Gesundheitswesen

Spital Affoltern droht Schliessung

Der Stadtrat von Affoltern am Albis sieht keine Perspektive mehr für das Spital Affoltern. Damit könnte es im Kanton Zürich erstmals seit rund 20 Jahren wieder zur Schliessung eines Spitals kommen.

Die Delegierten der 14 Zweckverband-Gemeinden sind sich einig: Der Zweckverband Spital Affoltern soll aufgelöst werden.

Die Delegierten der 14 Zweckverband-Gemeinden sind sich einig: Der Zweckverband Spital Affoltern soll aufgelöst werden. Bild: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Spital Affoltern steckt schon jahrelang in einer Krise. Mit seiner gestern veröffentlichten Abstimmungsempfehlung hat der Stadtrat von Affoltern den Rettungsplänen für das Spital im Säuliamt nun eine Abfuhr erteilt. Vorgesehen wäre, das Spital in eine gemeinnützige Aktiengesellschaft im Besitz der beteiligten Gemeinden umzuwandeln.

Die Stimmberechtigten entscheiden am 19. Mai über die Auflösung des Zweckverbandes Spital Affoltern. Gleichzeitig wird über die Gründung einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft entschieden, die das Spital weiter betreiben und einen Neubau planen soll, sowie über die Gründung einer Interkommunalen Anstalt Pflegezentrum Sonnenberg abgestimmt. Der Stadtrat empfiehlt, der Auflösung des Zweckverbandes zuzustimmen und die beiden anderen Vorlagen abzulehnen.

Falls die Stimmberechtigten dies so beschliessen, dürfte das Schicksal des einzigen Spitals im Knonauer Amt besiegelt sein. Ein Weiterbetrieb ohne Beteiligung der Standortgemeinde ist nicht realistisch.

Für die Auflösung braucht des Verbands braucht es die Zustimmung aller Mitgliedsgemeinden. Hedingen und Bonstetten haben bereits im März 2018 den Austritt aus dem Verband beschlossen.

Weiterbetrieb käme Affoltern teuer zu stehen

«Wir haben rückläufige Belegungszahlen, ein Defizit im Akutbereich und eine veraltete Infrastruktur mit hohem Investitionsbedarf», sagt Affolterns Stadtpräsident Clemens Grötsch (parteilos). Als grösste Gemeinde im Zweckverband müsste die Stadt auch künftig das grösste Risiko tragen. Das will der Stadtrat nicht mehr. «Ein Weiterbetrieb würde so viel Geld verschlingen, dass wir das nicht verantworten könnten. Wir müssten im Budget Abstriche in anderen Bereichen machen und wahrscheinlich auch die Steuern erhöhen.»

Seinen Entscheid begründet der Stadtrat mit den veränderten Rahmenbedingungen für Regionalspitäler, konkret den neuen Fallpauschalen und den Mindest-Fallzahlen. Ein Problem ist laut Grötsch auch der Trend, immer mehr Behandlungen ambulant statt stationär durchzuführen. «Es gibt im Kanton Zürich kaum ein Spital, das in diesem Bereich kostendeckend arbeitet. Das ermuntert natürlich nicht zu neuen Investitionen.» Bleibe die heutige Rechtsform bestehen, werde das Spital ab 2022 wohl auch nicht mehr auf der kantonalen Spitalliste geführt.

Wie eine Sprecherin der Gesundheitsdirektion auf Anfrage mitteilte, werden die Grundlagen für die Spitalliste 2022 derzeit erst erarbeitet. Es sei aber nicht auszuschliessen, dass einzelne Spitäler bei der Vergabe von Leistungsaufträgen nicht mehr berücksichtigt würden. Die Spitäler würden mit Bezug auf Wirtschaftlichkeit und Qualität evaluiert werden. Diesen Regeln müsste sich auch das Spital Affoltern stellen, wenn es sich erneut um einen Listenplatz bewerbe.

Würde das Spital Affoltern tatsächlich von der kantonalen Spitalliste gestrichen, müssten künftig die Zweckverbands-Gemeinden für die Fallpauschalen aufkommen.

700 Mitarbeitendebangen um ihren Job

Von der Schliessung des Spitals betroffen wären rund 700 Angestellte. Die Spitalleitung hat erst gestern Morgen vom Entscheid des Stadtrates erfahren. Spitaldirektor Michael Buik sprach gegenüber dem «SRF Regionaljournal Zürich Schaffhausen» von einem «Schlag in die Magengrube». Er hoffe, dass die Bevölkerung gegen die Empfehlung der Regierung abstimmen werde.

Möglicherweise weitergeführt werden könnte der Bereich Langzeitpflege. «Der Stadtrat ist sich der sozialen Verantwortung für die Mitarbeiter bewusst», sagt Grötsch. Man sei aber zuversichtlich, dass die Angestellten aufgrund des Personalmangels im Gesundheitsbereich rasch neue Stellen finden würden. Der Stadtrat sei selbstverständlich bereit, sich zusammen mit anderen Gemeinden an einem Solidaritätsfonds beteiligen, um Härtefälle zu vermeiden. Der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) Region Zürich begrüsste dies in einer Mitteilung. In die Pflicht genommen werde müsse aber auch der Kanton, der die Schliessung massgeblich mitzuverantworten habe.

Erstellt: 12.02.2019, 18:36 Uhr

Radikalkur vor 20 Jahren

Von 1997 bis 1999 schlossen im
Kanton Zürich sechs kleine Spitäler (Rotkreuzspital Zürich, Adliswil,
Thalwil, Bauma, Pfäffikon und
Dielsdorf), weitere Spitäler mussten fusionieren. Zwei Kleine
kamen damals mit Glück davon:
Richterswil und Affoltern. Gemäss
einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens PwC ist
schweizweit die Zahl der Spitäler
mit Notfall von 184 im Jahr
2000 auf 102 im Jahr 2016 gesunken. Die kleinen Spitäler sind
besonders unter Druck. Sie sind
schlechter für die Umstellung von
stationären zu ambulanten Behandlungen gewappnet. Diese
liegt im Trend. 2016 stagnierte der
Umsatz der Spitäler im stationären
Bereich erstmals auf dem Niveau
des Vorjahres. Im ambulanten
Bereich hingegen stiegen die
Erlöse um 5 Prozent. Mit dieser
Verschiebung verringert sich die
Ertragsmöglichkeit der Betriebe,
denn ambulante Behandlungen
sind weniger lukrativ. (des)

Nachgefragt

Daniel Kalberer, Geschäftsleiter des Verbands Zürcher Krankenhäuser (VZK) zum drohenden Aus für das Spital Affoltern.

Der Stadtrat von Affoltern will das Spital Affoltern schliessen. Was halten Sie davon?

Daniel Kalberer: Es hat sich in den letzten Jahren abgezeichnet, dass das kleine Spital Schwierigkeiten hat. Seit 2012 die Fallpauschalen eingeführt wurden, spielt die Anzahl behandelter Patienten eine wichtige Rolle.

Was heisst das genau?

Die Anforderungen an die kleinen Spitäler sind die gleichen, wie an die grossen Spitäler. Unter anderem müssen sie genauso Qualitätsberichte schreiben oder interdisziplinäre Fallbesprechungen durchführen. Das ist mit weniger Patienten und Personal viel aufwändiger. Zudem werden immer mehr Patienten ambulant behandelt und können nach dem Eingriff direkt nach Hause. Der Rückgang stationärer Patienten fällt bei kleinen Institutionen stärker ins Gewicht.

Gleichzeitig ist es dem Verband Zürcher Krankenhäuser ein Anliegen, die Gesundheitsversorgung in den Regionen sicherzustellen. Wie geht das zusammen?

Das geht, wenn man in den Regionen die Grundversorgung sicherstellt. Für die komplexen Fälle muss man in ein grösseres Spital.

Das Spital Affoltern ist ja für die Grundversorgung da. Genügt als Alternative eine Permance, wie sie sich der Stadtrat von Affoltern vorstellt?

Wenn die Permanence eine genug grosse Einrichtung wird, wo auch ambulante Eingriffe durchgeführt und Notfälle behandelt werden, dann kann das funktionieren und der Bevölkerung etwas bringen. Eine Vergrösserung des ambulanten Bereichs ist auch Teil der Zukunftsstrategie des Spitals Affoltern.

Vor zwanzig Jahren mussten sechs kleine Spitäler schliessen. Affoltern gehörte nicht dazu. Müssen nun andere kleine Spitäler im Kanton auch zittern?

Nein. Das nächstgrössere Spital nach Affoltern mit 3800 Austritten jährlich ist Männedorf. Dort verzeichnet man doppelt so viele Austritte jährlich. Im Kanton gibt es zwar noch kleinere Spitäler als Affoltern, aber diese haben sich spezialisiert oder gehören zu einer Gruppe. So zum Beispiel das Paracelsus-Spital in Richterswil, das zur NSN Medical AG gehört. Das Spital Affoltern geht hingegen den Weg der engen Zusammenarbeit mit den Stadtspitälern.

Denken Sie, dass das Spital Affoltern zukunftsfähig wäre und offen bleiben könnte mit einem grösseren ambulanten Bereich?

Die Grundversorgung wird in Zukunft grösstenteils ambulant erfolgen. Der ambulante Teil ist deshalb absolut notwendig. Letztlich hängt das Weiterbestehen aber vor allem von der Unterstützung der Bevölkerung im Bezirk Affoltern ab. Ohne Patienten kann kein Spital überleben. (des)

Artikel zum Thema

Gesundheitspolitiker fordert neue Strategie für Spital Männedorf

Männedorf In einem Brief appelliert CVP-Kantonsrat Lorenz Schmid eindringlich an die Gemeindepräsidenten im Bezirk Meilen. Die Gemeinden als Aktionärinnen des Spitals seien gefordert – es brauche eine neue Ausrichtung. Das sehen nicht alle so. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.