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TribüneTurmfalken oder von der Freiheit

Eine Kolumne von Berthold W. Haerter, Pfarrer in Oberrieden.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

In der Oberriedner Kirche hat sich im Frühjahr ein Turmfalkenpaar niedergelassen. Man kann sie wunderbar beobachten. Ich beneide die Turmfalken um ihre Freiheit. Sie schweben auf das Turmfenster zu. Oder sie sitzen auf der Stange vor dem Nistkasten, schauen überlegen über den See und lassen ihr unverkennbares «Ti Ti Ti» ertönen. Als wir an Pfingsten aus der Kirche kamen, segelte ein Turmfalke erhaben über uns hinweg. Jemand meinte: «Wir haben uns doch mit Gottes Geist beschäftigt, der wie eine Taube über Jesus kam. Bei uns bringt der Turmfalke Gottes Geist in die wiedereröffnete Kirche.»

Ich habe weiter über Gottes Geist und die Freiheit der Turmfalken nachgedacht. Paulus schreibt im 2. Brief an die Korinther: «Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.» Wenn also Gottes Geist in mir ist, bin ich als Christ frei, das heisst unabhängig von der Meinung anderer. Ich kann und soll selbst für mich Entscheidungen fällen. Wenn ich Gottes Geist in mir Raum gebe, entwickle ich eine innere Souveränität, die mich fragen lässt: Muss ich etwas machen, weil es alle so machen, oder vertrete ich bewusst eine andere Meinung, mit allen Konsequenzen?

Dazu ein persönliches Erlebnis: Mit 18 Jahren wurde man auch in der DDR fürs Militär gemustert. Wollte man keinen Ärger, absolvierte man seinen eineinhalbjährigen Militärdienst. War man an einer Karriere interessiert, meldete man sich «freiwillig» für drei Jahre. Fast alle machten das so. Aber die DDR war der einzige Ostblockstaat, in dem man auch «Bausoldat», das heisst Soldat ohne Waffe werden konnte. Dazu gab es eine Gewissensprüfung und danach in der Regel einen Haufen Ärger, was die Ablehnung zum Studium mit einschloss. Ich fragte mich damals, was Jesus an meiner Stelle machen würde. So meldete ich mich als Bausoldat. Mir war das Gebot «Du sollst nicht töten» wichtig. Alle hatten mir davon abgeraten, aber ich fühlte mich als Christ innerlich frei und wollte die Konsequenzen auf mich nehmen. Erstmals hatte ich begriffen, wie Gottes Geist einem innere und äussere Freiheit schenkt. Ich wünsche Ihnen, wenn Sie unsere Turmfalken oder andere Vögel bewundern, das Bewusstsein: Gott gab auch mir seinen Geist und damit Freiheit.

Berthold W. Haerter, Pfarrer, Oberrieden.
Berthold W. Haerter, Pfarrer, Oberrieden.
Foto: PD