Fifa-Museum

«Die Talsohle ist erreicht, wir wachsen wieder»

Mehr Besucher, weniger Defizit, keine Entlassungen und viele Ideen: Ein Jahr nach seinem Antritt als Direktor des Fifa-Museums in Zürich hat Marco Fazzone erstmals Bilanz gezogen.

Marco Fazzone will mit dem Fussballmuseum vermehrt auch im Ausland präsent sein. Foto: PD

Marco Fazzone will mit dem Fussballmuseum vermehrt auch im Ausland präsent sein. Foto: PD

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Eines hat Marco Fazzone seinen Vorgängern bereits voraus. Keiner von ihnen hat sich so lange auf dem Chefsessel gehalten wie er. Stefan Jost musste schon acht Monate nach der Eröffnung gehen, im Oktober 2016. Sein Nachfolger Marc Caprez verliess den Posten 11 Monate später Richtung Sport- und Schuldepartement der Stadt Zürich. Und Interimsleiterin Christina Collenberg konnte die Verantwortung vier Monate später an Fazzone übergeben.

Der Betriebswirtschafter, der zuvor für die Marketingfirma MCH Group Kunstmessen organisiert hatte, trat vor einem Jahr ein schweres Erbe an. Schon im ersten Jahr nach der Eröffnung fuhr das Museum ein 25-Millionen-Defizit ein und wurde den Erwartungen des Mutterhauses nie gerecht.

In den ersten zehn Monaten kamen 105000 Besucher. 250000 pro Jahr sollten es laut Businessplan bis 2018 sein. Der Gastrobereich wurde in der Folge massiv heruntergefahren, es kam zu Entlassungen, 50 Vollzeitstellen wurden abgebaut. Die monatlichen Besucherzahlen gingen 2017 von 10400 auf 9900 zurück. Und 2018?

Blick in die Kasse verwehrt 

Nach einer schwierigen Anfangsphase sei es ihm gelungen, das Haus zu stabilisieren, sagte Fazzone gestern an einem Mediengesprächs. Er habe alle Bereiche analysiert und teilweise reorganisiert – ohne Personal zu entlassen. Der Bestand wuchs im letzten Jahr von 56 auf 63 Vollzeitstellen. Es gehe aufwärts, sagt Fazzone. «Die Talsohle ist erreicht, wir wachsen wieder.»

Das Ziel von 10 Prozent mehr Eintritten wurde übertroffen. Die Besucherzahl stieg gegenüber dem Vorjahr um 19 Prozent auf 141000. Für die Hälfte sorgten Touristen aus 140 verschiedenen Ländern. Fazzones Ziel ist es, die Besucherzahl jedes Jahr um 10 Prozent zu steigern.

Auch das Betriebsergebnis sei verbessert worden. Wie hoch das Defizit aktuell ist, sagt Fazzone allerdings nicht. «Wir werden unsere Finanzzahlen nicht mehr selber kommunizieren – auch aus Rücksicht auf die Mitarbeitenden.» Das Resultat könne man im März dem Finanzbericht der Fifa entnehmen. Angestrebt werde, die Betriebskosten in fünf bis zehn Jahren mit Einnahmen aus dem eigenen operativen Geschäft zu decken.

Schliessung tabu

Eines könne er versichern: «Das Museum wird nicht geschlossen.» Diese Diskussion sei beendet. In all den Gesprächen mit dem stellvertretenden Fifa-Generalsekretär Zvonimir Boban sei die Schliessung nie ein Thema gewesen. Die Fifa unterstütze das Museum weiterhin. Wie genau, sagt Fazzone nicht.

Er zeigt sich erleichtert, dass mittlerweile die zum Gebäude gehörenden 34 Wohnungen und 3000 Quadratmeter Büroflächen vermietet sind. Zu hadern scheint Fazzone einzig mit der Architektur des Museums. Sie lasse wenig Spielraum für grössere Veranstaltungen, sagt er. Der Platz für Sonderausstellungen ist mit 200 Quadratmetern eher klein. Als ehemaliger Ausstellungsmacher bevorzuge er grosse und rechteckige Räume, die man flexibler bespielen könne.

Die unschöne Seite der Fifa

Ohne konkret zu werden, kündigt Fazzone an, im Bereich der Dauerausstellung Anpassungen vorzunehmen. Inhaltlich sollen dereinst auch die umstrittenen und negativen Seiten der Fifa im Museum thematisiert werden. «Wir müssen diesen Teil der Geschichte integrieren. Aber das braucht Zeit und muss fundiert recherchiert und aufgearbeitet werden, sodass ein Dialog darüber entstehen kann.»

Im Vordergrund stehen derzeit andere Schwerpunkte. Zum Beispiel das Kulturprogramm, ein von den Mitarbeitenden initiiertes Projekt, das mit Filmen, Lesungen, Game-Festivals, Gesprächen mit Trainern, Spielern und Experten das Thema Fussball von vielen Seiten beleuchten soll. Auch will das Museum das Thema E-Sports aufnehmen und mit dem Bildungskonzept «Lernen am Phänomen Fussball» mehr Schulen, Vereine, Kinder und Jugendliche ansprechen. Schulklassen haben seit Anfang Jahr freien Zutritt.

Schwerpunkt Frauenfussball

Viel verspricht sich Fazzone von internationalen Auftritten. Während der WM 2018 in Russland konnte sein Team bereits Erfahrungen sammeln. An der Sonderausstellung «The History Makers» in Moskau wurden 94000 Besucher gezählt. «Wir möchten langfristig internationaler werden, mehr mit anderen Museen zusammenarbeiten und fussballkulturell die ganze Welt umarmen», sagt Fazzone.

Einerseits will das Museum mehr von der Fussballkultur der 211 Fifa-Mitgliederverbände nach Zürich holen, andererseits die Bekanntheit im Ausland steigern. Wenn im kommenden Sommer in Frankreich die Frauenfussball-Weltmeisterschaft beginnt, wird das Fifa-Museum vor Ort präsent sein. Gleichzeitig wird es in Zürich mit einer Ausstellung über Frauenfussball einen Schwerpunkt setzen. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 01.02.2019, 17:54 Uhr

Will auch die negativen Kapitel der Fifa-Geschichte museal aufarbeiten: Museumsdirektor Marco Fazzone. (Bild: PD)

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