Winterthur

Die Altstadt ist sein Revier

Den Kater Ging kennt in Winterthurs Altstadt jeder. Der Landbote hat den pelzigen Strolch auf seinem Streifzug begleitet und ihn aus seinem ausschweifenden Leben plaudern lassen.

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«Wo ich geboren wurde, weiss ich nicht so genau. Das ist aber auch nicht wichtig, den bereits im Alter von drei Monaten zog ich mit meinem Bruder in die Neustadtgasse. Zuerst in eine WG mit vielen Menschen, dann zusammen mit meinem Herrchen ein Haus weiter. Früher, als ich klein war, blieb ich noch öfters daheim. Bald aber wurde ich mutiger und die Gasse mein Zuhause. Seither ist die Altstadt mein Revier.

Ich bin sehr neugierig, daher sieht man mich auch mal hinter dem Hauptbahnhof auf der Rudolfstrasse, in der General-Guisan-Strasse, der Seidenstrasse oder im Vögelipark. Die Technikumstrasse meide ich aber, zu laut, zu viele Autos. Das mag ich nicht. Mein Vorgänger und Vorbild, Petz, der stadtbekannte Ladenkater der ehemaligen Buchhandlung Vogel, ist leider vor fünf Jahren gestorben. Ich versuche, ihm alle Ehre zu machen, und flaniere gerne durch die Marktgasse, um ihm Tribut zu zollen.

Ich habe viele Namen: Pascha, Streuner, kleiner Killer, city fox, Stadtrambo, Neustadt-Büsi, Vögeliquäler, Ginger, Altstadt-Chatz, aber eigentlich heisse ich Ging, wegen meinen roten Haaren.

Jetzt bin ich acht Jahre alt, im besten Alter also. Obwohl ich genau weiss, wo ich wohne, habe ich sehr viele Orte, an denen ich mich regelmässig blicken lasse. Dort bekomme ich etwas zu essen, da habe ich einen festen Ort, um mich auszuruhen. Dass ich kein Halsband trage, hilft, Sympathien zu gewinnen. Ich glaube, es gibt in der Altstadtgasse einige Leute, die das Gefühl haben, dass ich ihr Haustier bin. Aber so läuft das nicht, ich bin frei, mich besitzt niemand.

«Ich brauche nicht viele Worte, um mich auszudrücken.»

Ging, Altstadt-Kater

Am liebsten bin ich nachts unterwegs, den Tag verbringe ich mit schlafen und fläzen. Zum Beispiel in meiner Stammbeiz, der Kameltränke in der Neustadtgasse. Dort steht in der Beiz auf dem Tisch gleich beim Ofen ein Brotkörbchen mit einer gehäckelten Decke, das mir gehört. Es ist zwar nur halb so gross wie ich, aber ich mag es, mich in die kleinsten Löcher, Kisten und Körbchen zu quetschen. Tönt komisch, ist aber so. Ich glaube, das liegt mir einfach in den Genen.

Eine eigene Website

In der Kameltränke bin ich schon fast eine Berühmtheit. Ihr Maskottchen, sozusagen. Sie machen auch Werbung mit mir, immer, wenn sie einen Zettel raushängen, etwa bei speziellen Öffnungszeiten, verziert mein Gesicht das Plakat. Ich habe auch eine eigene Webseite, also mehr als Fotos hat es nicht drauf, aber das reicht auch. Ich brauche nicht viele Worte, um mich auszudrücken. Ehrlich gesagt, reicht mir sogar ein einziges, mithilfe verschiedener Betonungen weiss jeder, was ich meine. Nach einer anstrengenden Nacht, freue ich mich auf mein Frühstück. Um Punkt neun Uhr steht jeden Tag Katzenmilch in der Buchbinderei Zoller im Neustadthus für mich bereit. Oft gehe ich danach über die Strasse, dort gibt es ein Büro und einen Stuhl, der für mich reserviert ist.

Im Winter mag ich es mit meinem Herrchen zu kuscheln. Obwohl, seit er eine Freundin hat, bin ich nicht mehr so oft in seinem Bett am Schlafen. Ich bin halt ein wenig eifersüchtig. Sobald es aber einigermassen warm ist, bin ich draussen unterwegs - oft tage- oder gar wochenlang. Falls sich mein Herrchen Sorgen macht, muss er nur das Netz meiner Beschützer in der Altstadt aktivieren. Jemand hat mich bestimmt gesehen.

Leicht war es im umkämpften Revier in der Altstadt übrigens nie. Ich hatte ein sehr aufregendes, abenteuerliches Leben. Um die 20 Mal musste mich der Tierarzt bis jetzt wieder zusammenflicken. Im Moment muss ich gerade zweimal in der Woche in die Physio-Therapie. Der Arzt sagt, ich habe einen sogenannten Tennisarm. Da mein einziger fester Termin am Tag mein Frühstück ist, hat mein Herrchen die Medikamente, die ich einnehmen muss, Buchbinder Hansruedi Zoller, («Häse»), gegeben. Gemixt mit Katzenmilch, gehen sie gut runter.

Das Los eines Abenteurers

Vor allem gegen Autos habe ich lange gekämpft, irgendwann musste ich einsehen, das bringt nichts, da reibe ich mich nur auf. Jetzt habe ich mich mit dem Verkehr arrangiert. Ich bin reifer geworden, einige sagen ruhiger. Ich glaube, das ist einfach die Lebenserfahrung. Verteidigen muss ich mein Revier aber immer noch. Alle paar Monate ziehe ich mir dabei Verletzungen zu. Das ist eben das Los eines Abenteurers.

Obwohl ich mit dem Alter ein wenig vorsichtiger geworden bin, spaziere ich weiterhin in jede offene Türe oder in jedes offene Fenster hinein. Es geht nichts über ein Nickerchen auf unbekannten Balkone oder lauschigen Hinterhöfen. Wo genau ich mich herumtreibe, erfährt mein Herrchen dann an der nächsten Party.

Ich mag Menschen und sie mögen mich. Manchmal verstecke ich mich, bis ich sehe, dass jemand kommt, dann lege ich mich mitten auf die Strasse auf den Rücken, strecke alle Viere von mir. Eine Garantie, das jeder und jede anhält, um mich am Bauch zu kraulen. Grundsätzlich freue ich mich über alle, die mich streicheln.

Ich lerne gerne neue Menschen kennen und suche bewusst den Kontakt zu ihnen. Aber ich sage, wenn genug ist. Ich kann eigentlich mit jedem gut. Ausser mit Hunden, Kindern, und Putzmaschinen, die sind nicht so mein Ding. Die Leute sagen mir, sie mögen mich, weil ich «einfach» bin. Was sie damit meinen, weiss ich nicht so genau, ich bin halt einfach zufrieden mit dem Leben.» (Der Landbote)

Erstellt: 29.07.2016, 14:47 Uhr

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