Religion

Von der Kirche abgewendet

Mittlerweile ist ein Drittel der Stadtzürcher Bevölkerung konfessionslos. Der Anteil wird noch zunehmen, sagt ein Wissenschaftler. Die Reformierte Kirche gibt sich dennoch optimistisch.  

Die Austritte aus den Zürcher Kirchen haben zugenommen.

Die Austritte aus den Zürcher Kirchen haben zugenommen. Bild: Keystone

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Die Religon ist für einen grossen Teil der Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher nicht von Bedeutung. 34 Prozent sind konfessionslos. Das zeigen die neusten Zahlen von Statistik Zürich. Überrascht hätten ihn die Gründe, sagt Klemens Rosin vom statistischen Amt. Die Annahme, dass den Landeskirchen die Mitglieder «wegsterben», stimme nur bedingt. Viel gewichtiger seien die Geburten, die Zu- und Wegzüge und die gewollten Austritte aus den Landeskirchen.

Rafael Walthert, Religionswissenschaftler an der Universität Zürich, erklärt es so: «Die Zunahme der Konfessionslosen ist eine Folge der schon seit Jahrzehnten ablaufenden Entkirchlichung. Sie verstärkt sich dadurch, dass unterdessen Leute, die selbst schon nicht mehr kirchlich sozialisiert wurden, nun ihrerseits Kinder haben.»

Jeder seines Glückes Schmied

Die Ursachen dieser Entkirchlichung lägen darin, dass die Wichtigkeit von religiösen Deutungen und Praktiken abgenommen hätten – unter anderem durch Modernisierung, Verstädterung, steigendes Bildungsniveau und höheres Einkommen. Wenn jemand eine Vielzahl von Freizeitmöglichkeiten hat, seinen angestammten Lebenszusammenhang – etwa die Dorfgemeinschaft – verlässt und sich als seines Glückes Schmied sieht, ist laut Walthert die Wahrscheinlichkeit gross, dass er nicht religiös ist.

Verteilung der Religionszugehörigkeit in Prozent (1850­­–2016)

Das trifft vor allem auf die 25- bis 39-Jährigen zu. 38 Prozent der Zürcherinnen und Zürcher in diesem Alter sind konfessionslos. «Der Anteil der Männer ist dabei höher», sagt Klemens Rosin von Statistik Zürich. «Auffällig ist auch, dass konfessionslose Frauen im Durchschnitt mehr Kinder gebären als die übrigen Mütter.»

In der Altersgruppe der 25- bis 39-Jährigen gibt es auch die meisten Kirchenaustritte. Finanzielle Überlegungen werden nur selten als Grund genannt. Bei den Jüngeren liegt es häufig daran, dass sie gar nie einen Glauben hatten. Die Älteren wiederum sind oft mit den Werten ihrer Religionsgemeinschaft nicht mehr einverstanden. Besonders viele Kirchenaustritte gab es Anfang der 2010er-Jahre, nachdem diverse Missbrauchsvorfälle Schlagzeilen gemacht hatten.

Auf dem Land noch nicht so ausgeprägt wie in der Stadt

Eine Rolle spielt auch, dass mehr Konfessionslose in die Stadt ziehen als Menschen mit Religionszugehörigkeit. Junge Fachkräfte aus dem Inland, aber auch aus Deutschland, Grossbritannien, den USA und Frankreich sind oft konfessionslos. Letzere sind mit ein Grund, dass beispielsweise die Städte Genf (40 Prozent) und Basel (46 Prozent) einen noch höheren Anteil an Konfessionslosen haben als Zürich. Im restlichen Teil des Kantons sieht das Bild ähnlich aus, nur dass auf dem Land vergleichsweise mehr Leute einer Religionsgemeinschaft angehören.

Während der Anteil der Muslime, Juden und Christlich-orthodoxen in der Stadt Zürich in den letzten 20 Jahren etwa gleich geblieben ist, macht sich bei den Landeskirchen ein starker Mitgliederschwund bemerkbar. Dass er in der Zwinglistadt bei den Reformierten grösser ist als bei den Katholiken, erstaunt den Religionswissenschaftler Rafael Walthert nicht. Erstens würden mehr Katholiken immigrieren als Reformierte. «Zweitens ist der Katholizismus aufgrund seiner stärkeren ländlichen Verankerung generell etwas modernisierungsresistenter als das reformierte Christentum.»

«Dürfen uns von Zahlen nicht demotivieren lassen»

Mit Mitgliederschwund sähen sich nicht nur Kirchen, sondern auch andere Institutionen und Vereine konfrontiert, sagt Andreas Hurter, Präsident der reformierten Kirchgemeinde Zürich. «Von den Zahlen dürfen wir uns nicht demotivieren lassen. Aber sicher ist es wichtig, dass wir den Menschen genau zuhören und ihre Bedürfnisse erkennen.» Durch die Zusammenführung von 32 Kirchgemeinden zur Kirchgemeinde Zürich per Anfang dieses Jahres ergäben sich Chancen. So werde beispielsweise in die Jugendarbeit der Streetchurch investiert, in der für 5000 Einwohner geplanten Siedlung Greencity ein Standort eröffnet und eine neue Form des Gottesdienstes ausprobiert: das Feierwerk am Freitagabend.

Trotz dieser Bemühungen: Eine Trendwende zeichnet sich nach Ansicht von Rafael Walthert nicht ab. «Die genannten Faktoren bleiben wirksam, die Entkirchlichung verstärkt sich über die Generationen hinweg.» (Landbote)

Erstellt: 30.01.2019, 08:19 Uhr

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