Eishockeystadion

Im Vulkan-Schrebergarten wird wie wild zerstört und geklaut

Bis Ende Monat müssen wegen der geplanten ZSC-Arena 120 Schrebergärnter ihre Parzelle räumen. Noch bevor viele ihr kleines Reich verlassen haben, wird in die Hüttchen eingebrochen und Ware entwendet.

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Die 65-jährige Pächterin senkt den Kopf. 40 Jahre lang hat sie auf dem Vulkanareal in Zürich-Alt-stetten ihr Häuschen und ihren Garten gepflegt. Nun muss sie weg, Platz machen für das neue Eishockeystadion. «Ich bin nervös  – und traurig», sagt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Bis am kommenden Mittwoch muss sie mit 120 weiteren Schrebergärtnern das Areal verlassen. Der Abschied naht. Ihr Sohn, der ihr beim Sortieren und Räumen hilft, fährt mit dem Velo vor. «Hier habe ich als kleiner Bub gespielt», sagt er und schaut zu seiner Mutter. «Es war ihr kleines Paradies, ihre Oase.»

Garten als WC benutzt

«Es ist doch schade, dass dieser schöne Flecken Natur zerstört wird», sagt die Pächterin. Schön ist er allerdings seit Wochen nicht mehr, man sieht, dass das Ende naht. Unkraut breitet sich aus, Latten, Stangen und anderer Unrat liegen herum.

Auf den Nachbarparzellen das gleiche Bild. Manche Häuschen sind bereits abgerissen worden, andere lottern vor sich hin. Schutt wohin man schaut. Aus der Nähe ertönt eine Kettensäge. Auf einem zentralen Platz stapeln sich Sofas, Stühle und Plastikkisten. Da und dort erzählen Überreste Familien- und Gartengeschichten. Ein gelbes Gummientchen mit Matrosenmütze trotzt der Tristesse.

Vieles ist schon weggeräumt worden – nicht nur freiwillig. «Es wird geklaut», sagt die Seniorin. Auch aus ihrem Hüttchen sei Ware entwendet worden. «Gartenscheren, Schaufeln – ja selbst meine Latschen.» Ihr Sohn schüttelt den Kopf und deutet in ein Beet: «Hier hat sogar jemand hingemacht.»

Fahnenstange gestohlen

Ein anderer Pächter bestätigt die wüsten Zustände. Er hat die Polizei gerufen, weil ihm Leiter, Schubkarre, Werkzeug, Gartenzwerge und noch mehr gestohlen wurden. «Sie haben sogar die sechs Meter lange Fahnenstange mitgenommen – es war die längste auf dem Gelände.» Stolz zeigt er ein Foto mit einer wehenden Schweizerflagge und erzählt von seinem Vater, der hier vor 58 Jahren seinen Rückzugsort und Garten aufgebaut hatte.

Seit man von der Räumung wisse, würden immer mehr Fremde auftauchen und sich hemmungslos bedienen, sagt die 65-jährige Pächterin. Sie verdächtigt auch Gärtner aus den 200 angrenzenden Parzellen, jene, die vom Stadionbau verschont bleiben. «Ich habe mehr Loyalität unter den Schrebergärtnern erwartet», sagt sie. Enttäuscht sei sie auch von der Stadt und dem Vereinsvorstand. Sie fühle sich schlecht informiert. «Und dann muss ich noch 250 Franken für die Räumung bezahlen.»

ZSC finanziert Räumung mit

Die 250 Franken sind allerdings weitaus weniger als die Gärtner anfangs zu befürchten hatten. Laut dem Pachtvertrag muss bei einer Auflösung jeder sein Eigentum mitnehmen und fachgerecht entsorgen. Das kann schnell einmal ein paar Tausend Franken kosten.

Weil noch Kosten für die Altlastensanierung hinzukommen und weder Verein noch Pächter diesen Aufwand decken können, sicherte der Hockeyclub seine Unterstützung zu. Im Februar bezifferte Adolf Gloor, Präsident des Familiengartenvereins Altstetten-Albisrieden, den Betrag für die professionelle Räumung auf 300 000 Franken. Davon würde der ZSC 250 000 Franken übernehmen. Für die verbleibenden 50 000 Franken kämen der Familiengartenverein sowie die Pächter mit je 250 Franken auf.

Teurer wegen Asbest

Im Mai stellte sich jedoch heraus, dass mehr Häuschen als erwartet mit Asbest belastet sind. Alle müssen untersucht werden. «Wir rechnen damit, dass rund ein Drittel der Bauten Schadstoffe aufweisen und fachgerecht entsorgt werden müssen», sagt Gloor. Wie hoch der Betrag nun ist, geben weder der Vereinspräsident noch die Lions bekannt. «Der ZSC wird einen substantiellen Teil übernehmen», sagt Gloor.

Ab Anfang November wird eine Firma das Areal von Altlasten befreien und die Häuschen zurückbauen. Der Boden muss abhumusiert werden. «Mitte November erwarten wir die Baubewilligung mit Auflagen», sagt Bruno Vollmer, Mediensprecher der ZSC Lions. Im März rechnet er mit der Baufreigabe und dem Beginn der Arbeiten. Im Sommer 2022 ist die Eröffnung des Stadions «Theatre of Dreams» geplant.

Viele hören auf

Für die 65-jährige Frau sind diese Pläne dagegen ein Albtraum. Viel Zeit und Herzblut habe sie in ihren Garten gesteckt, sagt sie. Es sei bitter, nun alles hinter sich zu lassen. Manche Gärtner ziehen weiter, die Mehrheit aber gibt das Hobby auf. 35 der 120 Betroffenen haben gemäss Gloor einen alternativen Standort gesucht. Für über 90 Prozent sei eine Lösung gefunden worden. Vier kämen zudem im neuen Schrebergarten Dunkelhölzli unter.

Mit ihrem Sohn macht sich die Pächterin an die letzten Aufräumarbeiten. Auf die Frage, wieso sie nicht in einem anderen Garten neu anfangen wolle, lässt sie den Kopf hängen. «Und dann wieder rausgeworfen werden? Nein, das will ich mir nicht nochmal antun.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 25.10.2018, 17:00 Uhr

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