Zürich

Die Bäume des Anstosses

Am Uetliberg werden 2100 Bäume gefällt. Das stösst auf vehemente Kritik. Gestern zeigte Grün Stadt Zürich wie und warum abgeholzt wird.

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Jeder fünfte Baum trägt eine gelbe Markierung. So auch zwei Ahornbäume, die schräg am Hang des Zürcher Uetlibergs stehen. «Diese drücken nach unten», sagt Revierförster Willy Spörri. «Deshalb nehmen wir sie weg, dann können die jungen Fichten dahinter nachwachsen.» Auch zahlreiche Eschen müssen weichen – sie sind von einem Pilz befallen, der ihre Kronen abtötet.

2100 Bäume wird Grün Stadt Zürich bis Ende Jahr fällen auf einer Fläche von 29 Hektar beim steilen Denzlerweg. Dort stehen derzeit 10 500 Bäume. Seit 30 Jahren wurde in diesem Gebiet nicht mehr geholzt, denn die Kosten für die aufwendigen Arbeiten im unwegsamen Gelände seien sehr hoch, sagte Spörri.

Damit will die Stadt den Schutzwald sichern. Instabile und schwere Bäume werden entfernt, damit sie keine Bäche stauen, die bei einem Unwetter als Schlammlawine das Friesenbergquartier heimsuchen könnten. Mehr Licht auf dem Waldboden fördert laut Grün Stadt Zürich auch die Biodiversität, da Tiere und Pflanzen wie Schmetterlinge und Orchideen besser gedeihen. Sind alle Bäume gefällt, wird der Denzlerweg für Wanderer instand gesetzt.

«Absolut unverantwortlich»

Der massive Holzschlag hat bereits Kritiker auf den Plan gerufen, bevor die Vorarbeiten Anfang Oktober begonnen haben. Die Grünen der Stadt Zürich halten das Fällen von «mehrheitlich gesunden Buchen für absolut unverantwortlich», wie die Partei Ende September in einer Mitteilung schrieb. Sie unterstellt der Stadt rein wirtschaftliche Motive und eine «fadenscheinige Begründung für den Kahlschlag».

Ebenfalls nicht überzeugt von der Argumentation von Grün Stadt Zürich ist Hannes Zürrer. Der Vizepräsident des Vereins Pro Uetliberg war bei der gestrigen Besichtigung dabei: «Der Wald braucht all diese Massnahmen nicht.» Klar, könne hier und dort ein Baum gefällt werden, aber nicht so viele auf ein Mal. Buchen könnten laut Biologe Zürrer 200 Jahre alt werden und die Funktion eines Schutzwaldes problemlos übernehmen. Es gebe klimafreundlichere Modelle Wälder zu bewirtschaften, sagt Zürrer. Demnach könnten viel mehr Bäume stehen gelassen werden, damit die alten Bäume als CO2-Speicher bleiben. «Der Wald regeneriert sich von ganz alleine», sagt Zürrer.

Pro Uetliberg hat letzte Woche beim Stadtrat und der kantonalen Baudirektion eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht. Gefordert wird darin ein sofortiger Stopp der Arbeiten am Uetliberg, bis ein rechtskräftiger Entscheid vorliegt.

Stadtrat und Kanton wollen keinen Stopp

Der Stadtrat hat sich gegen eine Unterbrechung der Arbeiten entschieden. «Wir arbeiten entsprechend den Vorgaben, in Absprache und mit der Bestätigung von Kanton und Bund», sagte Stadtrat Richard Wolff (AL) gestern vor den Medien. Die darauf folgende Beschwerde des Vereins Pro Uetliberg beim Bezirksrat war laut Wolff ebenfalls nicht erfolgreich. Der Bezirksrat sei nicht zuständig und habe die Beschwerde an den Kanton weitergeleitet, bestätigt eine Sprecherin auf Anfrage.

Baudirektor Markus Kägi (SVP) prüft derzeit, ob die Bewilligung des Amtes für Landschaft und Natur rechtens war. Ein definitiver Entscheid liege nächste Woche vor, heisst es von Seiten der Baudirektion. Ein unmittelbarer Stopp der Arbeiten sei aber auch vom Kanton nicht beschlossen worden. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass die Abholzbewilligung zu Unrecht erteilt worden sei.

Also fallen am Uetliberg weiter Bäume. Von einem Kahlschlag könne keine Rede sein, sagte Revierförster Spörri gestern vor den Medien im steilen Hang. «80 Prozent der Bäume bleiben stehen, darunter auch alte.» Die Verjüngung sei aber notwendig, sogar bei den Eiben, die am Uetliberg eigentlich gefördert werden. «Wenn eine Eibe gefällt wird, dann nur, damit weitere Eiben nachwachsen.»

Nach China exportiert

Einmal gefällt, werden die Stämme mit Hilfe von 18 Seilbahnen an die Strasse am Grat oder ins Tal transportiert. So baumelt gerade ein beachtlichter Baum durch die Luft beim Bergrestaurant Uto-Staffel. Ein Bagger greift danach, entfernt alle Äste und schneidet den Stamm in fünf Meter lange Stücke. 60 Prozent des Uetliberg-Holzes gelangt in das Heizkraftwerk Aubrugg in Wallisellen und wird für Elektrizität, Wasserdampf und Fernwärme verbrannt. Der Rest werde Sägereien und in die Plattenindustrie verkauft – und zum Teil nach China exportiert, wie Spörri sagte. In der Schweiz sei der Markt für Laubholz schlicht zu klein.

Gewinn schlage die Stadt aus dem Wald aber keinen. Der Holzschlag sei gerade mal kostendeckend. Dem Aufwand von 300 000 Franken steht ein Holzerlös von 80 000 Franken gegenüber. Die verbleibenden 220 000 Franken decken Fördergelder des Kantons. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 15.10.2018, 19:03 Uhr

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