Zürich

Auch 30 Jahre später unfassbar

1986 erschoss Günther Tschanun, Chef der Stadtzürcher Baupolizei, vier Mitarbeiter. Ein Buch erinnert an den Prozess. An der Vernissage gestern nahm auch der damalige Ankläger Marcel Bertschi teil. Der Fall bewegt ihn noch immer.

Tschanun (r.) nach seiner Verhaftung in Frankreich. Es war ihm gelungen, nach der Tat per Bahn zu entkommen. Nach drei Wochen wurde er gefasst.

Tschanun (r.) nach seiner Verhaftung in Frankreich. Es war ihm gelungen, nach der Tat per Bahn zu entkommen. Nach drei Wochen wurde er gefasst. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vielleicht ist man ihm schon im Zug gegenübergesessen oder man hatte mit ihm einen Schwatz in den Ferien; er wurde als Person mit einnehmendem Wesen beschrieben – Günther Tschanun.

Vor 30 Jahren, am 16. April 1986, hat er ein anderes Gesicht gezeigt: Als damaliger Chef der Stadtzürcher Baupolizei hat er vier seiner Mitarbeiter erschossen; ein fünfter überlebte knapp. Bereits vor 15 Jahren konnte Tschanun dieses düstere Kapitel seines Lebens wieder abschliessen. Er hatte seine Strafe abgesessen, erhielt einen neuen Namen und – so munkelt man – liess sich sein Gesicht operativ verändern.

Was bleibt, ist die Tat. Sie ist unvergessen. Das gilt sicher für die Angehörigen, aber auch die Öffentlichkeit. Momentan sorgt eine Publikation dafür, dass der Fall wieder in den Medien ist. Der Schriftsteller Nicolas Lindt hatte Tschanuns Prozess als Reporter und Kolumnist für die «Schweizer Illustrierte» verfolgt. In seinem Buch «Von Schuld und Unschuld» erinnert er sich daran. Gestern Nachmittag war im Volkshaus in Zürich die Buchvernissage. Neben dem Autor trat auch Marcel Bertschi auf, Ankläger im Fall Tschanun, zudem Journalist Viktor Dammann, der für den «Blick» den Fall verfolgte.

Er war der Chef

Das Unfassbare geht über die Person Tschanun hinaus. Es ist so stark, dass einiges von dem, was nun angesprochen wird, fast als Groteske herüberkommt. So zum Beispiel, als Lindt aus seiner Schilderung der Befragung Tschanuns vor Obergericht vorliest. Wie freundlich der Gerichtspräsident zum Angeklagten war. Wie er noch eigenes Wissen einbrachte. Der Name Tschanun sei rätoromanischen Ursprungs und «Tscha» bedeute Haus, wusste er. Der gebürtige Österreicher Tschanun wiederum durfte erklären, warum ihm Wien gefällt.

«Er hat nicht gebohrt bei Tschanun», bestätigt später Ex-Staatsanwalt Bertschi. Er ist mittlerweile so lange pensioniert, wie Tschanun wieder auf freiem Fuss ist. Gerichtsreporter Dammann weiss aus anderen Gerichtsfällen, dass besagter Oberrichter auch hart fragen konnte. Aber bei Tschanun war eben alles anders. Denn er genoss auch Sympathien. Da hat sich mal einer gegen seine Chefs gewehrt, so hiess es. Dam­mann macht klar: «Tschanun war der Chef und er hat seine Untergebenen umgebracht.» Und zwar sehr gezielt jene, die sich gegen seine chaotische Führung gewehrt hatten, wie Bertschi anfügt.

«Zwangsneurose», kommt die Diagnose aus dem Publikum des gut besuchten Anlasses, nachdem Bertschi einige Müsterchen vom Verhalten Tschanuns gegeben hat. So habe er in der Gefängnisbibliothek mithelfen dürfen. Zwei Wochen lang. Dann standen die Bücher in einer Ordnung, die für alle ausser Tschanun unverständlich war. Penibel war er in der Vorbereitung seiner Tat. Mittels Streichliste wog er ab, ob Pistole oder Revolver geeigneter wäre.

Doch noch Mord

Er habe bei Tschanun nie Anteilnahme gespürt, sagt Bertschi. Die Tat führte er mit tödlicher Präzision aus. «Er ging von Büro zu Büro», sagt Bertschi. Mit acht Schüssen tötete er vier Menschen und beinahe einen fünften. Bertschi sagt, er habe nie einen Täter mit solcher Treffsicherheit erlebt.

Dass er nicht teamfähig und ein Chaot war, wäre leicht herauszufinden gewesen mit einem Telefonat an seinen vorherigen Arbeitgeber. Ein Versagen des Stadtrates, dass er nicht nachgefragt hat. Dammann schildert das Drama der Angehörigen; Careteams gab es damals noch nicht. Sie mussten sich am Tattag übers Radio informieren. Die Beerdigung mussten sie selber organisieren. Keine Hilfe von der Stadt. Später gab es Streit um die Entschädigungen.

Ankläger Bertschi erreichte mit einer Beschwerde ans Bundesgericht, dass das erste Urteil von 17 Jahren wegen Tötung auf 20 Jahre wegen Mordes erhöht wurde. Nach 13 Jahren kam Tschanun frei. Die Angehörigen erfuhren auch das aus den Medien, wie Dammann sich erinnert. Diesmal konnte die Stadt nichts dafür. Das Schreiben mit der Mitteilung blieb zu lange auf der Post liegen.

Keine Sympathien

Mag Tschanun auch hier und dort Sympathien geniessen, bei den drei Protagonisten des Anlasses ist das spürbar nicht so. Im vorgestellten Buch ist der Fall denn auch nur einer von mehreren. Lindt hat seine Kolumnen von damals nochmals überarbeitet. Er fragt nach der Eigenverantwortung, betont aber auch gern das Menschliche.

Mit seinen langen Haaren drückt bei dem vierfachen Vater noch ein bisschen der Hippie durch, so hat man das Gefühl. Neben dem Schreiben ist er als Ritualgestalter tätig. Er begleitet Beerdigungen und verfasst dazu die Texte. Auch Taufen und Hochzeiten macht er gern. (Der Landbote)

Erstellt: 11.02.2016, 22:25 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Ein Abschied, der Spuren hinterliess

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben