Glockenstreik

Als die Glocken stumm blieben

Am 1. August läuten schweizweit die Kirchglocken. Dieser Tradition widersetzte sich vor 100 Jahren die Kirchgemeinde Wipkingen – aus Protest. Am Dienstag erinnert sie an den Skandal und fragt: Wieviel Politik gehört in die Kirche?

Am 1. August vor 100 Jahren verweigerte die Kirchgemeinde Wipkingen das traditionelle Glockengeläut.

Am 1. August vor 100 Jahren verweigerte die Kirchgemeinde Wipkingen das traditionelle Glockengeläut. Bild: Enzo Lopardo

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Das Glockengeläut gehört zum Nationalfeiertag wie der Psalm, lange Reden, Höhenfeuer, Böller und natürlich die Wurst. Seit 1899 existiert die Tradition, seit der Bundesrat die Kantone zum bimmelnden Ritual aufforderte. Glocken verfügen über grosse symbolische Kraft. Man denke nur an die Diskussionen über das nächtliche Geläut. Dessen bewusst war sich auch Ernst Altwegg: Der Pfarrer, der 1917 für einen regelrechten Skandal sorgte – und an den nun 100 Jahre später erinnert wird.

Folgenschwere Verweigerung

Auslöser war indes Max Kleiber. Der Student der Agronomie wanderte in jungen Jahren nach Kanada aus, kehrte aber 1914 für den Aktivdienst in die Schweiz zurück. Er schaffte es bis zum Artillerieleutnant, ehe sich seine Einstellung zur Armee komplett änderte. Geprägt vom religiösen Sozialismus wurde er Pazifist und verweigerte schliesslich den Militärdienst. «Weil er dem christlichen Grundgebot und damit einer höheren Kultur widerspricht», begründete Kleiber seinen für damalige Verhältnisse mutigen Schritt.

Max Kleiber.

Dieser blieb freilich nicht ohne Folgen . Das Divisionsgericht verurteilte ihn zu vier Monaten Gefängnis, warf ihn ganz aus der Armee und entzog ihm das Bürgerrecht für ein Jahr. Kurz darauf schloss ihn die Aufsichtsbehörde der ETH aus dem Studium aus. Als sich die Studentenschaft geschlossen für Kleiber einsetzte und gegen die «Verletzung der akademischen Freiheit» auflehnte, beschäftigte der Fall gar den Bundesrat. Dieser stützte jedoch die Sanktionen .

Angespannte Lage

Überraschend protestierte auch die reformierte Kirchgemeinde Wipkingen. Treibende Kraft war Louis Streuli-Hoën, Präsident der Wipkinger Kirchenpflege, der bereits die schweizerischen Munitionsexporte in die Kriegsnationen angeprangert hatte. Er und Pfarrer Ernst Altwegg ermutigen die Kirchenpflege zu einem aussergewöhnlichen Beschluss: Am 1. August 1917, wenn in der ganzen Schweiz die Kirchglocken läuten, sollen sie in Wipkingen stumm bleiben.

Ernst Altwegg mit Konfirmantinnen (1929).

Peter Egloff, freier Zürcher Journalist, hat die Geschichte des Wipkinger Glockenstreiks vor fast 40 Jahren recherchiert und nun die Kirchgemeinde dazu ermuntert, an das Ereignis zu erinnern: «Man muss sich das vorstellen: Exportindustrie und Bauern profitierten massiv vom Krieg, die Arbeiterschaft war zunehmend von Armut betroffen. Auch in Zürich wurde gehungert. Im Jahr darauf kulminierte die Krise im Landesstreik. In dieser angespannten Situation hatte die Wipkinger Protestaktion grosse politische Brisanz. Zumal die Kirche einen grösseren gesellschaftlichen Stellenwert hatte als heute.»

Müller-Drossaart als Pfarrer

Relevant sei damals das Thema für ihn noch aus einem anderen Grund gewesen, sagt Egloff: «Die Schweiz kannte als einziges Land Westeuropas noch keinen Zivildienst. Dienstverweigerer wurden bei uns nach wie vor kriminalisiert, eingesperrt und mit Berufsverboten belegt.»

Erstaunlich aktuell geblieben ist auch die Rede von Pfarrer Ernst Altwegg, in der er das Vorgehen der Kirche rechtfertigt. Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart («Grounding») wird sie am Dienstag gemeinsam mit der langjährigen Moderatorin Isabel Schaerer am Originalschauplatz in einer szenischen Lesung vortragen.

ETH in der Kritik

Altwegg verteidigt in seiner Rede Kleiber und kritisiert zugleich aussergewöhnlich scharf das Vorgehen der ETH und Politik. Der wahre Grund für Kleibers Ausschluss sei, «dass man Elemente, deren Anschauungen sich nicht mit dem bestehenden Klassenstaat vertragen, von unseren Hochschulen nach Möglichkeit fernhalten will».

Altwegg sah es als «patriotische Tat», auf den Missstand aufmerksam zu machen, als Pflicht, «im Namen des Evangeliums Protest einzulegen, wo wir seine Grundsätze verletzt sehen.» Das Unterlassen des Geläuts sei nicht als Provokation zu verstehen, schrieb Altwegg. Es gehe vielmehr darum, den Gemeindemitgliedern zu sagen, «wie wichtig es in diesen Zeiten ist, dass jeder einzelne sich besinne, dass er nicht einfach gedankenlos im alten Trott mitmache, sondern zu erkennen suche, wo hindurch nach dem Willen Gottes der Weg für unser Geschlecht führt, und ihn dann auch gehe.»

Saufgelage in der Kirche

Ganz stumm blieben die Glocken dann doch nicht an jenem 1. August im Jahr 1917. Rund 40 bürgerliche Wipkinger nötigten den zweiten Pfarrer, den Schlüssel herauszugeben. Die Türen zum Kirchturm brachen sie kurzerhand auf. Und so schafften sie es, die Glocken doch noch während einer halben Stunde läuten zu lassen.

Die Quittung folgte prompt. Die Zürcher Tageszeitung «Volksrecht» berichtete über die «Kirchenschändung durch gläubige Christen», die nicht nur grossen Sachschaden anrichteten, sondern den Sturm auf den Glockturm offenbar mit Bier aus der nahen Wirtschaft «Zum Ankerhof» begossen und mitten in der Kirche ein Saufgelage veranstalteten.

Kleibers Gesetz gilt noch heute

Und was wurde aus Max Kleiber? 1920 konnte er sein Studium zwar doch noch abschliessen. Als Dienstverweigerer waren seine beruflichen Aussichten jedoch düster. 1929 wanderte er in die USA aus, wo ihm in Davis am College of Agriculture der University of California eine Professur angeboten wurde. Von dort machte sich Kleiber bald international einen Namen als Agrar- und Ernährungswissenschaftler.

Seine Forschungen zur Beziehung zwischen Körpergrösse und Stoffwechsel von Säugetieren sind als Kleibers Gesetz noch heute in den gängigen Lehrbüchern der Tierphysiologie zu finden. Kleiber blieb auch in den USA Pazifist. Er setzte sich für den Frieden ein und protestierte unter anderem gegen den Vietnamkrieg. Am 5. Januar 1976 starb er im Alter von 83 Jahren in Davis, Kalifornien. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 26.07.2017, 18:27 Uhr

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