Landesmuseum

Vergangenheit, frisch verklammert

Der Westflügel des Landesmuseums ist wiederöffnet. Er wurde weitgehend in den Zustand im Erbauungsjahr 1898 zurückversetzt. In ihm zu sehen sind Ausstellungstücke aus den eigenen Beständen.

Die nachträglich eingebaute Zwischendecke wurde entfernt: Der Lichthof wird seinem Namen wieder gerecht.

Die nachträglich eingebaute Zwischendecke wurde entfernt: Der Lichthof wird seinem Namen wieder gerecht. Bild: PD

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Mit dem 2016 eröffneten Erweiterungsbau haben die Architekten Christ & Gantenbein dem Landesmuseum einen Trakt angefügt, der einen nüchternen, modernen Kontrast zum Altbau setzt. Als Nächstes machten sie sich an die die Sanierung des historischen Westflügels – und huldigten dem Original. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Geister schieden sich am 1898 im Baustil des Historismus fertiggestellten Gebäude. Zu gefällig mit seinen Türmen und Türmchen, nicht authentisch – der Einwände gab es viele. Architekt Emanuel Christ erinnerte am Donnerstag vor den Medien daran, dass noch in den 1990er-Jahren ernsthaft erwogen wurde, das Gebäude abzureissen und durch ein neues zu ersetzen.

Als sie sich ans Werk machten, wussten sie nicht allzu viel von Historismus, gestand Christ. Ein Glück daher, sei der Bau gleich bei der Eröffnung sehr gut fotografisch dokumentiert worden. Über die Schwarzweissbilder von damals näherten sie sich dem Original an, in welchem seither viel abgeändert worden war. Christ: «Alles war verkachelt und verbaut.»

Wo die Äbtissin tagte

Jetzt ist alles wieder weitgehend wie damals. Und geradezu schwärmerisch äusserste sich der Architekt über Gull und den Historismus. Der Baustil widerspiegele nicht nur die Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Welt. Es sei Gull darum gegangen, die eigene Existenz aktiv in den Bezug mit der Geschichte zu setzen. Der Bau des Museums sei auch ein kulturelles Projekt gewesen. Zusammen mit den Exponaten bilde es ein Gesamtkunstwerk. Als Motto für die Sanierung nannte er: Eine Vision für die Zukunft, verklammert mit der Vergangenheit.

Architekt Emanuel Christ über sein Verhältnis zum Historismus. (Video: Thomas Marth)

Das Gesamtkunstwerk äussert sich unter anderem darin, dass Gull die Räume teils regelrecht um die Ausstellungsstücke herumgebaut hat. Das gilt insbesondere für die sogenannten Period Rooms – Prunkräume, die ins Landesmuseum versetzt wurden, um dort stellvertretend von ihrer Epoche zu zeugen. Dazu gehört etwa der Saal, in welchem einst die Äbtissin des Fraumünsters ihre Gäste empfing. Die Klosteranlage wurde für den Bau des Zürcher Stadthauses abgerissen, im gleichen Jahr, wie das Landesmuseum eröffnet wurde. Kurz darauf wurden auch die Reste des Klosters Oetenbach abgetragen, um Platz zu machen für die Stadthäuser in der Urania. Für Abriss und Neubau war stets Gull zuständig. Er hat somit geschichtliche Zeugen zerstört und rezykliert. Es gab Zeitgenossen, die ihm das vorwarfen.

Andere Bauwerke dienten ihm als Inspirationsquelle, wie etwa die Michaelskapelle in Schwyz aus dem frühen 16. Jahrhundert. Im ihr nachempfundenen Stil mit Sterngewölbe präsentiert sich der Raum, in welchem der Rundgang durch die Ausstellung beginnt. Neben mittelalterlichen Altären wird in ihm gleich eines der ältesten Exponate präsentiert, die Holzskulptur «Christus auf dem Palmesel», erschaffen im 11. Jahrhundert.

Sie ist eines von 7000 Ausstellungstücken, die im Westflügel gezeigt werden. Die Dauerausstellung nimmt drei Stockwerke ein und erstreckt sich über rund 2000 Quadratmeter. Sie will das handwerkliche und kunsthandwerkliche Schaffen der Schweiz über die letzten 1000 Jahre zeigen. Zudem soll sie einen Querschnitt der Bestände des Schweizerischen Nationalmuseums abbilden. In diesen lagern 860 000 Objekte. Sie bilden die umfangreichste kulturhistorische Sammlung des Landes, wie es in der Medienmitteilung heisst.

Ein Publikumsmagnet dürfte auch der Globus des Gelehrten Jost Bürgi aus dem 16. Jahrhundert sein. Die Zürcher und Berner haben ihn im Zweiten Villmergerkrieg den Gallern geraubt. Ebenfalls aus St. Gallen stammt der Stoff für ein Valentino-Kleid, das vor fünf Jahren hergestellt wurde und ebenfalls Teil der Ausstellung ist. Auch zur kriegerischen Vergangenheit der Schweiz gibt es zahlreiche Exponate, von der Armbrust bis zum Harnisch des Schweizer Gardisten.

Neu erdbebensicher

Bei der Sanierung gings unter anderem darum, das Gebäude erdbebensicher zu machen. Wände wurden dafür teils neu betoniert. Die Prunkräume mussten zu diesem Zweck ausgebaut werden, erklärte Christ. Aber auch dem Licht wurde viel Beachtung geschenkt. Zugemauerte Fenster wurden freigelegt, die Lichthöfe von Zwischenböden befreit, sodass wieder Tageslicht von oben her einfallen kann. Hinzu kommen von den Architekten entworfene ringförmige Leuchter und bügelförmige Wandleuchten. In neuem Glanz erstrahlen auch einige Böden. Sie erhielten neue Fliesen, Kopien der Originale von 1898.

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine der weltweit grössten und bedeutendsten Fingerring-Sammlungen, die Sammlung Alice und Louis Koch. Die Schmuckstücke stammen aus der Antike bis heute und sind in einer ringförmigen Vitrine ausgestellt. Zu jedem Stück lassen sich Informationen über ein Tablet abrufen. Wer weiter verweilen will, kann hier noch lange.

Erstellt: 11.10.2019, 10:28 Uhr

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