitend und dauert zwei Jahre. Er selbst hat eine Druckerlehre gemacht, war dann als Sozialpädagoge tätig und hat eine Wohngruppe für Demenzpatienten aufgebaut. Dort hat er auch Sterbende begleitet und ist so erstmals professionell mit dem Tod in Berührung gekommen.

Bei aller Erfahrung aber, die sich mit den Jahren einstellt – der Umgang mit dem Tod kann auch belastend sein. So sei er froh, sagt Zimmermann, dass sie unter den Angestellten alle zwei Wochen die Chargen wechselten. Aufbahrungen vorzubereiten ist dann eine Abwechslung zur Arbeit bei den Öfen, ebenso bei einer Abdankung zum Rechten zu sehen. Dabei könne es vorkommen, dass er während der Zeremonie die CD mit der Lieblingsmusik des Verstorbenen einlege, sagt Zimmermann. Oder er schliesse einen Projektor an für eine Powerpoint-Präsentation, welche die Stationen im Leben des Verstorbenen festhält. Es geschieht so, wie es besprochen worden ist. (Landbote)

Erstellt: 31.07.2018, 10:52 Uhr

Neues Reglement

Am 1. September tritt in der Stadt Zürich ein überarbeitetes Reglement für Bestattungen und Friedhöfe in Kraft. Es hält unter anderem fest, dass die Islam-konformen Grabfelder in Witikon auch für die Nachbargemeinden zur Verfügung stehen. Im Weiteren schafft das neue Reglement die Grundlage für die Wertstoff-Rückgewinnung aus Kremationsasche. Erstmals geregelt ist damit auch die immer schon praktizierte Entnahme von Hüftgelenken, Stents und dergleichen, die im Feuer nicht zerfallen. (tma)

Krematorium Nordheim

Sechs Verbrennungsöfen und mehr als 6000 Kremationen jährlich

Von den rund 6500 Verstorbenen, die jährlich im Krematorium Nordheim eingeäschert werden, stammten etwa die Hälfte aus der Stadt Zürich, sagt Sergio Gut, Direktor des städtischen Bevölkerungsamts. Letztes Jahr stieg die Zahl auf über 7000, weil man der Stadt Basel aushalf, die ihr Krematorium erneuerte.

Bei den sechs Verbrennungsöfen im Krematorium Nordheim handelt es sich um Elektrospeicheröfen. Auf den Morgen hin werden sie auf 650 Grad geheizt. So entzündet sich der Sarg und der Verbrennungsvorgang startet. Die Temperatur steigt dann bis 1000 Grad. Das genügt, damit den Tag hindurch keine Energie mehr zugeführt werden muss. Nach rund ein bis zwei Stunden ist ein Leichnam kremiert. Bis am Abend können sechs Leichname pro Ofen eingeäschert werden.

Es gebe genau festgelegt Abläufe, damit es zu keinen Verwechslungen komme, erklärt Gut. Dies beginnt damit, dass die beschrifteten Särge am Morgen im Vorraum der Öfen bereitgestellt werden, entsprechend werden bei den Ausgängen der Öfen die mit Namensschilder versehenen Urnen aufgereiht. Es ist jeweils ein Angestellter zugange bei den Ofeneinlässen und einer im Stockwerk darunter, wo sich die Entnahmeklappen für die Asche befinden. Hier ist der Zwischenboden ausgespart, sodass eine Kommunikation durch Zurufen möglich ist. Der oben tätige Kollege teilt jenem unten stets den Namen dessen mit, der gerade in den Ofen eingefahren ist, und der Kollege unten schreibt ihn auf eine Tafel neben dem Auslass.

Die durch den Rost gefallenen Überreste werden zum Ausglühen vor den Auslass geschoben, noch während oben der nächste Sarg einfährt – womit dann zwei Namen auf der Tafel stehen. Die Öfen werden gerade überholt. Sie erhalten eine elektronische Steuerung. Dann kann der Name oben eingetippt und unten am Bildschirm abgelesen werden. (tma)

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