Ein Königreich für einen Wollpullover

Ein König und ein Hirte irren durch Zürich und suchen das Jesuskind. Sie finden es an einem Ort, an dem man es am wenigsten erwarten würde. Eine wunderliche Weihnachtsgeschichte.

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Ein Hirte zieht mit seiner Herde durch die Stadt Zürich. Ein König kommt auf einem O-Bike angesaust und klingelt energisch.

König: Platz da! Was soll denn das! Ich dachte, die Stimmberechtigten hätten die Anti-Stau-Vorlage angenommen – und nun verstopfst du mit deinen Schafen trotzdem die Strasse?

Hirte: Das sagst ausgerechnet du mit deinem Mietvelo! Die sind doch das viel grössere Hindernis, sie verstellen sämtliche Plätze in der Stadt.

König: Mehr Respekt bitte! Ich bin einer der Könige, der gekommen ist, um das Jesuskind zu besuchen.

Hirte: Mit einem O-Bike?

König (murmelt verlegen): Mein Kamel hatte einen Plattfuss. Ich musste deshalb umsteigen und habe eines dieser Velos genommen, die überall herumstehen. Aber nächstes Jahr wird alles ­anders: Dann komme ich mit der Formel E nach Zürich. Oder ich lande mit dem Business-Flieger auf dem Flugplatz Dübendorf.

Hirte (beeindruckt): Du hast ein Kamel? (blickt auf seine Schafe) Das ist ziemlich exotisch. Wo kommst du denn her?

König: Sag ich nicht. In der Stadt Zürich nennt man seine Herkunft nicht mehr – das ist politisch nicht opportun.

Hirte: Das findet nur die Stadtpolizei, die neuerdings in ihren Mitteilungen die Nationalität von Tätern verschweigt. Aber du behauptest ja, du seist ein König, und kein Krimineller. Wobei – wo ist da heutzutage noch der Unterschied?

König: Werde bloss nicht frech, Untertan!

Hirte: Ich bin nicht dein Untertan. In diesem Land gibt es keine Könige. Selbst im Fifa-Hauptsitz nicht mehr.

König: Ach ja? Und was ist denn dieses Schloss dort oben? Wohnt dort etwa kein Regent?

Hirte: Das ist The Dolder Grand. Dort sind ebenfalls keine Könige untergebracht. Höchstens Kunst, sofern die Zollverwaltung sie noch nicht beschlagnahmt hat.

König: Das Jesuskind befindet sich also auch nicht dort?

Hirte: Meinen Informationen ­zufolge nicht. Aber sag einmal: Wieso suchst du denn bereits jetzt nach ihm? Du bist erst am 6. Januar dran!

König: Ich bin sicherheitshalber genug früh losgereist, weil es in der Stadt schwierig ist, Parkplätze zu finden. Sie verschwinden ja nach und nach. Zudem habe ich als Weiser aus dem Morgenland einen langen Weg …

Hirte: Ha! Jetzt hast du mir deine Herkunft doch verraten!

König: Hmpf … Wieso rede ich überhaupt mit dir?

Hirte: Weil du nicht weisst, wo das Kind ist.

König: Das ist leider wahr. Ich dachte, es sei vielleicht in einem der Stadtspitäler zur Welt gekommen.

Hirte: Die wären sicher froh um etwas mehr Auslastung, die stecken finanziell dermassen in der Krise. Aber nein, dort ist es nicht.

König: Wo dann? Ach, früher war alles einfacher. Da musste man das Jesuskind jeweils in einem Stall suchen. Aber das ist nicht mehr zeitgemäss. Und, wie ich finde, auch nicht standesgemäss.

Hirte: Typisch Monarch! Bei euch muss immer alles glitzern und glänzen. Was soll denn an einem Stall nicht recht sein? Meine Schafe fühlen sich darin immer sehr behaglich.

König: Darüber will ich jetzt wirklich nicht diskutieren! Ich will bloss wissen, wo das Kind ist. Lange bin ich dem Stern von Bethlehem gefolgt, aber vor Zürich habe ich ihn aus den Augen verloren. Beziehungsweise hat mich das helle Licht dort drüben in die Irre geführt.

Hirte: Das ist die Weihnachts­beleuchtung des umtriebigen Beizers auf dem Uetliberg. Sie überstrahlt alles.

König: Fürwahr – an allen anderen Orten ist es dunkel.

Hirte: Das liegt an den geplanten Hochbauten im Uniquartier und beim neuen Stadion: Sie werfen ihren Schatten schon voraus, ­bevor sie überhaupt gebaut sind.

König: Schattig ist es auch auf dem Sechseleuteneggerplatz. Dort stellt so ein Kerl ständig Sonnenschirme auf.

Hirte: Sechseläutenplatz heisst der. Und bei diesem sollte es nicht so sehr darum gehen, wie viel Schatten es hat – sondern darum, wie viele Anlässe darauf stattfinden dürfen.

König: Das wird mir jetzt langsam zu kompliziert. Ich will doch nur wissen, wo das Kind ist. Hilfst du mir jetzt oder nicht?

Hirte (gönnerhaft): Schliess dich meiner Herde an und ich führe dich hin.

König: Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ich bin ein König! Nicht ich folge den einfachen Leuten. Sie folgen mir!

Der König mischt sich widerwillig unter die Schafe und stösst griesgrämig sein Velo hinter dem Hirten her. Dieser führt ihn zu Entsorgung + Recycling Zürich.

König (erstaunt): Und hier soll das Kind untergebracht sein? Ausgerechnet da, wo entsorgt und recycelt wird?

Hirte: Ich bitte dich – das hier ist eine Wellnessoase! Vier ausrangierte Klärschlammbecken sind für viel Geld umgebaut worden: zu einem Fischteich, einem Naturteich, einem biologischen Klär­teich und einem Badeteich.

König: Das ist jetzt aber eine grosse Überraschung.

Hirte: Sie ist nicht die einzige bei Entsorgung + Recycling Zürich: Eine schwarze Kasse im Tresor, heimlich gekaufte Dienstwagen und vieles mehr ist zum Vorschein gekommen.

König: Ich bin sprachlos. – Aber wie gelangen wir hier hinein? Siehst du diesen Typ mit dem langen weissen Bart? Das ist eine Zutrittskontrolle.

Wächter (laut): Halt! Was macht ihr da? Hier kann man nicht einfach so ein- und ausgehen.

Hirte (in strengem Ton): Wir sind von der parlamentarischen Untersuchungskommission. Du musst uns hineinlassen.

Wächter: Netter Versuch. Glaubt ihr, auf so etwas falle ich herein? Hier gibts kein Durchkommen. Ich beschütze das Jesuskind.

König (drängt sich vor): Dürfen wir zu ihm? Wir bringen Geschenke! Jedenfalls ich: Gold, Myrrhe und Weihrauch.

Wächter (empört): Was denkst du eigentlich? Dass man sich mit Reichtum alles erkaufen kann?

König: Im Gegensatz zu diesem Kerl, der nach Schaf riecht, habe ich wenigstens etwas vorzuweisen.

Hirte (beschämt): Ich habe nur einen Pullover aus Schafwolle als Geschenk.

Wächter (mustert den Hirten, dann hellt sich seine Miene auf): Das wird dem Kind gefallen. Die Nächte sind kühl, und die soziale Kälte nimmt in unserem Land zu.

König (protestiert): Das ist doch dummes Gerede! Überall spricht man von der Klimaerwärmung. Und nächstes Jahr beginnt das Wahljahr – die Politiker werden sich da wärmstens empfehlen und hitzig debattieren. Das macht jeden Kälteschutz überflüssig.

Dieser Einwand vermag den Wächter jedoch nicht zu überzeugen. Und so wird nur der Hirte für einen Besuch beim Kind empfangen. Und was lernen wir dar­aus? Wenn Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, morgen Abend wieder einmal einen selbst gestrickten Pullover oder dicke Wollsocken unter dem Tannenbaum finden, so denken Sie dar­an: Es gibt weitaus unpassen­dere Geschenke. – Frohe Weihnachten! (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 23.12.2017, 11:26 Uhr

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