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«Der Festakt stand früher noch stärker im Zentrum»

Das kantonale Turnfest in Rikon ist eröffnet. Lukas Märki vom Sportmuseum in Basel erklärt die historischen Hintergründe des Turnens.

«Turnfeste waren eine politische Plattform» sagte Lukas Märki, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Sportmuseum Basel.

«Turnfeste waren eine politische Plattform» sagte Lukas Märki, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Sportmuseum Basel.

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Seit wann kennt man den ­Turnsport in der Schweiz? Lukas Märki: Der Turnsport ist aus Burschenschaften und Studentenbewegungen entstanden. Heinrich Clias veröffentlichte 1816 das erste Buch mit Turnübungen in der Schweiz.

Wann gab es das erste Turnfest? Bereits ein Jahr später in Bern. Um möglichst viele Leute anzu­locken, lud Clias damals auch die bereits beliebten Schwinger ein. Gleichzeitig positionierte er damit den Turnsport in den Köpfen als einen Teil der idealisierten ­heilen Alpenwelt. Auch die Festkultur orientierte sich stark an den alteidgenössischen Festen, die in den Alpenregionen bereits seit langer Zeit existierten. Diese Verbindung zwischen den alteidgenössischen Sportarten und dem Turnen zeigt sich bis heute auch im sogenannten Nationalturnen, das unter anderem aus Steinstossen, Steinheben, Ringen und Schwingen besteht.

Was für Werte hatten die Turner? Das liberal-nationale Denken war sehr ausgeprägt. Das ganze Fest war vom Aufbau her eine politische Plattform mit bestimmten Symbolen wie zum Beispiel einer Fahnenburg und einem Vaterlandsaltar. Der Wettbewerb war dabei auch als ein Abbild der demokratischen Bürgergesellschaft zu verstehen. Es waren die ersten Anlässe, bei denen die Grenzen zwischen Zuschauern und Handelnden nicht mehr klar gezogen wurden. Auch als Zuschauer war man Teil der Bewegung, das war zuvor nicht der Fall und erklärt auch die rasche Beliebtheit der Turnfeste. Bis heute spricht man ja auch von der Turnerfamilie.

Wurde damals auch gefeiert? Ja, im Fest sah man sich noch stärker als Einheit. Man sprach deshalb von Festgenossen, die Geselligkeit war sehr wichtig. Der Festakt stand sogar noch stärker im Zentrum als heute, das belegen Aufzeichnungen. Der Alkohol war natürlich auch ein guter Katalysator bei der Entwicklung von patriotischen Gefühlen.

Wann änderte sich das? Mit der Bundesverfassung von 1848 war ein Grossteil der politischen Ziele der Turnerbewegung erreicht. Die Turnfeste wandelten sich zu eidgenössischen und kantonalen Feiern, die bis heute Bestand haben.

Diese traditionellen Feste sind derzeit sehr beliebt. Wieso? Persönlich glaube ich, dass in einer Zeit von Filterblasen und Individualisierung eine Sehnsucht nach Bewährtem besteht. Überspitzt gesagt: Man möchte die «gute alte Zeit» wiederbeleben. Ausserdem sehnt man sich vielleicht gerade in Zeiten der Individualisierung nach einer Gemeinschaft. Durch das angesprochene Gemeinschaftsgefühl, das an einem Turnfest stark ausgeprägt ist, kann das erreicht werden. Ausserdem kann man an einem Fest für ein paar Tage aus dem Alltag ausbrechen.

Wie kann der Sport vereinen? Auf der einen Seite bringt der Sport die Menschen physisch zusammen, um dann gemeinsam gegeneinander antreten zu können. Gleichzeitig geht es aber auch um eine Geisteshaltung. Innerhalb von Turn-, Schützen- oder Schwingerfesten begegnet man sich auf Augenhöhe. Der demokratische Bürger sieht sich als gleichwertiges Individuum, das unter gleichen Bedingungen gegen einen Mitbürger antritt. Das ist aber eine Illusion, da immer unterschiedliche Voraussetzungen herrschen. Sei es etwa körperlich oder finanziell.

Frauen durften bis in die 70er-Jahre nicht an Wettkämpfen ­mitturnen. Wie passt das in ­dieses Ideal der Gemeinschaft? Das hat viel mit dem damaligen Geschlechterverständnis zu tun. Denn bei den Turnern herrschte durchaus eine gewisse Offenheit für damalige Verhältnisse. Es existieren Schriften von Clias von 1830, in denen er die sogenannte körperliche Erziehung auch für Mädchen niedergeschrieben hat. Allerdings fanden diese Übungen nicht in der Öffentlichkeit statt. (Der Landbote)

Erstellt: 17.06.2017, 09:36 Uhr

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