Showdown

«Es ist mein oberstes Ziel, dass die Rentenreform enkeltauglich wird»

Der Machtpoker um die Rentenreform geht nächste Woche im Parlament in Bern in die entscheidende Runde. Die Winterthurer EVP-Nationalrätin Maja Ingold (68) hofft zwar auf einen Durchbruch, hat aber derzeit «ein mulmiges Gefühl».

Die Winterthurer Nationalrätin Maja Ingold (EVP) kämpft für die Rentenreform.

Die Winterthurer Nationalrätin Maja Ingold (EVP) kämpft für die Rentenreform. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Laut einer aktuellen Umfrage erachtet rund die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer ihre künftige AHV-Rente als unsicher. Sind das berechtigte Sorgen und Ängste?
Maja Ingold:Ja. Die Sorgen und Ängste sind berechtigt. Denn die Leute sehen ja, dass wir alle immer älter werden. Und sie sehen auch, dass in den nächsten Jahren immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen. Es ist klar, dass ein solches Ungleichgewicht die Menschen in der Schweiz verunsichert. Doch die Sorgen bestehen nicht nur bei der AHV, sondern auch in Bezug auf die Pensionskassenrente. Denn die Umwandlungssätze sinken. So liegt beispielsweise der Umwandlungssatz bei der kantonalen Verwaltung in Zürich im überobligatorischen Teil bereits heute unter fünf Prozent, was für viele zu deutlich tieferen Renten führen wird.

Klar ist aber auch: Die aktuelle Rentenreform, die die künftige Finanzierung sichern soll, dient nicht gerade dazu die Leute zu beruhigen. Denn noch sind die Fronten unter der Bundeskuppel verhärtet. Wie gross ist die Gefahr, dass die Reform in der kommenden Woche scheitert?
Das hängt letztlich ganz davon ab, inwieweit sich die National- und Ständeräte noch an ihr letztjähriges Versprechen erinnern und daran halten.

Und das lautet?
Wir haben uns als oberstes Ziel gesetzt, dass diese Rentenreform nicht scheitern darf. Dass sie also nicht schon im Parlament abgelehnt wird.

Leider müssen wir heute ganz ernüchtert feststellen, dass nicht alle Leute im Parlament eine Reform wollen.

Doch genau diese Gefahr ist derzeit alles andere als gebannt.
Das stimmt. Und seit ich verschiedenste Stimmen höre, wie, «Ein Scheitern wäre besser», habe ich eher ein mulmiges Gefühl. Ich finde solche Aussagen und eine solche Haltung absolut unverantwortlich.

Woher stammen diese Sprüche?
Eher von der rechten Seite, insbesondere von Seiten der Wirtschaftsverbände. Und die SVP schien von Anfang an nicht an einer Mehrheitslösung interessiert. Leider müssen wir heute ganz ernüchtert feststellen, dass nicht alle Leute im Parlament eine Reform wollen. Dazu kommt, dass die Politiker bei langen Parlamentsprozessen mit der Zeit dazu tendieren immer dogmatischer und unflexibler zu werden. Die Kooperations- und Konsensbereitschaft lässt nach. Gerade als Mittepolitikerin, als die ich mich ganz besonders auf die Suche nach einem Kompromiss mache, bedaure ich solche Entwicklungen sehr.

Dennoch sehen Sie einen Silberstreifen am Horizont. Warum?
Es liegen ja derzeit je ein Rentenreform-Konzept des Ständerates und des Nationalrates vor. Immerhin lässt sich heute sagen – und das zu wissen, kann man durchaus als berechtigte Hoffnung sehen –, dass beide Konzepte der Räte vorsehen, dass die Renten nicht gesenkt werden sollen. Ziel der zwei Vorschläge soll es also sein, dass jede Rentnerin und jeder Rentner am Schluss gleich viel im Portemonnaie hat. Auch wenn es Unterschiede bei der Vorgehensweise gibt, so könnte ich letztlich dennoch beiden Konzepten zustimmen.

«Ich mache nicht für mich persönlich Politik, sondern für die nachkommende Generation»

Sie selber würden aber der Ständeratslösung den Vorzug geben?
Ja, das ist richtig. Die zentrale Differenz zwischen National- und Ständerat bleibt ja der Mechanismus zum Ausgleich der Renteneinbussen, die durch die Senkung des Umwandlungssatzes in der obligatorischen beruflichen Vorsorge entstehen. Die Lösung des Nationalrats sieht im Wesentlichen vor, dass die Versicherten mehr in die zweite Säule einzahlen, um später gleich viel Rente zu erhalten. Wichtigste Massnahme ist die Abschaffung des Koordinationsabzugs. Der Ständerat will hingegen die neuen AHV-Renten um 70 Franken aufstocken. Von allen geprüften Modellen hat jene des Ständerats die beste Kosten-Nutzen-Wirkung.

Und wenn es nächste Woche dann doch zu einem Scherbenhaufen kommt?
Dann wird das Defizit der AHV weiter alljährlich in Milliardenhöhe anwachsen und wir überlassen dann diesen Schuldenberg einfach so der nächsten Generation. Gut möglich, dass der Leidensdruck derzeit noch zu wenig gross ist. Aber wenn wir jetzt nicht etwas tun, dann sind wir später dazu gezwungen über höhere Lohn- und Mehrwertsteuerprozente die AHV zu sanieren. Wer will das?

Sie entscheiden im Nationalrat über Dinge, die Sie selber nur noch indirekt betreffen, denn Sie werden im Mai 69 Jahre alt. Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt opportun über Fragen mitzuentscheiden, die vor allem Ihre Nachkommen beantworten sollten?
Ich mache nicht für mich persönlich Politik, sondern eben für die nachkommende Generation, für die Gesellschaft von morgen.

Aber sollte man nicht dennoch solche Entscheide von Anfang an den Jüngeren überlassen?
Es ist ja heute schon so, dass bei vielen Abstimmungen eine Mehrheit der Älteren über die Zukunft der Jüngeren entscheidet. Wichtig ist einfach, dass wir Älteren auf die Jüngeren hören, uns auf sie einlassen. Und wenn die Jüngeren deshalb zu Recht fragen, «Was ist nun mit unseren Renten?», dann ist es eben gerade mein absolut oberstes Ziel, dass diese Rentenrevision enkeltauglich wird.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.03.2017, 12:35 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!