Bilanz

Manche trotzten selbst der Russenpeitsche

Die Obdachlosen in Zürich haben diesen Winter gut überstanden – auch dank genügend Notschlafstellen. Trotzdem gab es erneut 15 bis 20 Hartgesottene, die lieber draussen übernachteten.

Rund 200 Obdachlose konnte die Kältepatrouille in eine der Notschlafstellen begleiten. Doch ein paar wenige meiden diese lieber.

Rund 200 Obdachlose konnte die Kältepatrouille in eine der Notschlafstellen begleiten. Doch ein paar wenige meiden diese lieber. Bild: Keystone

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Die aktuellen Frühlingstemperaturen lassen den Winter schnell vergessen. Kaum jemand denkt noch an die Russenpeitsche, die das Thermometer in Zürich auf minus 10 Grad sacken liess. Laut dem Sozialdepartement der Stadt reichten aber auch während dieser Kälteperiode die bestehenden Notschlafstellen aus.

Es zieht in seiner Mitteilung eine positive Bilanz für die Wintersaison 2018/2019. In Zahlen sieht das Fazit wie folgt aus:

– In der städtischen Notschlafstelle wurden zwischen dem 1. November und dem 30. März 4385 Übernachtungen gezählt. Es sind etwa gleich viele wie im letzten Winter. Die Einrichtung an der Rosengartenstrasse bietet 53 Schlafplätze und kann zur Not 80 Personen beherbergen. Für Frauen und Männer bestehen getrennte Räume.

- Die durchschnittliche Belegung lag bei 32 Personen pro Tag, an Spitzentagen im Oktober und November waren es bis zu 53.

- In 94 Prozent der Fälle waren die Personen in Zürich gemeldet. Sie verbrachten im Durchschnitt 22 Nächte in der Notschlafstelle. Die restlichen 6 Prozent entfallen auf Menschen mit Wohnsitz ausserhalb der Stadt. Dazu zählen auch Touristen, die beklaut wurden und in der Not die städtische Unterkunft aufsuchten. Dort dürfen Nicht-Zürcherinnen und -Zürcher in der Regel nur eine Nacht verbringen. Danach werden sie an die Zentrale Abklärungs- und Vermittlungsstelle verwiesen. Diese Stelle leistete in 133 Fällen finanzielle Rückkehrhilfe für Menschen aus dem Ausland und gab dafür total 37 500 Franken aus.

- Bei Minustemperaturen rückt jeweils eine zweiköpfige Kältepatrouille von Sicherheit Intervention Prävention Zürich (sip) aus und bietet Obdachlosen Hilfe an. Im vergangenen Winter leistete die sip 80 solcher Einsätze und konnte im Durchschnitt pro Woche drei bis vier Personen in städtische oder private Notunterkünfte begleiten. Zu letzteren zählen das Cafà Yucca, Open Heart oder der Pfuusbus von Pfarrer Sieber.

«Das ist kein Hotel»

Die Mitarbeitenden von sip züri können Obdachlose nicht dazu zwingen, eine Notunterkunft aufzusuchen. Auch eine allfällige Einweisung in die Notaufnahme eines Spitals kann nur ein herbeigerufener Notarzt oder die Polizei vornehmen. Dazu kommt es laut Heike Isselhorst vom städtischen Sozialdepartment aber selten.

15 bis 20 Personen gibt es in Zürich, die auch bei Eiseskälte draussen schlafen. Sie sind bekannt und werden regelmässig von sip züri aufgesucht. Dass sie auf das Übernachtungsangebot der Stadt verzichten, habe unterschiedliche Gründe, sagt Heike Isselhorst. Der Eine ziehe es vor, draussen zu bleiben, weil er seinen Hund nicht in die Notschlafstelle mitnehmen darf, der Andere, weil es ihm dort vielleicht zu viele Menschen hat.

In den Unterkünften könne es eng und laut werden, manchmal komme es auch zu Konflikten unter den Besuchern. «Das ist kein Hotel. Ein paar wenige Obdachlose wollen deshalb ganz bewusst draussen bleiben.» Sie seien aber meist mit guten Schlafsäcken und Isomatten ausgerüstet und wüssten, wo man bei Minustemperaturen und eisigem Wind geschützt übernachten könne.

Ausserdem seien jene, die dauerhaft draussen schlafen, in der Regel abgehärtet. «Der Körper stellt sich mit der Zeit auf diese speziellen Bedingungen ein.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 03.04.2018, 16:12 Uhr

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