Zürchsee

«Es gab bei uns nie Kollisionsgefahr»

20 Jahre lang stand Hans Dietrich an der Spitze der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft. Hans Isler war 19 Jahre lang Geschäftsführer der Zürichsee-Fähre AG. Zum Abschied erinnern sie sich an komische und schwere Momente rund um die Schifffahrt auf dem Zürichsee.

Sie schauen gerne zurück: Fähren-Chef Hans Isler (links) und ZSG-Direktor Hans Dietrich geben das Ruder aus der Hand, fast ohne schwierige Momente durchlebt zu haben.

Sie schauen gerne zurück: Fähren-Chef Hans Isler (links) und ZSG-Direktor Hans Dietrich geben das Ruder aus der Hand, fast ohne schwierige Momente durchlebt zu haben. Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hans Isler, Hans Dietrich, waren Fähre und ZSG eigentlich je auf Kollisionskurs?

Hans Isler: Ich erinnere mich tatsächlich an eine Episode. Wir waren in Horgen am See an einer Verwaltungsratssitzung. Es blitzte, donnerte und hagelte fürchterlich. Da sahen wir, wie sich eine Fähre und ein ZSG-Schiff ziemlich nahe kamen. Wir fürchteten, dass das Radar nicht funktioniert.

Hans Dietrich: Keine Sorge, das ist kein Problem. Da ist immer noch der Funk im Spiel. Kollisionsgefahr gab es bei uns aber auch nie ausserhalb des Wassers. Wir verstehen uns gut.

Kommen wir zu den Negativerlebnissen. Die Panta Rhei gab zu grossen Diskussionen und Kontroversen Anlass. Wie hätten Sie das gehandhabt, Herr Isler?

Isler: Ich kenne nicht alle Details, aber es hat nichts anderes gegeben, als eine Lösung zu finden, damit das Schiff weiterfahren kann, das Beste aus der Si­tua­tion zu machen. Das hat die ZSG gemacht. Die Auseinandersetzung war sicher aufreibend und kompliziert.

Dietrich: Für die Panta Rhei ist eine gute Lösung gefunden worden mit den seitlichen Auftriebskörpern.

Isler: Die Panta Rhei hat euch schon Imageprobleme beschert mit dem Namen und dem Aussehen. Immerhin ist sie das bekannteste Schiff der Schweiz.

Dietrich: Das ist so. Ich muss die Panta Rhei nirgendwo erklären, überall kennt man das Schiff. Egal ob im Puschlav oder am Genfersee. Was das Aussehen betrifft: Die Panta Rhei ist für die Menschen gebaut worden, die mit ihr fahren, nicht für diejenigen, die sie anschauen.

Die Fähre hatte zuletzt eine gerichtliche Auseinandersetzung zur Länge der Pausen der Mitarbeiter. Was hätten Sie gemacht, Herr Dietrich?

Dietrich: Ich hätte ähnlich gehandelt wie Hans Isler. Die vorgeschriebenen Pausenzeiten sind ein Problem, die alle Schifffahrtsbetriebe betreffen. Das ist die Problematik von Auflagen, die uns einen Haufen Geld kosten, ohne Mehrwert für die Passagiere zu bringen.

Isler: Seit 30 Jahren sind wir mit einem intensiven Taktfahrplan gefahren. Auch das Personal wollte das so. Jetzt müssen unsere Leute eine künstliche Pause auf dem Schiff einlegen.

Dietrich: Wir mussten vor zwei Jahren auf Anweisung des Bundesamts für Verkehr reagieren. Das Ganze ist absurd. Das Personal kommt später nach Hause wegen einer Zwangspause, die es gar nicht will.

Isler: Schifffahrtsgesellschaften, die lange Wegstrecken haben, können unterwegs die 20-minütigen Pausen einlegen, ZSG und Fähre nicht. So ist der Amtsschimmel.

Wie hat sich die Schifffahrt auf dem Zürichsee in den letzten Jahren geändert?

Isler: Bei uns ist der Takt dem Angebot angepasst worden. Als ich als Geschäftsführer anfing, ging es stürmisch voran mit dem Ausbau der Fähre mit zwei neuen Schiffen. Aus dem Viertelstundentakt wurden 10 Minuten Grundtakt, aus 7,5 Minuten in den Spitzenzeiten wurde ein 6-Minuten-Takt.

Dietrich: In den letzten 20 Jahren haben wir die Passagierzahlen wesentlich erhöht. Vor allem die neuen grösseren Schiffe für kleine Rundfahrten haben einen Riesenschub ausgelöst.

Gab es nie Probleme mit dem dichten Bootsverkehr auf dem Zürichsee?

Isler: Wenn alle Schiffe am Zürichsee gleichzeitig unterwegs wären, hätten wir Probleme. Zum Glück ist immer nur ein Bruchteil auf dem See. Heikel ist es Ende April bis Ende Mai bei schönem Biswetter. Dann sind plötzlich viele Segelboote draussen. Auch solche, die nicht sehr geübt sind.

Dietrich: Im unteren Seebecken im Bereich der Stadt Zürich laufen unsere Leute schon am Limit, vor allem wegen der vielen Pedalos. Darin sitzen nautische Laien. Die wissen schlicht nicht, wie träge ein grosses Schiff bremst und auf Steuermanöver reagiert.

Isler: Unsere Fähren brauchen gut eine Bootslänge, bis sie bei einem Bremsmanöver stillstehen. Das unterschätzen viele.

Mussten Sie denn Zwischenfälle beklagen?

Isler: Ein kleines Fischerboot kam vor ein paar Jahren einer Fähre vor Meilen in die Quere und ging unter. Zum Glück ging es für den Fischer glimpflich aus. Einmal geriet ein Auto unverschuldet zwischen Rampe und Fähre und versank im See. Der Fahrer konnte sich ans Ufer retten. Und ein anderes Mal verwechselte eine Dame Brems- und Gaspedal und fuhr über die Fähre hinaus, bevor diese startete. Sie konnte ebenfalls gerettet werden, ihr Hund schwamm selbstständig ans Ufer.

Dietrich: Kleinere Kollisionsschäden haben wir immer wieder gehabt, es war aber nichts Ernsthaftes dabei. Eine schlimme Ausnahme war der Unfall mit einer Schwimmerin im Hafen Enge. Sie hatte sich im Badeverbot befunden und geriet in die Schiffsschraube. Unsere Leute wurden freigesprochen. Der «Apfelschnitz-Gate» in einem Limmatboot war auch so eine Geschichte. Die Medien haben daraus aber mehr gemacht, als wirklich war.

Welche Anekdoten haben sich über die Jahre angesammelt?

Dietrich: Geschichten zum Schmunzeln gibt es genug, das gehört zum Schifferalltag. Früher hatten wir einen regelmässigen Fahrgast, eine Frau, die mit einem Kinderwagen aufs Schiff kam, in dem ein Zwerghase sass. Vor ein paar Jahren wunderte ich mich immer, wieso meine Leute schon zum Voraus wussten, wo ich einsteige. Funken konnte man das nicht und Handys gab es damals noch nicht. Ein Kapitän, der pensioniert worden ist, hat es mir später verraten: War die Jacke verkehrt im Führerhaus aufgehängt, bedeutete das, dass ich am Schiffsteg stehe. Das hiess wohl: Achtung, der Chef steigt ein!

Isler: Lustig war ein Autofahrer, der zu Fuss von der Fähre nach Hause ging und vergessen hatte, dass er mit dem Auto gekommen war. Unsere Leute dachten schon, dass jemand in den See gestürzt war. Der Autobesitzer hat es erst daheim gemerkt, weil er sonst immer zu Fuss die Fähre benutzt hatte.

Hans Dietrich, der ZVV zahlt Ihnen alles, aber haben Sie sich manchmal eine unternehmerische Selbstständigkeit wie jene der Fähre gewünscht?

Dietrich: Nein, es ist auch nicht so, dass ich mir alles erlauben konnte. Ich muss die ZSG genauso unternehmerisch führen. Und ge­gen­über dem ZVV muss ich Rechenschaft ablegen. Wenn der Kanton Sparaufträge erlassen hat, mussten wir das auch erfüllen.

Hans Isler, Geld spielt keine Rolle, weil der ZVV alles ausgleicht – hätten Sie solche paradiesische Zustände auch mal gerne gehabt?

Isler: Nein! Weil es uns wirtschaftlich immer gut ging, fällt mir diese Antwort leicht. Wir haben es als unabhängiges Unternehmen einfacher. Das hat auch Gründe. Wir haben einen Teilzeitgeschäftsführer plus eine Teilzeitmitarbeiterin für Administration und Buchhaltung. Der Rest des Personals ist auch im Fahrdienst eingeteilt. Unser Betrieb ist extrem schlank aufgebaut.

Mit Ihren Rücktritten haben Sie beide Zeit für Neues. Was bringt die Zukunft?

Dietrich: Ich habe meine Zukunft bewusst auf diesen Zeitpunkt geplant. Auf mich kommen neue Herausforderungen zu. Ich bin Präsident des Versicherungsverbands Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen. Seit einem Jahr bin ich Gemeinderat in Embrach, seit März Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Zürich-Flughafen. Ausserdem betreue ich die beiden Enkelkinder mit.

Isler: Ich habe in meinem Leben immer zu viele Nägel eingeschlagen. Jetzt ändert sich das. Ich freue mich auf die Freiheit, die ich mit 70 Jahren geniessen kann. Ich bin noch Präsident der Heimatbuch-Vereinigung Meilen, zudem arbeite ich in der Stiftung für angewandte Gerontologie mit. Grössere Reisen sind nun möglich. Dann spannen auch mich noch zwei Grosskinder ein. Ich mache gerne viel Sport – zum Glück habe ich eine sportliche Partnerin.

Sie standen beide Schifffahrtsgesellschaften vor. Haben Sie eigentlich den Schiffsführerausweis? Könnten Sie mit Ihren Schiffen fahren?

Dietrich: Nein. Mein Vorgänger, Fritz Fleischmann, hat mir empfohlen, davon die Finger zu lassen. «Sonst bist du der Erste, den sie in einer Personalnot holen. Du hast andere Aufgaben.»

Isler: Ich durfte nur einmal mit einer Fähre am See kurz geradeaus fahren. Unter Aufsicht.

Haben Sie wenigstens einen normalen Bootsführerausweis?

Dietrich: Nein, aber meine Frau.

Isler: Nein, immerhin kann ich schwimmen, obwohl das keine Anstellungsbedingung war. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.05.2015, 09:07 Uhr

Zu den Personen

Hans Dietrich war 20 Jahre lang Direktor der ZSG. Seit 2014 sitzt er für die CVP im Gemeinderat Embrach. Er geht mit 60 frühzeitig in den Ruhestand. Bei den Industriellen Betrieben Kloten und bei der Gartenbaugenossenschaft Zürich ist er im Verwaltungsrat. Dietrich lebt in Embrach.

Die ZSG verfügte im Jahr 2014 über 17 Schiffe und transportierte dar­auf rund 1,7 Millionen Passagiere.

Hans Isler wird am 2. Juni 70. Er ist seit 1996 Geschäftsführer der Zürichsee-Fähre. Von 2002 bis 2010 war er Gemeindepräsident (SVP) in Meilen. Er lebt in Meilen.

Die Zürichsee-Fähre AG verfügte 2014 über fünf Fähren. Sie transportierte 1,3 Mio. Autos und 2 Mio. Passagiere.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben