Unfallursachen

0,5-Promille-Grenze gilt auch für Velofahrer – aber kaum jemand hält sich daran

In Winterthur registriert die Polizei jeden dritten Tag einen Velounfall. Tendenz steigend. Immer wieder ist auch Alkohol mit im Spiel. Besonders jetzt, in der warmen Jahreszeit, schwingen sich nicht wenige angetrunken aufs Velo.

Die Dunkelziffer bei Velounfällen unter Alkoholeinfluss sei sehr hoch, meinen Fachleute.

Die Dunkelziffer bei Velounfällen unter Alkoholeinfluss sei sehr hoch, meinen Fachleute. Bild: Marc Dahinden

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«Die Winterthurer Stadtpolizei hat am Montagabend einen stark betrunkenen Velofahrer kontrolliert. Der Atemlufttest ergab einen Wert von 1,10 Milligramm pro Liter, was nach alter Messung einem Blutalkoholgehalt von 2,2 Promille entspricht», schrieb die Stadtpolizei Winterthur kürzlich in einer Medienmitteilung.

Auf den alkoholisierten Fahrer aufmerksam wurde die Polizei, weil sie von einem Passanten darüber informiert wurde, dass ein Velofahrer auf der Schlosstalstrasse immer wieder zu Boden stürze.

Ein Einzelfall? Wahrscheinlich. Aber nur was die Höhe des Blutalkoholgehaltes angeht. Denn Umfragen zeigen: Rund achtzig Prozent der Velofahrer in der Schweiz waren bis heute mindestens schon einmal leicht oder auch stärker betrunken auf den öffentlichen Strassen unterwegs.

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«Gefährde nur mich selber»

Auch in der Velostadt Winterthur zeigt man diesbezüglich wenig Hemmungen. Obschon die 0,5-Promille-Grenze auch für die Velofahrer gilt, interessiert das hier kaum jemanden. «Ich fahre regelmässig alkoholisiert mit dem Velo nach Hause», sagt ein Winterthurer in einer nicht repräsentativen Umfrage des «Landboten» ungeniert.

Von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Denn: «Das ist doch immer noch tausend Mal besser, als wenn ich mit dem Auto fahren würde», rechtfertigt er sich. Mit einem Personenwagen gefährde er aufgrund der Masse und der Geschwindigkeit viele andere Menschen auf und neben der Strasse, mit dem Velo hingegen kaum jemanden, ist er überzeugt.

«Das ist doch immer noch tausend Mal besser, als wenn ich mit dem Auto fahren würde»Eine weit verbreitete Meinung unter Velofahrern

Ein anderer Mann aus der Region sieht dies sehr ähnlich: «Wenn ich angeheitert nach Hause fahre, dann gefährde ich ja in erster Linie mich selber.» Die Konsequenzen eines allfälligen Unfalls müsse er nur alleine tragen. Dass durch die Folgen eines Selbstunfalls auch die Allgemeinheit oder der Arbeitgeber direkt oder indirekt mitbetroffen sein könnte (beispielsweise in Bezug auf einen allfälligen Ausfall am Arbeitsplatz oder hinsichtlich der steigenden Gesundheitskosten), will er so nicht gelten lassen.

Der Mann gibt zu, wie viele andere befragte Männer auch, dass er vor allem aus Bequemlichkeit alkoholisiert nach Hause fahre. Sein Fazit: «Das Auto kommt nicht in Frage, das Taxi ist mir zu teuer und zu Fuss das Velo nach Hause stossen, ist für mich schlicht zu weit.»

«Ein zunehmendes Problem»

In der Umfrage bekennen sich auch einige Frauen dazu, schon angetrunken mit dem Velo durch Winterthur gefahren zu sein. Insgesamt geben sie sich aber etwas selbstkritischer als die befragten Männer. Nicht wenige fahren mit einem schlechten Gewissen.

«Eigentlich weiss ich ja um die Gefahren, aber in diesen Momenten leiden wir wohl alle unter Selbstüberschätzung», sagt eine jüngere Frau, stellvertretend für viele. Und: «Wir glauben halt wohl alle, dass wir es dennoch irgendwie im Griff haben werden.»

Zumindest die schweizweit erhobenen Daten sprechen da allerdings eine andere Sprache. Die Zahl derjenigen, die ihr Velo in angetrunkenem Zustand nicht mehr im Griff haben und Unfälle bauen, steigt. Im vergangenen Jahr haben sich total 275 alkoholisierte Velofahrer bei Unfällen teils schwere Verletzungen zugezogen. Das sind über 60 Prozent mehr also noch vor zehn Jahren.

Je nach Promillegehalt nicht ungefährlich: Velofahren unter Alkoholeinfluss.

Offenbar stellt dies aber nur die Spitze des Eisberges dar. Denn nach Ansicht der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) wird nur ein kleiner Bruchteil der tatsächlich stattgefundenen Velounfälle unter Alkoholeinfluss jemals registriert und in den Unfallstatistiken aufgeführt.

Marc Bächler, Sprecher der BfU, ist überzeugt, dass die «alkoholisierten Radfahrer ein zunehmendes Problem darstellen». Sie gefährdeten sich zwar in erster Linie selbst, «es kommen aber auch immer wieder andere zu Schaden». Laut Statistik wurden in den vergangenen Jahren bei Unfällen durch alkoholisierte Velofahrer schweizweit jährlich bis zu zwanzig unbeteiligte Personen verletzt oder gar getötet.

2013: Jeder Dritte alkoholisiert

Auch die Stadtpolizei Winterthur zieht bei Verkehrskontrollen – wie eingangs geschildert – immer mal wieder alkoholisierte Velofahrer aus dem Verkehr. Jedoch meist bevor sie sich selber oder andern einen Schaden zufügen können. Trotzdem registrierte die Polizei 2016 bei immerhin 15 leicht verletzten Velofahrern – von total 130 Fahrradunfällen – Alkohol im Blut.

Allerdings sind das immer noch verhältnismässig wenig Fälle im Vergleich zum Bilderbuchsommer 2013. Damals war nach Angaben der Stadtpolizei bei jedem dritten Velounfall Alkohol im Spiel. In Winterthur lässt sich also – im Unterschied zum gesamtschweizerischen Trend – nicht generell sagen, dass die Zahl der alkoholisierten Velofahrer, die in Unfälle verwickelt sind, kontinuierlich steigt. Vielmehr scheint die Zahl der alkoholisierten Velofahrer im direkten Zusammenhang mit der Qualität des jeweiligen Sommers zu stehen.

Regelmässig Velokontrollen

Während die Stadtpolizei Basel die Zahl der Kontrollen bei den Velofahrern in den letzten zwei Jahren stark erhöht hat (siehe Kasten), sieht die Polizei in Winterthur derzeit keinen Handlungsbedarf. «Die Stadtpolizei führt regelmässig Velokontrollen durch», sagt Stephan Matt, Sprecher der Stadtpolizei Winterthur. «Dabei liegt der Fokus aber nicht zwingend auf alkoholisierten Velofahrenden.»

In diesem Zusammenhang weist die Stadtpolizei auch darauf hin, dass die Zahl der Velounfälle mit E-Bike-Fahrern – entgegen der herrschenden öffentlichen Meinung – stabil geblieben ist.

(Der Landbote)

Erstellt: 14.06.2017, 15:16 Uhr

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«Ein Unfall mit Drittschaden kann rasch teuer werden»

Da Alkohol generell eine enthemmende Wirkung habe, führe dies auch bei Velofahrern immer wieder dazu, dass sie «real bestehende Gefahren» unterschätzten, sagt Daniel Beckmann, Chef der Verwaltungspolizei.


Daniel Beckmann ist Polizist in Winterthur.

Ist es eine Schnapsidee, wenn ich nach drei Weizenbier noch mit dem Velo nach Hause fahren will?
Daniel Beckmann: Ganz generell stellt sich die Frage, ob es eine ­gute Idee ist, sich mit Alkohol im Blut am Strassenverkehr zu beteiligen. Die Haltung des Gesetzgebers dazu ist jedoch klar: Ab gewissen Werten ist auch das Fahrradfahren mit Busse strafbar.

Nicht wenige Velofahrer in Winterthur steigen dennoch ganz bewusst alkoholisiert auf ihren Drahtesel und haben oft nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Können Sie das nachvollziehen?
Ich persönlich habe den Eindruck, dass mitunter gerne ausgeblendet wird, welche Auswirkungen der Konsum von Alkohol auf die Fahrfähigkeit hat, dies gerade bei nicht mehr bloss geringen Blutalkoholwerten. Bekanntermassen hat Alkohol eine gewisse euphorisierende und enthemmende Wirkung, die leider dazu führt, dass auch Velofahrer real bestehende Gefahren unterschätzen.

Ist das Unrechtsbewusstsein bei den Velofahrern auch deshalb kaum vorhanden, weil es kaum Polizeikontrollen gibt?
Die durchgeführten Kontrollen und die dabei ausgefällten Bussen zeigen sicher ihre Wirkung. Aber auch aufgrund der in diesem Bereich geleisteten Präventionsarbeit dürfte meiner Einschätzung nach den allermeisten Velofahrenden bewusst sein, dass sie unrecht handeln, wenn sie mit zu viel Alkohol im Blut unterwegs sind.

Manche Velofahrer sagen, dass sie ja höchstens sich selber ­gefährden, wenn sie betrunken Velo fahren und einen Unfall bauen. Wie sehen Sie das?
Gerade im Winterthurer Strassenverkehr ist man auch als Velofahrer selten alleine unterwegs, sodass unweigerlich auch Dritte gefährdet sein können. Jeder ­Jurist wird Ihnen bestätigen, dass es bei einem solchen Unfall mit Drittschaden rasch teuer werden kann.

Wie oft wurden bei Velounfällen mit alkoholisierten Fahrern 2016 Drittpersonen verletzt?
Laut unserer Statistik wurden zumindest 2016 keine Dritten verletzt. In der Regel waren es meist Selbstunfälle. In mindestens zwei Fällen gab es aber einen Drittschaden an anderen Autos. Der höchste Wert, den wir bei einem Velo­fahrer im letzten Jahr gemessen haben, lag bei 1,9 Promille.

Kantonspolizei Basel: «Gefährdungspotenzial für Dritte nicht unterschätzen»

Die Zahl der Velounfälle unter Alkohol­einfluss ging in der Stadt Basel vor drei Jahren mit 14 gegenüber 15 im Jahr zuvor nur geringfügig zurück. Die Basler Verkehrspolizei nahm diese stagnierende Tendenz zum Anlass, um die Velofahrer ab 2015 systematischer auf Alkohol zu kontrollieren. Man habe es in den letzten Jahren mit relativ viel Anstrengung geschafft, die Zahl der Autofahrer, die alkoholisiert fahren, massiv zu reduzieren, hiess es damals vonseiten der Polizei.

Das gleiche Ergebnis wolle man nun mit vermehrten Kontrollen auch bei den Velofahrern erzielen. Denn nach Ansicht der Basler Polizisten werde insbesondere das Gefährdungspotenzial für Dritte immer noch unterschätzt. Sie verwiesen damals auf zwei besonders gravierende Vorfälle im Jahr 2013. Bei den beiden Velounfällen wurde je ein Fussgänger so schwer ­verletzt, dass beide danach ­verstarben. Doch was ­haben die vermehrten Kontrollen von Velofahrern in Basel bisher gebracht? Klar ist, dass 2016 ein signifikanter Rückgang der durch Alkoholkonsum verursachten Velounfälle zu verzeichnen war.

«Eine sichere Bilanz ist aber nur im langjährigen Vergleich möglich», sagt Toprak Yerguz, Sprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartements des Kantons ­Basel-Stadt. «Die Kantonspolizei Basel-Stadt ist aber überzeugt, dass die repressive Arbeit einen präventiven Effekt auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden hat.»

Tschüss Führerausweis

Laut dem Bundesamt für Strassen (Astra) gilt für Velofahrer die gleiche Promillegrenze wie für Autofahrer. Wer mehr als 0,5 Promille im Blut aufweist, muss in der Regel mit einer Busse von mehreren Hundert Franken rechnen. Zudem droht ein mehrmonatiges Velofahrverbot. Ab 1,6 Promille auf dem Velo kann eine Untersuchung an­geordnet und der Autoführerausweis entzogen werden. Dies deshalb, weil ein Suchtverhalten vorliegen könnte.

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