Wetter

Das Tempo der Erwärmung erschreckt sogar den Klimatologen

Wird dieser Sommer zur Neuauflage des folgenschweren Trockensommers 2018? Der Ueriker Klimatologe Stephan Bader verneint. Dafür war es bisher zu nass.

Der trockene Sommer 2018 hat an den Wäldern Spuren hinterlassen (hier am Pfannenstiel). Der Sommer 2019 ist zwar bisher ebenfalls heiss – aber weit weniger trocken.

Der trockene Sommer 2018 hat an den Wäldern Spuren hinterlassen (hier am Pfannenstiel). Der Sommer 2019 ist zwar bisher ebenfalls heiss – aber weit weniger trocken.

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Die zweite Hitzewelle dieses Sommers ist in vollem Gange. Bis und mit Freitag ist im Grossraum Zürich täglich mit Temperaturen zwischen 32 und 36 Grad zu rechnen. Auch die Nächte werden speziell gegen Ende der Woche keine Abkühlung mehr bieten: Vor allem in den städtischen Wärmeinseln wie Zürich und Winterthur und am Ufer des aufgeheizten Zürichsees wird das Thermometer wohl nicht mehr unter 20 Grad absinken.

Nach derzeitigem Stand der Wettermodelle wird die Hitze am Samstag oder Sonntag mit Durchzug einer kräftigen Gewitterstörung zu Ende gehen.

Es handelt sich bereits um die zweite markante Hitzewelle des Jahres. Die letzte liegt nur wenige Wochen zurück: Vom 24. Juni bis zum 1. Juli gab es eine Serie von acht Hitzetagen in Folge (Tagestemperatur über 30 Grad).

«Tempo ist erschreckend»

Stephan Bader, Klimatologe bei Meteoschweiz, spricht von einer aussergewöhnlichen Situation. Er betrachtet das Ganze aus einer längerfristigen Perspektive. Nach 2015 und 2018 erlebe man nun schon wieder einen Sommer, der temperaturmässig weit über dem liege, was für die Region klimatologisch noch als normal bezeichnet werden kann. «Diese erneute Hitzewelle ist ein deutliches Zeichen für die fortschreitende Erwärmung unseres Klimas», sagt Bader. Das Tempo dieser Erwärmung erschreckt sogar den erfahrenen Klimatologen aus Uerikon.

Die Zahlen untermahlen seine Aussagen auf eindrückliche Weise. In der Zeitspanne zwischen dem 1. Juni und dem 22. Juli gab es in Wädenswil bereits 9 Hitzetage und 33 Sommertage (Temperatur über 25 Grad). In Kloten wurden im selben Zeitraum 8 Hitzetage und 31 Sommertage gemessen.

Zum Vergleich: «Normal» wären im Juni 1-2 Hitzetage und 9-10 Sommertage, im Juli 2-4 Hitzetage und 14-16 Sommertage.

Die langjährigen Durchschnittswerte wurden also im Juni bereits deutlich übertroffen – im Juli wird dies spätestens bis Ende der Woche der Fall sein.

Droht eine Neuauflage von 2018?

Die Frage ist nun: Kommt es in diesem Sommer zu ähnlichen Problemen wie im heissen und trockenen Sommer 2018? Dessen negative Auswirkungen sind teils bis heute zu spüren: Ausgetrocknete Gewässer, eine Vegetation, die wegen Hitze- und Trockenstress das Laub bereits im August abwarf und eine regelrechte Borkenkäferplage in den Wäldern.

Zumindest in diesem Punkt gibt Stephan Bader eine gewisse Entwarnung.

Der Grund: Die Trockenheit ist heuer vor allem in der Nordostschweiz viel weniger ausgeprägt als im letzten Jahr. Im Frühling hat es genug geregnet und auch die Niederschlagsmengen im Juni und Juli liegen annähernd im normalen Bereich. Nach der letzten Hitzewelle gab es verbreitet starken Gewitterregen. «Das ist ein Riesen-Faktor, den man nicht unterschätzen darf», sagt Bader.

Trockenheit verstärkt die Hitze

Der Grund: Die am Boden vorhandene Feuchtigkeit dämpft während der Verdunstung die Temperaturentwicklung. Wenn in der Grundschicht genügend Feuchtigkeit vorhanden ist, bilden sich im Sommer zudem häufiger und verbreiteter Hitzegewitter.

Wenn die Böden jedoch bereits zu Beginn des Sommers stark ausgetrocknet sind, geschieht genau das Gegenteil. Dies war 2018 der Fall. Weil damals die Feuchtigkeit fehlte, erwärmte sich die Luft am Boden viel schneller. Dies wiederum führte dazu, dass die Gewitterentwicklung selbst in Regionen stark gehemmt wurde, die normalerweise für Blitz, Donner und Platzregen berüchtigt sind – zum Beispiel die obere Zürichseeregion oder das Linthgebiet.

Noch schlimmer war es gemäss Bader im Jahrhundert-Hitzesommer 2003. Damals verfärbte sich die Vegetation wegen Hitze und Trockenheit grossflächig von grün zu braun. Weil auf dunklen Flächen die Sonnen-Abstrahlung reduziert wird, verstärkte dies die Erwärmung am Boden nochmals zusätzlich.

Gewitter am Wochenende

Derartiges dürfte diesen Sommer im Grossraum Zürich kaum passieren. Bereits aufs Wochenende zeigen die Wettermodelle erneut Gewitterregen, die sich von den Voralpen ins Flachland ausbreiten sollen. Diese Niederschläge werden die Grundschicht wieder anfeuchten – und Hitze-Effekte wie 2018 verhindern.

Erstellt: 23.07.2019, 17:15 Uhr

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