Extremismus

«Chats alleine radikalisieren Jugendliche noch nicht»

Was Radikalisierung betreffe, würden soziale Medien überschätzt. Trotzdem fordert der Experte mehr Medienkompetenz.

An der Sekundarschule Elgg teilten Jugendliche in einem Gruppenchat pornografische Inhalte mit nationalsozialistischem Hintergrund. Die Jugendanwaltschaft hat vier Strafverfahren eröffnet.

An der Sekundarschule Elgg teilten Jugendliche in einem Gruppenchat pornografische Inhalte mit nationalsozialistischem Hintergrund. Die Jugendanwaltschaft hat vier Strafverfahren eröffnet.

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Elgger Schüler haben Kinderpornos, Tötungsvideos und IS-Propaganda über Whatsapp verschickt. Warum tun Jugendliche das?
Dirk Baier: Gewalt und auch Pornografie faszinieren junge Männer in dieser Lebensphase. Dahinter steckt keine Entwicklungsstörung. Es ist bis zu einem gewissen Grad normal, dass sich junge Männer mit diesen Inhalten auseinandersetzen. Dass es solche Chats gibt, überrascht mich insofern nicht.

Es wurden aber auch rechtsextreme Inhalte verbreitet.
Darum vermute ich, dass im Elgger Fall ein oder zwei Jugendliche mit einem verfestigten rechten Weltbild dominant waren.

Rechtsextreme nutzen zunehmend soziale Kanäle wie Facebook, um Junge für ihr Gedankengut empfänglich zu machen. War das in Elgg auch so?
Rechtsextreme nutzen in der Tat die sozialen Medien sehr aktiv, um ihr Weltbild zu verbreiten. Dafür dienen ihnen auch Whats­app-Gruppen. Grundsätzlich könnte ich mir das auch im vorliegenden Fall vorstellen...

… aber?
Ich denke, dass die Mehrheit der Jugendlichen in diesem Chat nichts mit verfestigten rechten Ideologien zu tun hat. Viele waren wohl dem Gruppendruck ausgesetzt und haben darum mitgezogen. Von einem solchen Chat geht noch keine rechtsextreme Gefahr aus, trotzdem ist es gut, dass er aufgedeckt wurde.

Haben solche Vorfälle in letzter Zeit zugenommen?
Die Faszination für Gewaltthemen ist grundsätzlich nichts Neues. Früher befriedigte man diese über die Literatur, dann über Filme und Computerspiele.

Und heute über die sozialen Medien.
Ja. Über diese kommt man sehr einfach zu schockierenden Inhalten. Das Phänomen hat dadurch eine neue Dynamik erhalten.

Sie haben vor allem von jungen Männern gesprochen, die an solchen Inhalten interessiert sind. Wie ist das bei jungen Frauen?
Diese fasziniert weniger die platte, sichtbare Gewalt. Eine Grundaggressivität gibt es trotzdem. Mädchen zeigen diese, indem sie beispielsweise Gerüchte verbreiten, Mitschülerinnen von Chats und Gruppen ausschliessen oder deren Äusseres kritisieren. Das kann bis zu Mobbing führen.

Wie könnte man verhindern, dass solche Chats entstehen?
Die Jungen müssen den Umgang mit den sozialen Medien erlernen. Welche Äusserungen sind in Ordnung, welche nicht? Dann braucht es Zivilcourage, diese unangebrachten Äusserungen auch zu melden. Der Fall in Elgg ist zwar nicht alarmierend, aber er zeigt gewisse Lücken im System auf. Hier sind die Schulen, aber auch die Eltern gefordert.

Lehrt die Schule den Umgang mit den neuen Medien nur ungenügend?
Den Fall in Elgg als Versäumnis der Schule zu bezeichnen, wäre zu einfach. Alle, die eine Möglichkeit haben, auf die Jugendlichen einzuwirken, sind gefordert. Beispielsweise auch Sportvereine, wo Jugendliche viel Zeit verbringen.

Was können die Eltern tun?
Im Alter von zehn, elf Jahren zeigen Jugendliche ihren Eltern oft gar nicht mehr, was sie im Internet konsumieren. Die Eltern aber müssten das einfordern und in der Familie offen darüber diskutieren.

Sie sagten, Rechtsextreme machen vor allem im Internet «Nachwuchswerbung». Wie rekrutieren sie sonst noch?
Ein typisches Einfallstor ist Musik, die mit dem Gedankengut von Rechtsextremen sympathisiert. Rechtsextreme versuchen, Jugendliche an diese Art Musik heranzuführen. In Deutschland haben sie vor ein paar Jahren beispielsweise kostenlose CDs verteilt. Jetzt werden vor allem Websites für Jugendliche attraktiv gestaltet, beispielsweise mit Videos angereichert, die Junge von rechtsextremen Ideen überzeugen sollen. Das alleine radikalisiert aber noch nicht.

Wie meinen Sie das?
Damit Jugendliche zu Rechtsextremen werden, braucht es immer noch echte Begegnungen. Es ist viel gefährlicher, wenn in bestimmten Gemeinden Rechtsextreme aktiv sind, weil sie als Vorbilder für Jugendliche fungieren können. Hier wird die Macht der sozialen Medien überschätzt.

Gewisse Schüler meinten, dass es lediglich eine «Dummheit» gewesen sei, der Chat «als Gag gedacht war». Wie ernst nehmen Sie das?
Letztendlich war es ein Fehler, den einige zwar erkannt hatten, aber nicht rechtzeitig stoppen konnten. Wahrscheinlich wegen des Gruppendrucks. Darum braucht es auch mehr Wissen darüber, an wen sich Jugendliche in solchen Fällen wenden können. Medienkompetenz ist heute nicht mehr das Wissen darüber, ab welchem Alter welche Filme und Spiele erlaubt sind. Heute bedeutet Medienkompetenz, Informationen aus dem Internet richtig einschätzen zu können, Quellen zu kennen, sich vielfältig zu informieren und zu erkennen, wann etwas aggressiv oder diskriminierend ist.

Erstellt: 19.03.2019, 05:39 Uhr

Dirk Baier ist Professor am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der ZHAW. (Bild: PD)

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