Zürich

Ein Ja mit bitterem Beigeschmack

Das Stimmvolk schenkt den Limmattalern eine Bahn – doch die lehnen das Präsent ab. 54 Prozent der Stimmberechtigten im Bezirk Dietikon haben sich gestern gegen das 510-Millionen-Projekt ausgesprochen.

Der Kesslerplatz in Schlieren – eine von 27 Haltestellen entlang der Limmattalbahn, die ab 2022 zwischen Zürich-Altstetten und Killwangen AG verkehren wird.

Der Kesslerplatz in Schlieren – eine von 27 Haltestellen entlang der Limmattalbahn, die ab 2022 zwischen Zürich-Altstetten und Killwangen AG verkehren wird. Bild: pd

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Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) zeigte wie gewohnt ihr gewinnendes Lächeln, als sie gestern vor die Medien trat und das Abstimmungsresultat zur Limmattalbahn verkündete. Mit 64 Prozent hatte sich eine deutliche Mehrheit der Zürcher für das Projekt ausgesprochen. Doch grenzenlose Freude wollte nicht aufkommen. Denn die meisten Standortgemeinden lehnen die Bahn ab. Im Bezirk Dietikon lag der Nein-Anteil bei 54 Prozent, im Bezirkshauptort Dietikon bei 64 Prozent.

Dass die vermeintlichen Nutzniesser ein 510-Millionen-Franken-Geschenk ausschlagen wollen, ihnen der Kanton eine Tramverbindung aufzwingt, schien Walker Späh allerdings nicht sonderlich zu beunruhigen. Die Volkswirtschaftsdirektorin sprach von einem wichtigen Tag für den öffentlichen Verkehr im Kanton Zürich – «und einem historischen Tag für das Limmattal, auch wenn das dort noch nicht so angekommen ist, wie wir uns das wünschen».

Angst vor Wachstum

Im Limmattal bleibt man allerdings skeptisch, allen voran die Kritiker des Projekts, angeführt vom Komitee «Masslose Limmattalbahn – Nein!». Präsident Christian Meier sprach gestern von einer «schwierigen Situation», in der man sich nun befinde.

Einerseits zeige das Resultat, dass es richtig gewesen sei, das Referendum zu ergreifen – trotz der deutlichen Zustimmung für das Vorhaben seitens des Zürcher Parlaments und der Limmattaler Exekutiven. Andererseits sei es seinem Komitee offensichtlich nicht gelungen, sich im übrigen Teil des Kantons genügend Gehör zu verschaffen: Sowohl was die ­finanziellen Konsequenzen betreffen als auch die Bedenken der Limmattaler.

Die Gründe der Ablehnung seien wohl von Gemeinde zu Gemeinde verschieden, sagte Meier. Grundsätzlich lasse sich aber sagen, dass das Wachstum der letzten Jahre nicht das gebracht habe, was der Bevölkerung versprochen wurde. «Der wirtschaftliche Nutzen kann den Verlust an Lebensqualität nicht kompensieren», sagte Meier. Die Limmattalbahn werde die Problematik verschärfen, ist die Opposition überzeugt. Sie plädiert dafür, Strassen und Busnetz auszubauen, um dem zunehmenden Durchgangsverkehr entgegenzuwirken.

Walker Späh betonte deshalb, dass ja nicht nur eine Bahn gebaut werde. Zusätzliche 136 Millionen Franken hat der Kanton gesprochen, um das Strassennetz anzupassen. «Der Vorteil des Projekts besteht ja gerade darin, dass eine Gesamtlösung vorliegt, welche die Zentren vom Durchgangsverkehr entlastet.»

Rücksicht auf Anwohner

Walker Späh zeigte dennoch Verständnis für die kritischen Stimmen. «Es ist klar, dass Landabtretungen, Baustellen und Wachstum bei den Direktbetroffenen Ängste auslösen können. Umso wichtiger ist es, dass wir im Dialog bleiben mit der Bevölkerung und Rücksicht nehmen.» Wie das zu verstehen ist, umriss gestern Daniel Issler, Geschäftsführer und Gesamtprojektleiter der Limmattalbahn: «Es ist sicher wichtig, dass wir Anwohner umfassend über die Bauzustände informieren, darauf achten, dass das Gewerbe gut funktionieren kann, dass genügend Parkplätze zur Verfügung stehen – und dass wir die Bauarbeiten effizient ausführen.» Das Jahr 2016 werde intensiv dazu genutzt, um die ab 2017 geplanten Bauarbeiten gut vorzubereiten.

«Es besteht noch Spielraum»

Trotz der gestrigen Niederlage wollen auch die Gegner des Projekts nicht untätig bleiben. Christian Meier vom Referendumskomitee will im weiteren Verlauf der Planung in erster Linie den Direktbetroffenen eine Stimme geben. Ausserdem seien die Strassenausbauten noch nicht im Detail beschrieben. «Hier besteht noch Spielraum», sagte Meier. «Und ich hoffe, dass angesichts des Abstimmungsresultats das Zürcher Parlament noch einmal über die Bücher geht und das Projekt zugunsten der Betroffenen optimiert.» ()

Erstellt: 23.11.2015, 09:31 Uhr

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