Radsport

Als Hans Knecht die Favoriten düpierte

1946 fanden die Strassenrad-WM letztmals in Zürich statt. Es wurde Schweizer Radsportgeschichte geschrieben.

Jubel in Zürich: Hans Knecht wird das Regenbogentrikot des Weltmeisters übergestreift.

Jubel in Zürich: Hans Knecht wird das Regenbogentrikot des Weltmeisters übergestreift. Bild: Keystone

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Wenn sich 2024 in Zürich die Radsport-Elite zu den Weltmeisterschaften trifft, dann wird es fast 80 Jahre her sein, dass die Limmatstadt letztmals Austragungsort dieses Grossereignisses war. Dreimal beherbergte Zürich bislang die Strassenrad-Weltmeisterschaften: 1923, 1929 und 1946. Vor allem die letzte Austragung war denkwürdig. Mit Hans Knecht schrieb damals ein Einheimischer Schweizer Radsportgeschichte.

Obschon kaum jemand mit dem Mann aus Albisrieden gerechnet hatte, düpierte er sie alle, die grossen Namen des Radsports der 1940er-Jahre. Weder der Belgier Rik Van Steenbergen noch der Italiener Gino Bartali hatten an diesem 1. September die Beine, um Knecht zu stoppen. Nach fast siebeinhalb Stunden Fahrt und 270 Kilometern setzte er sich gegen seinen letzten Widersacher Marcel Kint aus Belgien durch und wurde so erster Schweizer Strassenrad-Weltmeister bei den Profis.

Schon bei den Amateuren top

Die Überraschung kam auch in der damaligen Berichterstattung zum Ausdruck. «Aber wer dachte an den sympathischen Hans Knecht, wer dachte überhaupt nur im Entferntesten daran, dass ein Schweizer den schweren Parcours zwischen Dübendorf und der Zürcher Stadtgrenze siegreich beenden könnte?», fragte etwa die «Schweizer Illustrierte». Gänzlich unbekannt war Knecht nicht. So holte er 1938 im niederländischen Valkenburg den WM-Titel bei den Amateuren. 1943 und 1945 war er zudem Schweizer Meister geworden. Dennoch hatte Knecht in Zürich die «von der schweizerischen Radsportgemeinde in ihn gesetzten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen», wie die NZZ schrieb.

Garstiges Wetter

Das Strassenrennen der Profis war der krönende Abschluss der Weltmeisterschaften, die meteorologisch unter keinem guten Stern standen. Der Spätsommer 1946 war verregnet. Dennoch gelang es den Organisatoren, das Programm der Titelkämpfe ohne nennenswerte Zwischenfälle über die Bühne zu bringen. Und auch die Besucher liessen sich durch die garstigen Bedingungen nicht abhalten. «Man begegnete in diesen Tagen auf der Bahn und auf der Zielanlage der Strassenrennen manchen Sportenthusiasten, die am Radsport nur passiven Anteil nehmen, auch Leuten aus gehobenen Gesellschaftsschichten. Den Kern des Zuschauerheeres, das Bahn und Strasse bevölkerte, bildete freilich die grosse Radfahrergemeinde», notierte der Berichterstatter der NZZ.

Das grosse Zuschaueraufkommen hatte aber auch seine Tücken, wie das Rennen der Amateure zeigte. Noch bevor die letzten Fahrer im Ziel waren, bevölkerten Reporter und Zuschauer die Zieleinfahrt, um einen Blick auf die Spitzenfahrer werfen zu können. Das hatte zur Folge, dass sich die Nachzügler unter den Fahrern ihren Weg zum Ziel mit dem Rad auf dem Rücken bahnen mussten.

Goldene Zeiten

Dennoch überwogen die positiven Eindrücke. Vor allem wegen der gastfreundlichen Organisation. Die Gäste aus dem Ausland wurden «mit liebevoller Aufmerksamkeit betreut», wie es im Artikel weiter heisst. «Bankette, Ausflüge, freundschaftliche Zusammenkünfte folgten sich auf dem Fusse.» Zufrieden war man im Grossen und Ganzen auch mit dem Abschneiden der heimischen Athleten – auch wenn mit etwas mehr Wettkampfglück noch mehr Erfolge hätten erzielt werden können, wie in den Zeitungen kommentiert wurde.

Einig war man sich auch, dass einem um die Zukunft des schweizerischen Radsports nicht bange sein müsse. Die Kommentatoren sollten recht behalten. Mit Hugo Koblet und Ferdy Kübler sollten die goldenen Zeiten des Radsports in der Schweiz erst noch folgen.

Der Titel von Hans Knecht ist und bleibt jedoch ein besonderes Ereignis. Bis heute schafften es mit Ferdy Kübler (1951) und Oscar Camenzind (1998) nur zwei weitere Schweizer, Strassenrad-Weltmeister zu werden.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 15.03.2019, 22:30 Uhr

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