Winterthur

«Ich dachte, jetzt muss ich sterben»

Sarah Fluck, Journalismus-Studentin in Winterthur, hat ein Ziel. Sie will Kriegsreporterin werden. Ihrem Traum ein Stück näher kommt sie durch einen Förderpreis, der ihr erlaubt, eine Reportage im Kongo umzusetzen.

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Es war keine Liebe auf den ersten Blick, als Sarah Fluck die Demokratische Republik Kongo das erste Mal betrat. Sechs Stunden verbrachte sie am Zoll und kam so mit der weit verbreiteten Korruption des Landes in Berührung. In den Kongo gebracht hatte sie im April letzten Jahres ein Praktikum im Rahmen ihres Journalismus-Studiums an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Zwei Monate lang arbeitete die 29-Jährige bei einer Nichtregierungs-Organisation in Bukavu im Osten Kongos an der Grenze zu Ruanda. Dort betreute sie unter anderem junge Kongolesinnen, die eine Journalismus-Ausbildung absolvieren. Die Gegend um Bukavu gilt als Kriegsgebiet – um die 40 Rebellengruppen sind in der Region aktiv. Im nächsten Jahr stehen in Kongo zudem Neuwahlen an, was bereits Anfang diesen Jahres zu Unruhen im ganzen Land geführt hat.

Lebenstraum Kriegsreporterin

Nach acht Wochen vor Ort hatte sich Fluck an den Kongo gewöhnt. Sie blieb nach dem Praktikum zwei weitere Monate im Land, um erste Erfahrungen als Fotografin und Journalisten in einem Krisengebiet zu sammeln. Denn Sarah Flucks Ziel steht fest: Sie will Kriegsreporterin werden. «Um den Menschen, die durch den Krieg und das Leiden stumm geworden sind, eine Stimme zu geben». Die Nachrichtenrelevanz sei in Krisengebieten am grössten und doch berichte in der Schweiz fast niemand über Zentralafrika.

Als sich ein Teil einer Rebellengruppe im Osten Kongos bereit erklärte, die Waffen niederzulegen und sich der Regierung zu ergeben, konnte Fluck mit einer NGO vor Ort in das Dorf Kigogo reisen. Dort fand die Übergabezeremonie mit viel Pomp und internationalen Gästen statt. Anwesend war auch eine Journalistin der «New York Times». Fluck packte ihre Chance und verkaufte ihre Bilder der renommierten Zeitung.

Doch Kigogo hielt noch mehr für Fluck bereit: Sie erfuhr von der speziellen Geschichte des Dorfes. Zivilisten und Rebellen leben hier friedlich zusammen. Die Rebellen gehören der Gruppe «Demokratische Kräfte für die Befreiung Ruandas» (FDLR) an. Ihr Ursprung geht auf den Genozid in Ruanda zurück. 1994 töten militante Hutu drei Viertel der Angehörigen der Tutsi-Minderheit.

Familien aus Rebellen und Zivilisten

Viele Täter flüchteten danach von Ruanda über die Grenze in den Kongo. Dort zogen sie plündernd durch die Gegend und brandschatzten die umliegenden Dörfer – auch Kigogo. Über die Jahre hinweg wurden einige der Rebellen aber sesshaft. In Kigogo hat sich mittlerweile eine funktionierende Dorfgemeinschaft und sogar gemischteFamilien gebildet. «Mit jedem Satz wurde die Geschichte berührender», sagt Fluck.

Sie beschloss, mit einer Fotoreportage mit dem Titel «Kigogo - Dorf der Versöhnung» das Leben zweier Familien des Dorfes zu dokumentieren, die sich aus Einheimischen und Rebellen zusammensetzen. An ihrem Beispiel will Fluck die Trauma der letzten Jahre und die anschliessende Versöhnung nachzeichnen.

Die Idee war da. Die Umsetzung stand aber noch in den Sternen. In Kongo haben Strom, Transport und die Anheuerung eines Übersetzers ihren Preis. Nur schon die Akkreditierung bei der Regierung als Journalistin kostet 1000 Franken. «Ausserdem muss ich mit der UNO, der Regierung Kongos und den Rebellen verhandeln, um mich überhaupt in Kigogo aufhalten zu können.», erklärt Fluck. Die letzten 30 Kilometer bis zum Dorf werden zur Zeit von den Rebellen kontrolliert. «Da ist man abhängig von deren Wohlwollen», so Fluck.

Auf dem Motorrad ins Spital

Ohne sich zu grosse Hoffnungen zu machen, meldete sie ihr Projekt bei Globetrotter World Photo an. Der Fotografie-Preis fördert seit 2012 jedes Jahr zwei angehende Fotografen. Und sie gewann: «Es ist ein Traum - einfach unglaublich. Für mich ist es eine grosse Chance, mich technisch und fotografisch weiterzubilden.» Die Umsetzung der eingeschickten Ideen wird mit je 10‘000 Franken und der Betreuung durch den Winterthurer Fotograf Manuel Bauer unterstützt.

Und so machte sich Fluck im Januar 2015 erneut auf in den Kongo – für erste Recherchen. Eines Morgens wachte sie jedoch mit Ausschlag und hohem Fieber auf – sie hatte sich mit dem Typhus-Fieber angesteckt. «Ich wusste, dass ich so schnell wie möglich ins Spital musste», sagt sie. Doch es regnete in Strömen. Weder mit dem UNO-Helikopter, der sie abholen sollte, noch mit dem Auto auf den schlammigen Strassen gab es ein Durchkommen.

«In dem Moment dachte ich, jetzt muss ich sterben», erzählt Fluck. Das zwei Tagesreisen entfernte Krankenhaus erreichte sie schliesslich mit dem Motorrad – und 42,7 Grad Fieber. Eine Woche lang wurde sie dort gepflegt. «Ich hatte um die 200 Besucher, denn alle Einheimischen wollten die weisse Frau, die ‹Mzungu›, mit dem seltsamen Ausschlag sehen.»

«Sie dachten, ich sei vom Geheimdienst»

Die schwierige Sicherheitslage und ihre Gesundheit sind jedoch nicht die einzigen Herausforderungen, die Fluck bei der Umsetzung ihrer Reportage meistern muss. Gerade das Fotografieren braucht in den Dörfern Kongos viel Geduld. Erst am dritten Tag gelangen Fluck in Kigogo die ersten natürlichen Bilder der Dorfbewohner.

«Zuerst musste ich das Vertrauen der Menschen zu mir und der Kamera gewinnen», sagt sie. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen: «Viele dachten anfangs, ich sei vom Geheimdienst.» Nach einer Weile konnte sie den Einheimischen aber klar machen, dass das Erzählen ihrer Geschichte auch ihnen zugutekommt.

Zur Nachbehandlung der Typhus-Erkrankheit flog Fluck schliessslich zurück in die Schweiz. Abschrecken lässt sie sich durch dieses Erlebnis aber nicht. «Sobald ich meine Bachelorarbeit geschrieben habe, geht es im Sommer zurück nach Kigogo». Vorher müsse sie aber definitiv ihre Apotheke erweitern, kommentiert sie trocken. (zsz.ch)

Erstellt: 16.04.2015, 16:54 Uhr

Das Dorf Kigogo im Osten Kongos

Die Demokratische Republik Kongo

Die Demokratische Republik Kongo ist das zweitgrösste Land Afrikas. Und eines der ärmsten Länder der Welt - trotz seines Rohstoffreichtums. In der Kivusee-Region, im Osten Kongos wird etwa das Erz Koltan abgebaut, aus dem das Metall Tantal gewonnen wird. Dieses wird unter anderem in der Mikrotechnologie eingesetzt und befindet sich in jedem Mobiltelefon oder Laptop.

Von 1885 bis 1960 war die Republik eine Kolonie Belgiens. Der damalige belgische König Leopold II. regierte eisern: Seine Herrschaft galt als eines der grausamsten Kolonieregimes. Nach der Unabhängigkeit kam 1965 nach vierjährigen innenpolitischen Konflikten der Dikator Mobutu Sese Seko an die Macht. 32 Jahre lang wurde das Land diktatorisch regiert, bis Seko 1997 vom Rebellenchef Laurent-Désiré Kabila gestürzt wurde. Darauf folgte ein weiterer Bürgerkrieg. Zahlreiche afrikanische Staaten waren involviert, er wurde daher auch als «Afrikanischer Weltkrieg» bekannt.

Obwohl 2002 ein Friedensabkommen unterzeichnet wurde, gehen die Kämpfe im Osten des Landes bis heute weiter, weil die dortigen lokalen Milizen nicht an den Friedensverhandlungen beteiligt waren. 2006 gab es erstmals seit mehr als 40 Jahren wieder freie Wahlen. Der nächste Wahlgang steht 2016 an - bereits jetzt gibt es Unruhen im ganzen Land.

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