Zürich

Ein Café für Menschen in Not

Die Zürcher Stadtmission kümmert sich um gestrandete, obdachlose und verwirrte Menschen. Das Angebot Passantenhilfe ist so gefragt wie nie.

Die Zürcher Stadtmission betreibt das Café Yucca seit 46 Jahren. Seit zehn Jahren bietet sie dort die Passantenhilfe an.

Die Zürcher Stadtmission betreibt das Café Yucca seit 46 Jahren. Seit zehn Jahren bietet sie dort die Passantenhilfe an. Bild: Florian Bachmann

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Jolanda fühlt sich von den Behörden verfolgt. Die Hilfe ihrer Wohngemeinde lehnt sie ab, genauso finanzielle Unterstützung aus der IV und Sozialhilfe. Ihr Bankkonto hat sie gekündigt. Nun sucht sie im Café Yucca Rat und ein Dach über dem Kopf.

Pablo kommt aus Osteuropa. Er lebt seit drei Jahren in Zürich und übernachtet auf der Strasse, auch im Winter. “In den Notunterkünften hat es mir zu viele Leute und es stinkt”, sagt er. Im Café Yucca ist er ein regelmässiger Gast. Hier kann er sich aufwärmen und für 5 Franken eine Mahlzeit essen.

Jana ist 25 und schwanger. Sie und ihr Mann sind Roma aus Rumänien. Sie halten sich illegal in der Schweiz auf, schlafen in einem Zelt. Das Café Yucca berät sie, organisiert und finanziert ihnen die Rückreise in die Heimat.

Es sind drei wahre Schicksale, die zeigen, wer das Angebot der Passantenhilfe im Café Yucca nutzt. Betrieben wird es vom Verein Zürcher Stadtmission, getragen wird die Hilfe von den reformierten und katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich.

Imagefilm der Stadtmission. Video: PD via Facebook

Das mitten im Zürcher Niederdorf gelegene Lokal ist seit 1973 geöffnet. Seit zehn Jahren und nach der Einführung der Personenfreizügigkeit bietet dort die Stadtmission die Passantenhilfe an. Sie ist für Menschen, die sich in Notlagen befinden und nicht in einer Zürcher Kirchengemeinde beheimatet sind: Menschen, die auf der Durchreise sind, verwirrt, sozial isoliertoder einfach etwas Warmes zu essen brauchen und vorübergehend ein Dach über dem Kopf.

«Kennen unsere Pappenheimer»

«Unser Markenzeichen ist die Niederschwelligkeit», sagt Beatrice Bänninger, Geschäftsführerin der Stadtmission. Im Yucca müssen die Gäste weder den Namen nennen noch konsumieren. Drei Viertel der Besucher sind sozusagen Stammgäste. «Manche kommen vorbei, sitzen schweigend an den Tisch und öffnen sich erst nach Wochen oder sogar Monaten.»

Erst wer das Beratungsangebot nutzt, muss seinen Ausweis vorlegen und wird erfasst. Dazu gehören administrative Unterstützungen wie beispielsweise das Ausfüllen von Formularen oder Schreiben von Bewerbungen. In Ausnahmefällen werden Gäste auch zu einem Arzttermin oder einer amtlichen Stelle begleitet. In Notsituationen erhalten sie sogar kleinere Darlehen. «Die Rückzahlquote ist hoch», sagt Beatrice Bänninger. «Wir haben mittlerweile ein gutes Gespür und kennen unsere Pappenheimer.»

Wenns «räblet»

Die Beratungen finden im angrenzenden Büro statt, im Obergeschoss ist eine Wohnung mit sieben Betten eingerichtet. Wer vorübergehend Unterschlupf braucht, kann hier bis drei Monate überbrücken. Und wenn die Temperaturen länger unter Null sind, bleibt das Café auch mal über Nacht geöffnet.

Neun Mitarbeitende – 6,4 Vollzeitstellen plus jeweils ein Zivildienstleistender und eine Praktikantin – nehmen sich im Café Yucca den Gästen an: montags bis samstags von 10.30 bis 22.30 Uhr und sonntags von 15.30 bis 22.30 Uhr. Sie arbeiten dabei eng mit städtischen Angeboten wie der «sip züri» (Sicherheit, Intervention, Prävention), der Abteilung «Wohnen und Obdach» oder den Sozialen Diensten zusammen – der mit privaten Institutionen wie den Sozialwerken Pfarrer Sieber und der Heilsarmee.

Ab und zu sei auch die Polizei im Haus, sagt Beatrice Bänninger. Es könne schon mal «räble» unter den Gästen. «Aber das passiert nicht oft.»

«Sind am Limit»

Was das Yucca-Team mehr beschäftigt, ist die stark steigende Nachfrage. «Wir sind am Limit», sagt Beatrice Bänninger. Die Zahl der Besuche ist von 2015 bis 2018 von 14000 auf 17000 gewachsen. Dieses Jahr nahm das Bedürfnis gemäss Yucca-Teamleiter Kurt Rentsch weiter zu: «Vor einem Jahr hatten wir noch 150 Passanten-Beratungen pro Monat, nun sind es 200.» Trotz des grossen Andrangs will die Stadtmission an ihrem Konzept festhalten. Beatrice Bänninger sagt: «Wir wollen niederschwellig bleiben und das Angebot so weit wie möglich ausbauen.»

Helfen könnte ein Vorstoss des Zürcher Stadtrats. Die Stadt unterstützt das Yucca seit 1980 mit einem jährlichen Beitrag von 49500 Franken. Die Stadtregierung will ihn nun von 2020 bis 2023 auf 164500 Franken pro Jahr erhöhen. Er schätzt das Angebot auch deshalb, weil es «den städtischen Sozialraum entlastet, da Alkohol- und Drogenproblematiken und Obdachlosigkeit im öffentlichen Raum weniger präsent sind», wie es in der Weisung zuhanden des Gemeinderats heisst. Das Parlament wird demnächst über die Vorlage entscheiden.

Erstellt: 08.11.2019, 17:51 Uhr

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