Ausstellung

Die Sachen der Verstorbenen

Wer stirbt, hinterlässt Dinge, Unmengen an Dingen. Wohin damit? Im Friedhof-Forum Sihlfeld reden Hinterbliebene über den Wert eines Pyjamas, Formulars oder Teekrügleins.

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Nora Fehr weint, als sie den Nachlass ihres Vaters durchforstet. Sie kehrt in ihre Kindheit zurück, sie lacht – und sie tanzt sogar, als sie auf eine Kassette mit türkischer Musik stösst. «Ich hätte nicht gedacht, dass mein Vater so etwas hören würde», sagt sie.

Besonders angetan haben es ihr aber die Epauletten. Die Schulterpatten mit den drei goldenen Streifen waren Teil einer Uniform. Ihr Vater arbeitete bei der Swissair und war viel unterwegs. «Die Epauletten waren stets bei ihm. Nun sind sie meine Reise mit ihm, ich nehme sie immer mit, wenn ich weggehe.»

Wie ein Eindringling

Die Patten gehören zu den 27 Dingen, die derzeit im Friedhof-Forum Sihlfeld ausgestellt sind und von Lebensgeschichten erzählen, von Erinnerungen an jemanden, der gestorben ist. Nachlass zu sichten bedeutet Trauer, Schmerz, Versäumnis – manchmal auch Freude oder Wut. Der Verlust eines Menschen konfrontiert einen aber auch mit ganz praktischen Fragen: Wohin mit all den Sachen, der Ware, dem «Grümpel».

Ordner zum Beispiel. Roland Metzger erzählt in der Ausstellung, wie ihn der Tod seines Vaters in einen Taumelzustand versetzt hatte, wie es ihm befremdlich vorkam, beim Hauseingang nicht mehr empfangen zu werden. «Ohne seine Anwesenheit fühlte ich mich als Eindringling. Und nun sollte ich mir einen Überblick verschaffen und entscheiden, was wichtig ist und was nicht.»

Wichtig waren ihm 34 Ordner, gefüllt mit Artikeln über Kunst, Literatur und Architektur, viele ergänzt durch Notizen. «In diese Ordner einzutauchen, lässt meinen Vater in mir weiterleben», sagt Roland Metzger.

Von Frauenhand zu Frauenhand

Für Madeleine Baltisberger sind es die grauen, flauschigen Drachenfinken mit ihren langen Krallen. Ihr Sohn Marius trug sie. Er starb mit 19. In der Ausstellungsbroschüre schreibt seine Mutter dazu: «Er schlurfte darin herum und zelebrierte die Finken mit Witz und Selbstironie und brachte uns oft zum Lachen. Dass sie mir heute noch manchmal ein Lächeln entlocken, würde Marius gefallen.»

Und Gabrielle Schmid, die nach dem Tod ihrer Grossmutter bei der Räumung ein Teekännchen entdeckte, schreibt: «Ich bin keine Sammlerin, lebe in einer Einzimmerwohnung und war froh, dass ich in der Lawine von Dingen – den Postkartensammlungen, Reisesouvenirs und Möbeln – etwas Kleines fand, das ich gerne behalten wollte.» Ein angeschlagenes blaues «Chrütli-Teehäfeli», das über Generationen von Frauenhand zu Frauenhand gewandert war.

Dinge, die man nicht sieht

Dass Gegenstände den Blick auf einen Menschen verändern können, zeigt das rot-weisse Pyjama, das Christine Süssmann von ihrer Schwester behalten hat. Sie schreibt: «Meine Schwester war eine schicke Anwältin, schillernd, klug, vernetzt. Wenn ich dieses Pyjama sehe, spüre ich etwas von dem, was man von aussen nicht sah. Es rührt mich sehr.»

Kleidungsstücke und Schuhe aufzubewahren, sind wohl nicht jedermanns Sache. Gabriele Kisker, deren Mutter eine Unzahl von Schuhen hinterliess, löste das Problem auf ihre Weise: «Ich trage sie nun einige Stunden, Tage oder Wochen lang und entsorge sie dann.» Ein paar festliche Schuhe hat sie noch. Sie warten auf den letzten Gang.

Wegwerfen oder nicht? Nora Fehr, die die Epauletten ihres Vater behalten hat, rät: «Ab einem gewissen Alter sollte man Dinge verschenken oder zumindest bestimmen, wer später was erhalten soll. Aber hört trotzdem nicht auf zu Sammeln, auch wenn die Nachkommen vielleicht irgendwann alles wegwerfen.»

Die letzte Ordnung

Roland Metzer, der sich den Ordnern seines Vaters angenommen hat, stimmt ihr zu. «Ich sehe den Charme und den Reiz, mit möglichst wenig Dingen auszukommen. Aber es ist doch auch traurig, wenn jemand stirbt und nichts hinterlässt.»

Er jedenfalls habe seinen Vater beim Durchblättern der Ordner, Briefe und Tagebücher von einer anderen Seite kennengelernt. «Ich hatte keine Ahnung, dass er sich in seiner Jugend für Vögel interessierte», sagt Metzger. Er bedauert es, dass er selbst kaum Briefe besitzt. «Ich gehe nicht davon aus, dass meine Tochter dereinst all meine whats-app-Nachrichten lesen wird.»

Die Arbeit mit dem Nachlass seines Vaters hat er noch nicht abgeschlossen. Im Estrich ist er auf 40 prall gefüllte Tüten mit weiteren Zeitungsartikeln gestossen. «Dieser letzten Ordnung will ich mich nun annehmen.»

«Die letzte Ordnung. Tote hinterlassen Dinge» im Friedhof Forum Sihlfeld dauert noch bis 28. Nov. (zsz.ch)

Erstellt: 07.09.2018, 11:21 Uhr

Vivianne Berg, Autorin. (Bild: PD)

Nachgefragt

«Von Rührung bis Ekel – man kann mit der ganzen Bandbreite an Gefühlen konfrontiert werden.»

Frau Berg, Sie haben eine Broschüre geschrieben über den Umgang mit Nachlass, mit Anregungen zur Triage. Wie kam es dazu?
Vivianne Berg: Meine Mutter starb unerwartet, die Wohnung musste innert kaum vier Wochen geräumt sein. Wir wissen um unsere Sterblichkeit, aber nichts über den Zeitpunkt des Todes.

Weshalb fällt einem das Räumen so schwer?
Wenn man die Wohnung eines Verstorbenen betritt, dann wahrscheinlich das erste Mal, ohne eingeladen zu sein. Und je nach Beziehung zur Person kann man mit der ganzen Bandbreite an Gefühlen konfrontiert werden – von tiefer Rührung bis Ekel.

Viele überfordert diese Aufgabe.
Naja, zusätzlich zum eigenen Alltag, zu all den administrativen Aufgaben und zur gefühlsmässigen Auseinandersetzung mit dem Verlust müssen unzählige Entscheide gefällt werden. Kommt hinzu, dass bei den ersten Schritten durch die Räume der Blick auf die Dinge ein anderer ist als bei früheren Besuchen. Jedes Kästchen, jede Tasse verweist auf das Alltagsleben des verstorbenen Menschen. In dieser Situation fällt es schwer, abzuschätzen, was einem langfristig behaltenswert sein wird.

Wie geht man vor?
Es empfiehlt sich, Räume, Möbel und Besonderheiten zu fotografieren. So hat man sie schon einmal erhalten – zumindest fotografisch.

Und dann?
Dann geht man systematisch vor, räumt Zimmer um Zimmer, Möbel um Möbel, Schublade um Schublade, am besten in kleinen Einheiten. Und immer wieder pausieren. Flanieren Sie durch die Räume, setzen Sie sich hin, lassen Sie den Blick und die Gedanken schweifen.

Und wie trenne ich mich von den Dingen?
Stellen Sie zuerst in jeden Raum einen Abfallsack. Was darin landet, sollte darin bleiben. Dinge, die man verkaufen oder verschenken will, kann man schon einmal mit Post-it-Zetteln anschreiben.

Wie entscheide ich, was ich behalte?
Schmuck Briefe, Ausweise, Steuerunterlagen, Adressbücher, Tagebücher und Fotos würde ich in jedem Fall aufbewahren. Bei allen anderen Dingen rate ich, sich zu fragen: Ist es nützlich, kostbar oder bedeutungsvoll? Trifft etwas davon zu, behalte ich es – ausser mir fehlt der Platz. Trifft nichts davon zu, verschenke oder entsorge ich es.
Heinz Zürcher

«Das Hinterbliebene – Anregungen zur Triage». Erhältlich über: www.vivianneberg.net

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