Katholiken

«Die Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Systemkrise»

In einem offenen Brief, der heute in vielen Tageszeitungen erscheint, kritisieren die Zürcher Katholiken die eigene Kirche so heftig wie selten. Präsidentin Franziska Driessen-Reding nimmt Stellung.

Franziska Driessen-Reding: «Ich will dem Papst Mut machen, nötige Reformen umzusetzen.»

Franziska Driessen-Reding: «Ich will dem Papst Mut machen, nötige Reformen umzusetzen.» Bild: Urs Jaudas

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Ihren offenen Brief an den Papst beginnen Sie mit: «Die katholische Kirche steht in Flammen. Hirten, die zum Dienst am Evangelium bestellt wurden, haben diesen Flächenbrand gelegt.» Was meinen Sie damit?
Die neuen Medienberichte über den Missbrauch von Nonnen und Gehörlose, der vor allem von den Verantwortlichen, also den Priestern, über Jahre begangen wurde. Wir fühlen uns ohnmächtig, dass dies in unserer Kirche möglich war und ist. Das darf wirklich nicht mehr akzeptiert werden.

Wie zeigt sich diese Ohnmacht?
Im letzten Jahr sind fast 6000 Mitglieder ausgetreten, so viele wie seit 2010 nicht mehr, als die ersten Missbrauchsfälle bekannt wurden. Wir versuchen, einen guten Job zu machen in Zürich, aber ich merke: Der Imageschaden ist riesig.

Darum ein Flächenbrand.
Unsere Mitglieder sind nicht nur genervt, es geht viel tiefer. Dass ausgerechnet diejenigen, die sich als so gut sehen, das Verständnis von Moral so hintergehen und dass es keine Einzelfälle sind, ist erschütternd. Ich bin wütend.

Sie schreiben, in Zürich hätten Sie alles in die Wege geleitet, um Missbrauch zu verhindern. Was haben Sie unternommen?
Vor sieben Jahren haben wir eine Nulltoleranz gegenüber sexuellem Missbrauch durchgesetzt. Seither ist jedes Behördenmitglied verpflichtet, Missbrauch einer Zivilbehörde zu melden und nicht nur dem Bischof. Die Bischofskonferenz hat letztes Jahr nachgezogen. Heute müssen alle Angestellten, die eine bischöfliche Beauftragung erhalten, nicht nur einen Strafregisterauszug, sondern auch einen Sonderprivatauszug liefern. Das ist eine Bestätigung für den Arbeitgeber, dass eine Person mit Jugendlichen und Schutzbedürftigen arbeiten darf.

Ist es nicht übertrieben, die Lage der Kirche als «dramatisch» zu bezeichnen? Schliesslich hat der Mitgliederrückgang nicht erst gestern begonnen.
Wir waren zu lange geduldig. Auch ich habe immer wieder relativiert, das ist nicht so schlimm. Aber nun haben wir eine tiefgreifende Systemkrise in der Weltkirche. Wenn ich sehe, was läuft, dann ist es jetzt Zeit, einen Reformprozess anzuregen. Zu sagen, dass Kirchgemeinden nicht weltweit gleich geregelt sein müssen.

Darum fordern Sie mehr Kompetenzen für die regionalen Bischofskonferenzen.
Es gibt heute schon Ausnahmen. In der Ukraine gibt es eine Kirche, die den Papst anerkennt, wo aber der Priester trotzdem verheiratet sein darf. Und in abgelegenen Amazonas-Gebieten wird darüber diskutiert, ob man einem Laien Befugnisse zusprechen könnte, damit dieser eine Messe feiern darf.

Die Katholische Kirche muss sich grundlegend ändern, findet Franziska Driessen

Und im Kanton Zürich?
Die Segnung von Homosexuellen – in Gegenden von Afrika geht das vielleicht noch nicht, aber wir sind aufgeklärt. Es ist glasklar, dass sich die Kirche nicht mehr verstecken darf. Die Homosexuellen brauchen den Platz, den sie schon längstens hätten bekommen sollen.

Auch was Heterosexuelle betrifft, sind Sie für eine «an den Humanwissenschaften orientierte lebensnahe kirchliche Sexualmoral». Können Sie ein Beispiel geben?
Die Enthaltsamkeit vor der Ehe: Früher wurde mit 18 geheiratet, heute eher mit 35. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Die Kirche soll Sexualität nicht mehr verteufeln. Stattdessen sollte sie vermitteln, wie etwa Respekt in der Partnerschaft gelebt werden soll.

Sind Sie für eine Aufhebung des Zölibats?
Ich begreife nicht, wie man einem jungen Mann ein Pflichtzölibat antun kann. Jemandem etwas so Schönes zu stehlen, ist falsch. Jeder soll die Möglichkeit haben, sich frei entscheiden zu dürfen.

Gab es im Vorfeld der Publikation des Briefes Kontroversen im Synodalrat?
Unser Generalvikar und alle neun Räte stehen hinter den Aussagen. Von der Synode erwarte ich einen hohen Zuspruch. Im Ernst: Gibt es wirklich noch Menschen, die es schlimm fänden, wenn ein Pfarrer nicht mehr zölibatär leben müsste?

Es ist das erste Mal, dass sich die Kantonalkirche in dieser Angelegenheit so deutlich äussert. Was wollen Sie damit erreichen? Sie können kaum erwarten, dass der Papst aufgrund dessen alles umkrempelt.
Wir wollen dem Papst Mut machen. Wir sind klein, ja, aber wir hoffen, damit einen Stein ins Rollen zu bringen. Den Brief schicken wir auch per Post an den Vatikan – auch wenn wir nicht wissen, ob er ankommt.

An Ostern wird der konservative Bischof des Bistums Chur zurücktreten. Sie waren oft auf Kollisionskurs mit ihm. Wollen Sie mit dem Brief Druck aufsetzen, dass nun jemand Reformfreundliches gewählt wird?
Das ist nicht die Absicht und ich denke auch nicht, dass wir eine Auswirkung darauf haben. Wir hoffen aber auf einen Nachfolger, der unser duales System schätzt. Bei uns muss jeder Pfarrer auch der Behörde Rechenschaft ablegen. Damit konnten wir dieses Machtgefälle, das es im Ausland noch häufig gibt, abschaffen. Wir können so eher Missbräuche verhindern oder Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen.

Sie sind erst ein Jahr im Amt, haben aber mit Ihren pointierten Aussagen schon mehrere Shitstorms ausgelöst. Welches Ziel verfolgen Sie damit?
Ich habe keine politische Agenda. Unsere Kirchenordnung beauftragt uns, ein kirchliches Leben für alle zu ermöglichen. Ich nehme mir die Freiheit, auf Missstände hinzuweisen.

Erstellt: 04.04.2019, 08:47 Uhr

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