Winterthur/Bern

«Die Stars schiessen die Tore – doch ohne Arbeiter gewinnt man keinen Meistertitel»

Jürg Stahl ist neu der dienstälteste Nationalrat der Zürcher SVP. Er sagt, die Partei sei transparenter als früher, der Wahlkampf aber verrückter.

«Ich wusste, dass die Wiederwahl kein Sonntagsspaziergang wird»: Nationalrat Jürg Stahl.

«Ich wusste, dass die Wiederwahl kein Sonntagsspaziergang wird»: Nationalrat Jürg Stahl. Bild: Keystone

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Vor Ihnen liegt ein Notizzettel, mit mehreren Varianten für eine Wahlrede. Haben sie mit einer Abwahl gerechnet?
Jürg Stahl: Meine lange politische Erfahrung hat mich gelehrt, dass man an einem Wahlsonntag immer auf alles vorbereitet sein muss. Auch diesmal hatte ich eine Variante normal, eine Variante top und eine Variante flop. Das gibt einem Sicherheit.

Zur Anwendung kam Variante normal?
Ja. Für mich als Kandidat war es Variante normal. Für die SVP war es Variante top. Wir haben ein historisches Resultat erzielt. Wie gross unser Wahlsieg ist, ist noch nicht allen bewusst. Die 11 Sitzgewinne im Nationalrat zeigen: Die Schweiz ist durchgeschüttelt worden – im positiven Sinn.

Durchgeschüttelt wurde auch die SVP-Liste. Die Kandidaten rutschten rauf und runter, drei Bisherige sind abgewählt.
Ich wusste, dass die Wiederwahl kein Sonntagsspaziergang wird. Dass drei sehr etablierte Personen abgewählt wurden, zeigt, dass mein Aufwand im Wahlkampf richtig und nötig war.

Ist es als langjähriger Politiker nicht frustrierend, wenn man von Newcomern überholt wird?
Nein, das nehme ich unterdessen ganz locker. Ich bin jetzt im Nationalrat der dienstälteste Zürcher SVP-Nationalrat mit 16 Dienstjahren. Ich fühle mich in der SVP sehr gut eingemittet – mir ist jetzt noch wohler als noch 2007 und 2011. Die SVP Zürich ist nun sehr gut aufgestellt im Nationalrat: Es ist eine breite Vertretung mit unterschiedlichen Typen. Das ist ein gutes Signal. Es zeigt, wie vielfältig die Partei geworden ist. Die Abläufe sind heute transparenter und organisierter. Es ist nicht mehr so, dass ein kleiner Zirkel Vorentscheide fällt. Ich empfand diesen Wahlkampf als Teamplay...

Teamplay? Die interne Konkurrenz ist doch so hart wie noch nie. In Roger Köppels Weltwoche wurden SVP-Vertreter sogar direkt angegriffen.
Einige Sticheleien gab es sicher. Auch ich selbst wurde in diesem Artikel – den allerdings nicht Roger Köppel selbst geschrieben hat – wegen meinem Einsatz für den Kredit für Jugend und Sport kritisiert. Solche Dinge machen mir unterdessen nicht mehr viel aus. Mein Vorstoss hatte politisch Erfolg, das zählt.

Trotzdem: Das waren mehr als «Sticheleien».
Man kann das mit einem Handball- oder Fussball-Team vergleichen: Konkurrenz führt dazu, dass alle besser trainieren. Gerade das SVP-Team aus dem Bezirk Winterthur hat im Wahlkampf bestens funktioniert. Natalie Rickli hat ein Glanzresultat gemacht, Martin Hübscher und Daniel Oswald haben Plätze gutgemacht, Therese Schläpfer hat einen Sensationserfolg erreicht. Das macht Spass.

Gab es im SVP-Wahlkampf zu viel Spass?
Ich habe aufgehört mich zu hintersinnen, warum ich in den Medien nicht so präsent bin wie andere. Im berühmten SVP-Wahlwerbespot war ich nicht dabei, ich wurde auch nicht angefragt. Ich bin ein unspektakulärer Politiker. Aber auch das hat Platz in der SVP. Man kann es wieder mit einer Sportmannschaft vergleichen: Die Stars sind die Knipser, die Tore schiessen. Doch ohne Arbeiter im Mittelfeld gewinnt man keinen Meistertitel.

Hat SVP-Parteipräsident Alfred Heer den Spass-Wahlkampf zu Recht kritisiert?
Er hat damit eine Diskussion losgetreten, die uns genützt hat. Daraufhin haben wir mehr auf Inhalte gesetzt.

Die SVP hatte am meisten Geld im Wahlkampf. Vielen war die massive Wahlwerbung zu viel.
Mein eigenes Wahlkampfbudget lag diesmal nur im fünfstelligen und nicht im sechsstelligen Bereich. Auffallend sind die vielen kleinen Spenden, die ich erhalte, statt einzelne grosse. Das freut mich.

Sollte man die Wahlkampfbudgets nicht beschränken?
Klar hat man vor den Wahlen irgendwann genug von all den Plakaten und dem ganzen Klamauk. Der Wahlkampf wird immer verrückter. Eine Beschränkung braucht es aber nicht. Denn trotz der riesigen Werbetrommel gehen nur rund 50 Prozent wählen.

Was planen Sie für die kommende Legislatur?
Wenn alles rund läuft, werde ich im Dezember erster Vizepräsident des Nationalrats und nächstes Jahr Präsident. Darauf freue ich mich. Seit Max Binder vor zwölf Jahren hat kein Zürcher mehr dieses Amt besetzt. Mir gefällt die Arbeit im Ratspräsidium, denn ich bin ein Pragmatiker und Brückenbauer. Noch mehr freue ich mich auf ein privates Ereignis: Im November werde ich Vater. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich das Gefühl habe: Mich erschüttert in der Politik nichts mehr so leicht.

Erstellt: 19.10.2015, 14:46 Uhr

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