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137 Gemeinden im Norden, Osten und Westen fordern Südstarts geradeaus

Behördenorganisationen im Norden, Osten und Westen des Flughafens Zürich haben heute in Bülach einen Vorschlag für den künftigen Flugbetrieb vorgestellt. Dem Flughafen ist er zu einseitig.

Um dem Flughafen die fehlende Kapazität in der überlasteten Mittagsspitze zu ermöglichen, schlägt die Nord-Ost-West-Allianz vor, von 10 bis 14 Uhr geradeaus in den Süden zu starten.
Um dem Flughafen die fehlende Kapazität in der überlasteten Mittagsspitze zu ermöglichen, schlägt die Nord-Ost-West-Allianz vor, von 10 bis 14 Uhr geradeaus in den Süden zu starten.
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137 Gemeinden im Osten, Westen und Norden des Flughafens haben unter Federführung der IG-Nord, der Region Ost und der IG West ein gemeinsames Positionspapier zum künftigen Betrieb des Flughafens erarbeitet und dieses heute in Bülach den Medien vorgestellt. Die Allianz von Behördernvertretern fordert hauptsächlich, dass das heute bestehende Flugkonzept weiterhin umgesetzt wird. Dazu gibt es mit dem zeitlich begrenzten Südstart geradeaus und verlegten Abdrehpunkten im Norden zwei Neuerungen.

Mehr Kapazität mit Südstarts geradeaus am Mittag

Um dem Flughafen die fehlende Kapazität in der überlasteten Mittagsspitze zu ermöglichen, schlägt die Nord-Ost-West-Allianz vor, von 10 bis 14 Uhr geradeaus in den Süden zu starten. Derzeit drehen die Flugzeuge über Opfikon nach Wallisellen ab und fliegen eine lange Linkskurve. Diese soll wegfallen, womit die Flugzeuge schneller steigen könnten. Im Süden würden dadurch insbesondere Schwamendingen im Bereich der Überlandstrasse sowie Gockhausen mehr belastet. Aber auch mehrere Gemeinden im unteren Bereich des Zürichsees wären von den Südstarts geradeaus betroffen. Deshalb ist der Widerstand gegen diese Variante im Süden gross. Entlastet würden dafür die in der Linkskurve belärmten Gemeinden wie Dietlikon, Wallisellen, Kloten oder Bassersdorf. Dabei geht es täglich um 20 bis 25 Flüge, denn vor allem die Langstreckenmaschinen starten mittags in den Süden. Wegen der Linkskurve nach dem Start dürfen dann gleichzeitig keine Flugzeuge von Norden her landen, wegen möglichen Durchstartern. Gehen die Interkontinentalflüge geradeaus weg, ist gleichzeitiges Landen möglich und der Flughafen hat in der Mittagsspitze etwas mehr Luft.

Vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bewilligt ist der Südstart geradeaus bisher nur bei schlechtem Wetter, etwa Nebel. Der Flughafen hat ihn allerdings noch nicht in sein Betriebskonzept aufgenommen und auch im Betriebsreglement 2014 fehlt er.

Süddeutschland abends entlasten

Ein zweiter Vorschlag zielt auf die Abdrehpunkte bei den abendlichen Nordstarts. Diese sollen, auch ermöglicht durch die neuen Flugzeugtypen Boeing 777 der Swiss, etwas vorverlegt werden und damit Süddeutschland entlasten. Die anwesenden Bürgermeister und Landkreis-Vertreter aus der Grenzregion zeigten sich für Gespräche in diese Richtung bereit.

Die anwesenden Behördenvertreter unterstrichen immer wieder, was ihr Positionspapier darstellen soll: Ein Konsens. Hanspeter Lienhart, Bülacher Stadtrat (SP) und Präsident der IG Nord, erklärte den Auslöser für das Papier. Der mangelnde Einbezug der Bevölkerung habe seit 2002 zu unbefriedigenden Lösungen geführt. Was Bundesrat und Flughafen hinter verschlossenen Türen verhandelte, sei beim Volk stets durchgefallen. SP-Nationalrat und Schutzverbandspräsident Thomas Hardegger sprach sogar von einem Verhandlungs-Fiasko. Deshalb bringen die Gemeindevertreter nun einen Vorschlag von der Basis an den Kanton, Bund und Flughafen. Mit dem im Koma liegenden Staatsvertrag und dem für die Gemeinden unbrauchbaren Betriebsreglement 2014, gegen das hunderte Einsprachen eingingen, wie Lienhart sagte, sei nun die Zeit reif für eine neue Lösung. Geht es nach der Nord-Ost-West-Allianz, soll ihr Vorschlag im September der neue Verhandlungsansatz werden, wenn Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel in Bern zu Besuch ist, erklärte Nationalrat Hardegger. Nach den Sommerferien werde man auch Gespräche mit dem Kanton, dem Bazl und dem Flughafen einfordern.

Ziel: Den Status Quo erhalten

Für die Allianz von 137 Gemeinden steht fest, dass sich die Bevölkerung an das aktuelle Betriebskonzept gewöhnt hat: Frühmorgens Landungen aus dem Süden, tagsüber das Nordkonzept mit Landungen von Norden und Starts in den Westen und Süden sowie abends das Ostkonzept mit Landungen aus dem Süden und Starts in den Norden. Damit können die Gemeinden im Norden, Osten und Westen des Flughafens leben. Sie anerkennen zudem den Flughafen als wichtige Kraft für den Grossraum Zürich, wie Max Walter (SVP), Gemeindepräsident von Regensdorf und Präsident der IG West erklärte.

Für Barbara Günthard-Maier (FDP), Stadträtin von Winterthur und Präsidentin Region Ost, zeichnet sich aber ab, dass der Flughafen den Status Quo verändern will. Seit über einem Jahr wird am Wochenende getestet, wie morgens mehr Starts in den Norden möglich wären. Und das Betriebskonzept 2014 verändert vor allem den Ostanflug. Dadurch wurden die Behörden hellhörig. Sie befürchten, dass der Flughafen damit eine Kanalisierung in den Norden anstrebt, mit mehr Belastung für den Osten durch mehr Anflüge und den Norden durch mehr Starts. Eine solche "Ertüchtigung" des Ostkonzept wurde vom ehemaligen Flughafen CEO Thomas Kern auch offen angestrebt. Das wollen die 137 Gemeinden nun mit dem Zusammenschluss und den Südstarts geradeaus zur Kapazitätssteigerung in der Mittagsspitze nun verhindern. Dazu müssen aber alle etwas beitragen, meinte Günthard-Maier.

Alle, das wäre auch der Süden. Vertreter dieser Himmelsrichtung haben gefehlt und unterstützen den Vorschlag nicht. Auch nicht Dietlikon und Wallisellen, welche durch die wegfallenden Kurvenflüge zur Mittagszeit hauptsächlich entlastet würden. Von den 137 unterzeichneten Gemeinden hätten nur Kloten, Bassersdorf und Nürensdorf eine spürbare Entlastung. Für den Rest wäre es gleich, entlastet würde auch Deutschland. Damit sollten alle leben können, findet die Allianz.

Keine politisch gewollte Privilegierungen

IG-Nord Mitglied Franz Bieger (FDP), Gemeindepräsident von Bachenbülach, hat seit zwei Jahren am Positionspapier gearbeitet und hat dabei auch das nun fehlende Glied einbinden wollen: Den Süden. Es gelang ihm nicht, "weil die Südschneiser keinen einzigen Kompromis eingehen wollten", erklärte Bieger. Für ihn ist aber klar: Es braucht im Rahmen des operationell machbaren eine faire Gesamtlösung, ohne politisch gewollte Privilegierung einzelner Regionen. Der Süden, im Fluglärmforum Süd organisiert, empfindet sich selber aber nicht als privilegiert. Dort kämpft man weiter für die Aufhebung der morgendlichen Südanflüge. Nun also auch noch Südstarts zur Mittagszeit? Der ehemalige Pilot Bieger betont, dass die Flugzeuge schneller und leiser steigen können, wenn sie geradeaus fliegen und nicht kurz nach dem Start in eine steile Kurve müssen. Im Süden könne man zudem mit automatisch um 6 Uhr schliessenden Fenstern den Fluglärm gut aussperren, während der Norden abends in der Erholung vom Arbeitstag gestört werde, "gerade jetzt, bei diesem schönen Wetter." Bieger ist der Meinung, dass alle vom Flughafen profitieren und deshalb alle auch die Lasten tragen müssten.

Wichtige Aspekte ausgeblendet

Der Flughafen müsste vom Plan der Nord-Ost-West-Allianz eigentlich begeistert sein, wird so doch der Südstart geradeaus eingebracht, ohne dass sich der Flughafen im Süden unbeliebt machen muss. Doch die Betreibergesellschaft zeigt sich gegenüber der präsentierten Lösung skeptisch: Zwar entspreche sie weitgehend dem heutigen Betriebsregime, jedoch berücksichtige sie einseitig die Interessen bestimmter Himmelsrichtungen und blende flugbetriebliche Aspekte sowie die Bevölkerungsdichte aus, schreibt der Flughafen in einer Mitteilung. Bevor er die Stellungnahme des Flughafens kannte, hatte Franz Bieger an der Medienkonferenz dazu eigentlich schon Stellung genommen: Sicherheitsbedenken lässt er nämlich nicht gelten, schliesslich fliege man jetzt schon einige Jahre mit dem aktuellen Konzept sicher. Und zur Bevölkerung äusserte sich Bieger ebenfalls schon: Nicht nur die Anzahl Bewohner sei entscheidend, sondern auch die Anzahl Flüge. Multipliziere man die Anzahl Bewohner im Norden, Osten und Westen mit der Anzahl pro Tag zu ertragenden Flugbewegungen, könne sich der Süden tatsächlich in einer privilegierten Lage sehen, rechnete der FDP-Mann vor. Das gelte auch noch, wenn die Südstarts geradeaus in der nicht sensiblen Mittagszeit dazu kämen.

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