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«Absurd, grotesk und anachronistisch»

Ein ETH-Experte für Kunst und Architektur kritisiert die Stadt Zürich dafür, dass sie Harald Naegeli wegen Sachbeschädigung vor Gericht gezerrt hat.

Der vom Kanton Zürich als schützenswert eingestufte «Wassergeist» (Undine), den Naegeli ans Deutsche Seminar der Uni Zürich sprayte. Key
Der vom Kanton Zürich als schützenswert eingestufte «Wassergeist» (Undine), den Naegeli ans Deutsche Seminar der Uni Zürich sprayte. Key

Philip Ursprung hat den Werdegang des Zürcher Sprayers Harald Naegeli mitverfolgt. Der Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich kennt das Werk des 77-jährigen Künstlers bestens. Für ihn ist es ein Theater, was sich gestern in Zürich abgespielt hat. «Dass ihn die Behörden erneut vor Gericht zerrten, ist absurd, grotesk und anachronistisch», sagte Ursprung gestern.

Zur Gerichtsverhandlung hätte es nicht zwingend kommen müssen. Was Naegeli zur Last gelegt wird, sind keine Offizial-, sondern Antragsdelikte. Die Stadt Zürich, vertreten durch das Amt für Entsorgung + Recycling, das zu Filippo Leuteneggers Departement gehört, hätte also die Möglichkeit gehabt, den Prozess im Vorfeld zu stoppen und das Gespräch mit Naegeli zu suchen. Genau das hat der Richter den Streitparteien nun nahegelegt.

Harald Nägeli auf dem Weg zu seinem Prozess am Zürcher Bezirksgericht am 4. Oktober 2017.
Harald Nägeli auf dem Weg zu seinem Prozess am Zürcher Bezirksgericht am 4. Oktober 2017.
Keystone
Wegen mehrfacher Sachbeschädigung muss sich der international bekannte «Sprayer von Zürich» vor Gericht verantworten. Die beantragte Busse und Geldstrafe für Graffiti aus den Jahren 2012 und 2013 belaufen sich auf rund 200'000 Franken.
Wegen mehrfacher Sachbeschädigung muss sich der international bekannte «Sprayer von Zürich» vor Gericht verantworten. Die beantragte Busse und Geldstrafe für Graffiti aus den Jahren 2012 und 2013 belaufen sich auf rund 200'000 Franken.
Keystone
Eine Figur ziert 1984 die Treppe des Kunsthausrestaurant in Zürich.
Eine Figur ziert 1984 die Treppe des Kunsthausrestaurant in Zürich.
Keystone
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Anklagen statt würdigen

Dass die Stadt diesen Schritt nicht getan hat und Naegelis Kunst wie vor 40 Jahren als blosse Sachbeschädigung taxiert, findet Ursprung beschämend. Naegelis Kunstform, die Street Art, werde international stark beachtet. In Berlin eröffne man gerade ein Museum dafür. «In Zürich haben wir einen Street-Art-Pionier, statt ihn aber zu würdigen, klagt man ihn wegen Sachbeschädigung an.» Es sei an der Zeit, über den Begriff Sachbeschädigung nachzudenken.

Für Ursprung ist klar: Die Behörden sollten Naegelis Zeichnungen als Bereicherung und als Geschenk sehen. Statt dessen versuchten sie, den öffentlichen Raum immer stärker zu normieren und zu kontrollieren – «mit dem Resultat einer zunehmenden Monotonie», wie Ursprung sagt. Solche negativen Stadtveränderungen habe Naegeli mit seinen Strichzeichnungen aufs Korn genommen. Dabei habe er seine Orte jeweils sorgfältig ausgesucht. Naegelis Formensprache bezeichnet Ursprung als elegant und spielerisch. «Die Figuren sind oft humorvoll. Sie wollen überraschen, nicht schockieren.»

Kein Spiel, sondern ernst

Ursprung stellt energisch in Abrede, dass Naegeli mit seinen illegal gesprayten Zeichnungen ein blosses Spiel mit den Behörden treibe. «Es ist kein Spiel, ihm ist es sehr ernst mit seiner Botschaft.» Sie laute: Autonomie der Kunst gegenüber der Stadt. Ursprung lässt keinen Zweifel daran, dass Naegelis Werk in der gesamten Fachwelt als Kunst akzeptiert und geschätzt ist. Umso unverständlicher ist ihm das Verhalten der Zürcher Behörden.

Viele von Naegelis Figuren hat die Stadt weggeputzt. Einige befinden sich noch in der ETH-Tiefgarage in Zürich, eines am Deutschen Seminar. Diesen Wassergeist (Undine) stufte der Kanton 2004 als erhaltenswürdig ein und liess ihn konservieren. Auftragsarbeiten von Naegeli besitzt auch der Zürcher Zoo. Es handelt sich um Tierzeichnungen.

Problem Gleichbehandlung

Warum hat Leutenegger den Prozess nicht rechtzeitig gestoppt? Der FDP-Stadtrat verwies am Tag vor dem Prozess auf das Gebot der Gleichbehandlung. Auf Anfrage liess er ausrichten: Jedes Jahr würden über 3500 Sprayereien und Schmiereien in der Stadt Zürich zur Anzeige gebracht. ERZ habe den Auftrag, die Stadt Zürich sauber zu halten. «Es kann nicht die Aufgabe von ERZ sein, abzuklären, ob eine Schmiererei ein Kunstwerk sein soll. Deshalb gibt es standardmässig eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und die Schmiererei wird entfernt.» Der Rest laufe über die Polizei und die Staatsanwaltschaft.

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