Psychiatrie

«Ab Mitte 20 ist es oft zu spät, um noch einzugreifen»

Die Integrierte Psychiatrie Winterthur bietet als einzige Klinik im Kanton ein spezifisches Betreuungsangebot für junge Erwachsene an. Dieses hilft 18- bis 25-Jährigen, den Schritt in die Unabhängigkeit zu schaffen. Mit ihrem Angebot nimmt die Klinik eine Vorreiterrolle ein.

Für Ablenkung sorgt unter anderem der Töggelikasten, der in der Station für junge Erwachsene der IPW aufgestellt ist.

Für Ablenkung sorgt unter anderem der Töggelikasten, der in der Station für junge Erwachsene der IPW aufgestellt ist. Bild: Madeleine Schoder

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Sie sind bereits volljährig, doch sie suchen ihren Platz in der Gesellschaft noch: Junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren. Als einzige Klinik im Kanton hat die integrierte Psychiatrie Winterthur Zürcher-Unterland (IPW) für diese Altergruppe ein spezifisches Angebot. Sie geht dabei mit gutem Beispiel voran. Denn in diesem Alter sind die jungen Erwachsenen an einem wichtigen Punkt im Leben: Sie bauen sich ihre berufliche Identität auf, lösen sich von ihren Eltern und finden ihren Platz in der Gesellschaft. Gleichzeitig manifestieren sich in dieser Lebensphase viele psychiatrische Krankheiten. Trotzdem fehlt an vielen Orten die spezifische Betreuung.

Letzte Chance für Kurskorrektur

Die IPW jedoch hat seit sechs Jahren ein stationäres Proramm speziell für junge Erwachsene. Auf der Psychotherapiestation hat es Platz für 16 Patienten. Im Jahr 2016 hat sie dort 86 junge Erwachsene behandelt. Dass es dieses Angebot gibt, ist für Christine Gäumann sehr wichtig. Die Bereichsleiterin Psychiatrie für Jugendliche und junge Erwachsene an der IPW sagt: «Für Kinder und ältere Erwachsene gibt es viele Betreuungsangebote, aber bei den 18- bis 25-Jährigen schaut man nicht mehr hin.

«Viele unserer Patienten sind seit zwei oder drei Jahren von ihrem sozialen Umfeld isoliert und sitzen oft alleine zuhause.»Kornelia Gillhoff, 
Leitende Psychologin 
Station junge Erwachsene

Aber dieses Alter ist meistens die letzte Chance für uns, die Weichen nochmals neu zu stellen.» Als Erwachsener sei die Persönlichkeit bereits entwickelt, man habe seine Rolle in der Gesellschaft gefunden und sei auch im Berufsalltag integriert. «Erwachsene können nach einer psychischen Erkrankung einfacher wieder einsteigen.» Wenn junge Erwachsene jedoch den Einstieg ins Berufsleben nicht schaffen, würden diese schnell in der Arbeitslosigkeit landen und lebten dann oft am Rand der Gesellschaft. «Greift man rechtzeitig ein, können hohe Folgekosten verhindert werden», sagt Gäumann.

Eine Art Lebens- und Berufscoaching

Um die jungen Erwachsenen bestmöglich zu begleiten, bleiben die Patienten zwei bis drei Monate in der Klinik. Die Aufnahme erfolgt freiwillig, in einem Vorgespräch wird mit dem Patienten abgeklärt, welche Ziele er oder sie erreichen möchte. Danach folgt eine aufwendige Diagnose. Aufwendig, weil die meisten psychischen Störungen erst noch diagnostiziert werden müssen. In den weiteren Wochen erhalten die Patienten eine Art Lebens- und Berufscoaching: Die Betreuer unterstützen sie beim Umzug in die erste, eigene Wohnung oder bei der Berufswahl. Sie werden geschult in Auftrittskompetenz, sind oft mit Gleichaltrigen in Kontakt und lernen so den Umgang in der Gruppe. Das sei ein grosser Vorteil, sagt Kornelia Gillhoff, leitende Psychologin der Station: «Viele unserer Patienten sind seit zwei oder drei Jahren von ihrem sozialen Umfeld isoliert und sitzen oft alleine zuhause.» Erst auf der Station kämen sie wieder in Kontakt mit Gleichaltrigen. «Dadurch, dass sie bei uns alle im etwa gleichen Alter sind, beschäftigen sie dieselben Themen, das ist auf einer altersdurchmischten Station nicht so», sagt Gillhoff.

Sie erzählt von einem Halbwaisen, der, als er zum ersten Mal alleine in eine Wohnung zog, schwer depressiv wurde und seine Lehre abbrach. Er hatte grosse Probleme, allein zu sein und keinen Kontakt mit Gleichatrigen. Als er in die IPW kam, wusste Gillhoff nur von der Depression. Mit einer aufwendigen Diagnose konnte sie weitere psychische Störungen ausmachen: Der junge Mann hatte nebst einer Essstörung und einem Borderline-Syndrom auch eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Er sei zwar hochintelligent, habe aber trotzdem nur einen Sek-B-Abschluss machen können. «Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wenn die psychischen Probleme die beruflichen Möglichkeiten eines jungen Erwachsenen ausbremsen», sagt Gillhoff. Die auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Therapie zeigte Wirkung: Der junge Erwachsene konnte seine Ausbildung wieder aufnehmen. Er lebt jetzt in einer Wohngemeinschaft, in die Klinik kommt er nur noch zu alle paar Wochen zu Check-Ups.

Am häufigsten behandelt Gillhoff Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung wie dem Borderline-Syndrom, viele haben auch Angstzustände. Besonders Letzteres und Depressionen hätten in den letzten Jahren zugenommen, sagt Gäumann. Nach gut sechs Jahren zieht Gillhoff ein positives Fazit: «Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, diese Abteilung zu gründen.» Das Angebot der IPW sei mittlerweile so bekannt, dass junge Erwachsene aus der ganzen Schweiz übers Internet zu ihnen finden.

Angebot entspricht grossem Bedürfnis

Auch Peter Studer, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie aus Winterthur ist überzeugt von der Station für junge Erwachsene der IPW: «Spezifische Angebote für junge Erwachsene entsprechen zweifellos einem grossen Bedürfnis.» Diese Einschätzung werde in Fachkreisen eigentlich unwidersprochen geteilt. «So wie Menschen in fortgeschrittenem Alter in spezialisierten Angeboten versorgt werden, so sollen Jugendliche und junge Erwachsene ebenfalls in spezialisierten Angeboten betreut werden können.»

Die IPW stelle in diesem Altersbereich eine Vorreiterin dar. Wichtig sei hierbei auch, dass eine gute Zusammenarbeit mit ergänzenden Angeboten wie Suchtberatung oder Beistandschaften vorhanden sei. Dies pflege die IPW seit Jahren intensiv.

Erstellt: 29.11.2017, 16:32 Uhr

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