Obersee

Wasserpflanzen wuchern im Obersee

Wasserpflanzen behindern zwischen Rapperswil-Jona und Schmerikon Motorbootfahrer und Ruderer. Die Bekämpfung ist teuer – und nutzlos.

Des einen Freud, des anderen Leid: Seegras dient Fischen und Wasservögeln als Nahrungsquelle, Motorbootfahrer bleiben darin stecken.

Des einen Freud, des anderen Leid: Seegras dient Fischen und Wasservögeln als Nahrungsquelle, Motorbootfahrer bleiben darin stecken. Bild: Fabio Wyss

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Regelrechte Felder von Seegras breiten sich derzeit auf dem Obersee von Rapperswil-Jona bis nach Schmerikon aus. Die einen freut es: Fische, Enten oder Blesshühner – umgangssprachlich Taucherli – finden hier ihr Futter. Ganz und gar keine Freude bereitet das Seegras hingegen Motorbootführern. Ihre Schiffsschrauben verheddern sich im grünen Teppich.

«Etliche Motorboote bleiben darin stecken», sagt Dario Helbling, Geschäftsführer der Helbling-Werft in Schmerikon. Dagegen helfe vor- und zurückfahren. Oftmals müssten Bootsführer aber tauchen und den Motor von den Pflanzen befreien, sagt Helbling. Zudem mussten Mitarbeiter diesen Sommer bereits des Öfteren ausrücken, um feststeckende Boote zu befreien.

Hoher finanzieller Aufwand

Gleich gegenüber der Helbling-Werft liegt der Hafen der Johann Müller AG (JMS). «Seit zwei bis drei Jahren ist die Situation mit den Wasserpflanzen unbefriedigend», heisst es dort. Matthias Dürst, Abteilungsleiter des Technischen Dienstes der JMS, sagt, dass sie letztes Jahr für zigtausend Schweizer Franken das Seegras ausgebaggert hätten. «Genützt hat es nichts. Ein paar Tage später drehte der Wind, und es schwemmte einen neuen herumtreibenden Seegrasteppich in den Hafen.» Die Gemeinde Schmerikon tut ebenfalls ihr Möglichstes, um der Plage Herr zu werden. Gemeindepräsident Félix Brunschwiler liess das Seegras gezielt schneiden und einsammeln, damit Schwimmer und Boote weniger gestört werden. «Das Herausfischen des Seegrases bedeutet einen enormen personellen Aufwand. Schlussendlich geht es aber fast nicht anders», sagt Brunschwiler.

«Wie die Bäume im Wald gehören die Wasserpflanzen zum See – als Teil des Ökosystems.»Christoph Birrer, Abteilungsleiter des kantonalen Amtes für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF)

Bereits prüfte die Gemeinde den Einsatz der Schwemmholzsperre. Diese steht dann im Einsatz, wenn die Linth viel Wasser führt. Mit dieser Sperre wollten die Schmerkner das Seegras eindämmen und abtransportieren – es funktionierte nicht. Die Wasserpflanzen haben weniger Auftrieb als Holz. Gemäss Brunschwiler «flutscht es unter der Sperre durch».

Massive Zunahme

Genützt hätte es ohnehin nicht langfristig. «Das Seegras wuchert und wuchert. Heisse Sommertage liessen es auch dieses Jahr wieder massiv anwachsen», sagt Helbling. Die Seegrasproblematik habe in den letzten beiden Jahren enorm zugenommen. Diese Einschätzung teilt auch Nicola Schröder. Sie ist Chefin Leistungssport des Ruderclubs Rapperswil-­Jona: «Ich lebe nun das siebte Jahr in der Region, und die Menge Seegras hat seither stetig zugenommen», meint die gebürtige Deutsche. Das kann aufgrund der wärmeren klimatischen Bedingungen der letzten Jahre gut sein. Klimaeffekte wie die Luft- und Wassertemperatur, Sonnenlicht und geringe Eisbildung im Winter hätten Einfluss auf den Pflanzenwuchs, bestätigt Christoph Birrer, Abteilungsleiter des kantonalen Amtes für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF).

Seegras zieht ins Wasser

Diese Entwicklung sei wenig erfreulich für den Ruderclub, sagt Schröder. Denn sowohl die Athleten als auch die Trainer haben ihre liebe Mühe mit dem Seegras. Die Trainer bleiben mit ihren motorisierten Booten teilweise stecken. Gefährlich wird es gar für die Ruderer. Sie könnten mit ihren Ruderblättern in einem Seegrasfeld einhängen. «Dadurch können sie richtiggehend ins Wasser gezogen werden», sagt Schröder.Sie weiss aus erster Hand, dass von Rapperswil-Jona bis Schmerikon etliche Pflanzenteppiche liegen; das ist die bevorzugte Strecke des Ruderclubs Rapperswil-Jona. Wegen häufiger Südwestwindlagen ist die St. Galler Seeseite stärker befallen als jene des Kantons Schwyz.

«Grossflächige Bekämpfung von Wasserpflanzen – seien diese mechanisch, biologisch oder chemisch – ist nicht zulässig.»Christoph Birrer, Abteilungsleiter des kantonalen Amtes für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF)

Mit den Wasserpflanzen muss auch in Zukunft gerechnet werden. Die Ursache liegt unter anderem am sauberen Wasser des Oberen Zürichsees; als «ausgezeichnet» klassiert der Bund die Qualität. Das bietet Wasserpflanzen eine optimale Grundlage, weil es gleichzeitig sehr untief ist. Lukas Taxböck, Fachspezialist für Gewässerbiologie und -ökologie des Kantons St. Gallen, sagt: «Je tiefer Licht dringt, desto tiefer leben Pflanzen. In ‘sauberen’ Seen funktioniert demnach an tieferen Stellen die Fotosynthese.» Ein natürlicher Prozess, der nicht gestört werden darf.

«Grossflächige Bekämpfung von Wasserpflanzen – seien diese mechanisch, biologisch oder chemisch – ist nicht zulässig», lässt Birrer vom ANJF verlauten. Der kantonale Fischereichef erklärt, wieso: «Wie die Bäume im Wald gehören die Wasserpflanzen zum See, sie sind Teil des Ökosystems.» Birrer dehnt den Waldvergleich noch weiter aus: Das Laub falle im Herbst von den Bäumen, wie auch die Wasserpflanzen durch tiefere Temperaturen wieder absterben würden. Jedes Jahr erneuert sich dieser Prozess. Die «Böötler» müssen also auch in Zukunft mit Unannehmlichkeiten leben. Oder wie es Matthias Dürst von der JMS sagt: «Wir können die Symptome bekämpfen, aber nicht die Ursache.»

Erstellt: 11.10.2019, 12:07 Uhr

Seegras ist eigentlich ein «Armleuchter»

Der Begriff Seegras wird oft falsch benutzt. Lukas Taxböck, Fachspezialist für Gewässerbiologie und -ökologie, klärt auf: «Seegras im eigentlichen Sinne gibt es nur in marinen Lebensräumen», also in den Ozeanen und Meeren. Passender wäre der Begriff «submerse Makrophyten».
Darunter werden alle mit blossem Auge erkennbaren, untergetaucht lebenden Pflanzen verstanden. Im Obersee dürften vor allem untergetauchte Samenpflanzen oder Characeen – sogenannte Armleuchteralgen – wachsen. Diese grossen Algen erhalten aufgrund ihres Erscheinungsbildes den doppeldeutigen Namen. Im Zürichsee wachsen sie zwar rege, tatsächlich sind sie aber andernorts gefährdet. Grund dafür ist die Eutrophierung. Darunter wird per Duden-Definition eine unerwünschte Zunahme an Nährstoffen verstanden. Das fördert das Pflanzenwachstum, kann aber auch zu viel werden: Zu viele Nährstoffe vergiften die Pflanzen.

Artikel zum Thema

Seegras wuchert, weil die «Seekuh» ausfällt

Zürichsee Das Mähboot «Seekuh» befreit den See normalerweise vom Seegras. Momentan ist es jedoch wegen Reparaturarbeiten nicht einsatzbereit. Wucherndes Seegras in den Badis ist die Folge. Mehr...

Die «Seekuh» im Kampf gegen die Seegras-Plage

Rapperswil-Jona Seegras wuchert an den Ufern von Rapperswil-Jona. Das Mähboot «Seekuh» befreit die Hafenanlagen der Rosenstadt von der Plage. Dieses Jahr kam sie später als üblich zum Einsatz. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles