Stadelhofen

Der Schutzengel vom Brezelstand

Ein banger Moment diese Woche im Bahnhof Stadelhofen. Ein Kinderwagen rollt in den Gleisbereich. Senat Iseni vom Brezelkönig-Stand hilft sofort – nicht zum ersten Mal.

An seinem Arbeitsplatz am Perron des Bahnhofs Stadelhofen  wird Senat Iseni immer wieder Zeuge von menschlichen Dramen.

An seinem Arbeitsplatz am Perron des Bahnhofs Stadelhofen wird Senat Iseni immer wieder Zeuge von menschlichen Dramen. Bild: Tobias Hänni / AZ-Archiv

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Held, Lebensretter, Schutzengel – Bezeichnungen, die Senat Iseni niemals für sich in Anspruch nehmen würde. «Wenn man helfen kann, hilft man einfach.» So schlicht urteilt er über seinen Einsatz vom letzten Mittwoch kurz vor Mittag.

Der 31-Jährige arbeitet wie jeden Tag am Brezelkönig-Stand am Bahnhof Zürich-Stadelhofen in Sichtweite des Perrons. Plötzlich hört er durchdringende Schreie. «Da war jemand in Todesangst.» Er läuft hin, um zu helfen. Im Gleisbereich: Ein kopfüber gestürzter Kinderwagen samt vier Monate altem Baby, dessen Mutter und ein ehemaliger Billettkontrolleur, der bereits zu Hilfe geeilt und beherzt hinunter gesprungen ist. «Es war klar, dass alle drei so schnell wie möglich wieder auf den Perron gelangen mussten, denn in einer Minute sollte der nächste Zug einfahren», so Iseni.

Der junge Mann, dessen Familie ursprünglich aus Mazedonien stammt, lebt seit 20 Jahren in Dietikon. Er half bei der Bergung und kümmerte sich danach um die völlig aufgelöste Mutter, die auch noch unter Schock stand, als klar war, dass ihr Kind wohlauf ist. Nur um Haaresbreite war es gelungen, alle sicher wieder auf den Perron zu holen, bevor der Zug einrauschte.

Abschüssiges Perron

Kein Verständnis hat der Retter, wenn manche Leute mit der Mutter des Babys nun hart ins Gericht gehen. Diese registrierte nicht, dass der Perron leicht abschüssig in Richtung Gleise angelegt ist. Sie nahm zu spät wahr, wie ihr Baby ungebremst in die Gefahr rollte. «Deswegen zu behaupten, sie sei keine gute Mutter, ist sehr unfair. So etwas ist so schnell passiert», meint Iseni.

Seit zehn Jahren vor Ort

Der Vater von zwei Kindern im Alter von zehn und zwei Jahren war nicht zum ersten Mal Zeuge eines menschlichen Dramas an den Gleisen. Seit zehn Jahren arbeitet er beim Brezelkönig in Stadelhofen, seit fünf Jahren als Franchisenehmer. Im Dezember 2014 hatte er unter Gefährdung seines eigenen Lebens in letzter Sekunde einen Betrunkenen von den Gleisen gezerrt. Zu der Zeit war Isenis Frau hochschwanger. Daran zu denken, sei aber keine Zeit gewesen, sagte er damals. «Sonst wäre es zu spät gewesen.» Für diesen Einsatz wurde er später von der Zeitschrift «Beobachter» für ihren alljährlichen Prix Courage nominiert.

«Ich bin kein Held»

Eigentlich zu spät kam er erst vor einigen Monaten bei einer älteren Frau, die ihrem Leben ein Ende setzen wollte. Doch obwohl sie unter den Zug geriet, stürzte sie so glücklich, dass sie bis auf Schürfwunden unverletzt blieb. «Eigentlich wollte ich gar nicht hinschauen. Aber schliesslich sah ich, dass sie eine Hand bewegte.» Beherzt und auf Schreckliches vorbereitet, griff er zu und zog die Frau unter dem Zug hervor. Er half ihr auf den Perron, führte sie zu einer Sitzbank und kümmerte sich dann um den Zugführer. Auf Isenis «Alles ok, sie lebt» war dessen Erleichterung gross. Diese Geschichte erzählt er nur zögerlich und nach mehrmaligem Nachfragen. Man merkt seine Empathie für die Frau.

Iseni betont, dass bei der jüngsten Rettung auch andere Helfer beteiligt waren, denen sogar mehr Aufmerksamkeit gebühre. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er: «Es ist mir sehr wichtig, zu betonen, dass ich kein Held war. Ich habe nur geholfen, den Kinderwagen entgegenzunehmen.» Es habe mehrere Personen gegeben, welche eingegriffen hätten und sofort auf die Gleise gesprungen seien. «Dieses Mal haben sehr viele richtig reagiert und Zivilcourage gezeigt.»

Aber auch der Zufall habe sich bei dem glücklichen Ausgang des Baby-Dramas als Helfer erwiesen, so Iseni. Am Perron standen neben dem ehemaligen SBB-Angestellten auch eine Ärztin und eine Psychologin, die sich nach der Rettung um Kind und Mutter kümmerten. Senat Iseni freut sich: «Es hat einfach alles gepasst.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 06.10.2017, 17:13 Uhr

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