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Ein sanguinisches Spektakel

Die lange Blutspur des Musicals «Tanz der Vampire» über europäische Bühnen führt jetzt auch in die Schweiz.

Die Knoblauchkur im Herrschaftsgebiet des Vampirs ist von beschränkter Wirkung – Graf von Krolock findet im Sanatorium seine blutjunge Beute.
Die Knoblauchkur im Herrschaftsgebiet des Vampirs ist von beschränkter Wirkung – Graf von Krolock findet im Sanatorium seine blutjunge Beute.
Andreas J. Etter

Die Untoten sind wirklich unter uns. Das beweist das Theater St. Gallen. Immer mal wieder erscheinen die Vampire blutwarm auf dieser Bühne. Das Publikum erwartet sie jeweils sehnlich, und ihr verderbliches Tun, das einer «unstillbaren Gier» geschuldet ist und an dem sie selber schrecklich leiden, bewegt und begeistert das Publikum: So viel Jubel, so ­rasches Hochschnellen von den Sitzen nach dem Blackout auf der Bühne wie an der Premiere des Musicals «Tanz der Vampire» ist auch für das verwöhnte St. Galler Haus rekordverdächtig.Seinen vielhundertjährigen Blut­durst stillt der aristokratische Vampir in St. Gallen nicht zum ersten Mal. Lechzt er hier nun als Graf von Krolock nach dem Saft der jungen Sarah, die seiner Faszination erliegt, war er als Graf Dracula letztmals zu­gegen, als Frank Wildborn und Christopher Hamptons Musical 2005 in der transsilvanischen Schweiz eine Neuinszenierung und die europäische Uraufführung erlebte.

Vom Film zum Musical

Jenes Broadway-Musical endete ganz romantisch mit Draculas Erlösung zum richtigen Tod. Um so bemerkenswerter der Rückfall des Blutsaugers, zumal er sich wieder desselben Körpers bedient: Als Krolock steht wie damals als Dracula Thomas Borchert auf der Bühne, der Musicalstar, der in St. Gallen auch schon Merlin und Graf von Monte Chris­to war. Und noch immer zeigt sich: Er hat das Dämonische und zerstörerisch Erotische in allen Facetten von Stimme, Gestalt und Spiel im Blut, von dem er nie genug haben kann.

Sein Unwesen treibt der Mann mit der fatalen Anziehungskraft auf junge Frauen diesmal weniger nach den Vorgaben von Bram Stockers Roman «Dracula» (1897) als nach Roman Polanskis parodistischem Film aus dem Jahr 1967, der sich nicht um den Psychokram des Vampir-Stoffes scherte. Der Filmregisseur war bei der Umarbeitung seiner Vampir-Parodie mit von der Partie, der gewiefte Dramaturg und Reimkünstler Michael Kunze schrieb das Buch mit dem komisch-ernsten Fokus auf ein Adoleszenzdrama, Jim Steinmann, der auch für Hitparade schreibt, komponierte die eingängige Nervenmusik.

Was eine kleine Band unter der Leitung von Robert Paul mit der durchkomponierten Partitur über die Lautsprecher zu hören gibt, ist erstaunlich: packende Klanggemälde bis ins Bombastische, lyrische Ergüsse bis ins Filigrane, Schock- und Spannungsmomente, die ganze Bandbreite von flockigem Sound und Rock-power zum Tanz der Vampire.

Erste Neuinszenierung

Premiere des Stücks war 1997 in Wien. In sogenannten «Replica-Versionen» läuft es seither unentwegt. Im Theater St. Gallen ist der «Tanz der Vampire» nun erstmals neu inszeniert worden, und Ulrich Wiggers (Inszenierung) und sein Team haben auch eine sehr eigene Sicht auf den Stoff entwickelt. Der Vorlage von Polanskis Vampir-Parodie bleiben sie allerdings treu in manchen szenischen Details des Films, vor allem aber in der (schwarz-)humorigen Grundhaltung.

Eine prächtige Comicfigur gibt zumal Sebastian Brandmeir als staubtrockener Professor Abronsius mit Getrippel und umwerfenden Schnellsprecharien à la Rossini ab. Natürlich ist er als einzige blutleere Gestalt im Spiel vollkommen sicher vor den Vampiren. Die anderen sind gefährdet: Tobias Bieri als Alfred, sein Assistent, amüsiert als Hasenfuss, lässt aber klangrein auch rührend das Herzblut des Verliebten kreisen. Für die schüchterne Liebe zu ihm scheint auch Mercedesz Csampais helle Stimme zu strahlen, fast mehr sogar als für den erotischen Aufbruch zum Ball des Grafen von Krolock, zu dem es sie magnetisch hinzieht.

Die Wirkung des Knoblauchs

Der Weg zum Vampir-Ball führt nicht durch die verschneite transsilvanische Landschaft. Die knoblauchverhangene Herberge des Films ist nun ein Sanatorium. Auch hier soll die Knolle die Gesundheit fördern. In einem Flügel des Schlosses untergebracht, widmen sich die Gäste der Knoblauchkur. Den anderen Flügel bewohnt der Graf. Gekonnt meistert Hans Kudlichs Bühnenbild die Wechsel des doppelgesich­tigen Anwesens mit Trinkhalle (mit Knoblauchbrunnen), Fitnessraum, Gäste- und Badezimmer in verfänglicher Anordnung, mit gräflichem Musiksalon, Gruft und Ballsaal.

Die Regie hat es darauf angelegt, die Vampir- und Menschenwelt zu durchmischen. Ensemble und Tanzkompanie tun es san­guinisch furios in den bizarren Tanzszenen (Choreografie: Jonathan Huor); spielfreudig und köstlich skurril wechseln Figuren wie Chagal (Jerzy Jeszke) und die von ihm belästigte Magda (Sanne Mieloo) die Seiten.

Der Graf behält den Durchblick und führt zusammen mit seinem Diener Koukol (Thomas Huber) den Vampir-Forscher an der Nase herum. Zwar entwischt ihm Sarah mit Alfred – allein, es ist zu spät. Vom Grafen am Hals geküsst, blitzen jetzt beim ersten Kuss auch Sarahs Vampirzähne – und so schaurig schöne und schön schaurige Kussszenen wie an dieser Premiere haben wir wohl noch nie gesehen.

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