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Show zu Bidens AmtseinführungTom Hanks in Thermoweste

Es war dunkel, leer und eisig kalt , aber der Schauspieler musste trotzdem eine Show für Joe Biden moderieren. Wie beschwört man ein Wir-Gefühl, wenn ausser Nationalgardisten und Katy Perry keiner in die Stadt darf?

«Celebrating America»: Hollywoodstar Tom Hanks moderiert die Show zu Joe Bidens Amtseinführung in staatstragender Kulisse.
«Celebrating America»: Hollywoodstar Tom Hanks moderiert die Show zu Joe Bidens Amtseinführung in staatstragender Kulisse.
Foto: Keystone

Gerade war es losgegangen, Bruce Springsteen sang, allein mit seiner Gitarre, vom «Land of Hope and Dreams» und von der Zuversicht, dass die Gläubigen schon irgendwie belohnt werden. Er trug Wintermantel, aber dass er tatsächlich auf den Stufen des Lincoln Memorial stand, war dann doch ein Schock. Mit ihm im Vordergrund wirkte das Monument mit seinem Riesensäulen gleich so protzig und übergross, wie es nun mal ist, geradezu menschenfeindlich, dazu windumtost, ja: eiskalt.

Das Frösteln verschärfte sich, als dann nicht weit von ihm Tom Hanks ins Bild kam, der keinen Wintermantel trug, sondern den schwarzen Anzug des Showmasters. So viel Glamour muss sein, hatte man sich offenbar gedacht, Wintermäntel für alle, das geht nicht. Stattdessen schien Hanks eine Art Thermoweste unters Hemd geschmuggelt zu haben, dünn zwar, aber nicht dünn genug, um unbemerkt zu bleiben. Und so war klar: Diese Fröstelarchitektur im menschleeren nächtlichen Washington war wirklich der Ort der Wahl für «Celebrating America», die Amtseinführungs-Show, um die Herzen der Amerikaner wieder aufzuwärmen nach vier Jahren Trump.

Katy Perry singt zum großen Finale ihren Hit «Firework». Nur sah es ein wenig trist aus ohne Zuschauer.
Katy Perry singt zum großen Finale ihren Hit «Firework». Nur sah es ein wenig trist aus ohne Zuschauer.
Foto: Inaugural Committee via Getty Images


Tom Hanks sprach staatstragende Worte von der noch perfekteren Einheit, die es anzustreben gelte, von der Gültigkeit und Stärke der Ideale, gerade auch in Not und Streit und Pandemie, und vom ewigen Streben des Amerikaners, eine bessere Version seiner selbst zu werden.

Das war das Thema der Gala, die Joe Biden bei seinem Amtseinführungskomitee in Auftrag gegeben und allen Networks und Plattformen zum Senden und Streamen angeboten hatte. Es war auch das Thema aller folgenden Reden bis hin zu Vizepräsidentin und Präsident. Genaugenommen war es auch das Thema der meisten Songs, die dann live oder nicht ganz so live gespielt wurden, oft zugeschaltet von anderen Orten, von Jon Bon Jovi über Justin Timberlake und Demi Lovato bis zu den Foo Fighters.

Die Show steckte voller guter Absichten und Botschaften. Ein bisschen langweilig war sie aber leider auch

Die Botschaft war möglicherweise nötig, um dem geplagten Land wieder Hoffnung zu geben. Sie war möglicherweise heilsam für die tiefen Wunden, die Trumps Präsidentschaft geschlagen hatte. Es war möglicherweise wichtig zu zeigen, dass Kunst und Kultur und der allseits gute Wille wieder an Bord sind in der amerikanischen Politik. Es war aber auch lähmend in seiner Einförmigkeit und Erwartbarkeit. Nach allem, was in den letzten vier Jahren so über alte weisse Männer gesagt wurde, soll dieser besonders alte weisse Mann nun also alle vereinen, über Hautfarben und Identitäten hinweg, soll das Ziel aller Hoffnung und Zuversicht sein? Na gut.

Die Stars wurden zum Singen nicht alle nach Washington gefahren, sondern teilweise einfach zugeschaltet wie Demi Lovato.
Die Stars wurden zum Singen nicht alle nach Washington gefahren, sondern teilweise einfach zugeschaltet wie Demi Lovato.
Foto: Inaugural Committee/Keystone

Und wie immer, wenn die Gefühle allzu sehr massiert werden und das Hirn unterbeschäftigt bleibt, beginnen die Gedanken zu wandern. So staunte man jedes Mal neu, wenn zurück zum Lincoln Memorial geschaltet wurde, über die Leere und die Dunkelheit. Gerade mal zwei Handlampen schienen verfügbar, um den neuen Präsidenten bei seinem Grusswort anzustrahlen, bei John Legend und seinem Piano war es eher eine Taschenlampe, bei Tom Hanks gelgentlich ein Kreis von LED-Leuchten. Dahinter: Nacht. Als hätte der scheidende Amtsinhaber in seiner Bosheit der ganzen Stadt auch noch den Saft abgedreht und nur Notstrom-Aggregate zurückgelassen.

Am Ende jedes Songs und jeder Rede fehlten dann schmerzlich: Menschen. Zuhörer, Applaus, irgendeine Art von Reaktion, die tatsächlich von der vielbeschworenen Einheit hätte erzählen können. Schon klar, die Pandemie erlaubte nichts anderes, jede grössere Ansammlung von Personen im Bild sendet schon das falsche Signal. Die Leere als Signal war aber auch blöd. Sie erzeugte das Bild einer Hauptstadt, in die man aus Angst vor verschwörungsgläubigen Krawallmachern gleich gar niemand mehr hereingelassen hatte, in der sich nur noch Nationalgardisten und Prominente mit Sondererlaubnis frei bewegen durften. Kontert man so den Verdacht, ein abgehobener Ort der Elite zu sein? Die Mehrheit der amerikanischen Wähler, die ja doch irgendwie nötig waren für den allseits beschworenen Triumph der Demokratie – selten schien sie so ungreifbar und abstrakt wie an diesem Abend.

Biden kam heil im Weissen Haus an und lächelte aus dem warmen Salon dem zitternden Tom Hanks zu

Wer jetzt kein Weisses Haus hat, baut sich keines mehr – das war nach fast anderthalb Stunden Kälte und Leere so ungefähr die Stimmung. All die optimitischen Einspieler, in denen normale Menschen gefeiert wurden, voller Nächtstenliebe und Widerstandskraft, vom Paketfahrer über die Kindergärtnerin bis zur Krankenschwester, konnten wenig dagegen ausrichten. So war es dann eine grosse Erleichterung, dass Joe Biden es im Laufe der Show vom Lincoln Memorial offenbar bis ins Weisse Haus geschafft hatte, wo er live wieder zugeschaltet wurde – im warmen Salon, im trauten Familienkreis.

Wenigstens einer, der heute nacht nicht mehr zittern muss, dachte man da, während zum Finale eine weissvermummte Katy Perry ihre Hymne «Firework» anstimmte und hinter ihr tatsächlich ein ziemlich grosses Feuerwerk über Washington losging. Auch das wieder ein zwiespältiges Bild. Nicht wenige der 74 Millionen Amerikaner, die trotz allem Trump gewählt haben, hätten Washington an diesem Abend ja wirklich gern brennen sehen. Nur halt richtig.

War diese Gala nicht im Grunde an sie gerichtet? Haben die ganzen Beschwörungen von Einheit und Gemeinsamkeit diese Menschen irgendwie erreicht? Sind sie überhaupt noch erreichbar? Man weiss es nicht, man wird es sehen. Die goldene Wärme und familiäre Gemütlichkeit im Weissen Haus, womöglich auch noch mit knisterndem Kaminfeuer (nicht im Bild) – die aber gönnte man Joe Biden am Ende von Herzen. Auf den Mann kommt jetzt richtig viel Arbeit zu.

2 Kommentare
    Barbara Dahortsang

    Seit anfangs November habe ich intensiv verfolgt, was in den USA lief, auch den Marsch der Trumpisten ins Capitol live mitbekomen. Gut war das Impeachment. Nancy Pelosi hat sehr grosses Glück gehabt und hätte am 6. Januar ermordet werden können, soviel ist wohl erwiesen. Die Gala hab ich mir dann nicht mehr reingezogen. Ich musste ja nicht davon schreiben. Bruce Springsteen in Ehren, ich hab es eher mit Robert Zimmermann. Ob er jetzt wohl auch vor dem TV sitzt, mit nem Bier, hab ich in vergangenen Wochen öfters gedacht... USA und Welt sind noch nicht sicher vor Trump und vor Trumpismus. Es gibt zuviele, die diesen krankhaften Unsinn glauben. Die Show darf nicht einfach weitergehen. Tom Hanks' Garderobe war mir nicht wichtig. Er hat das freiwillig gemacht. War doch gut. Klar, war es kalt und zugig abends im Januar am Lincoln Memorial. Es gibt Orte, wo es immer zieht, sogar wenn es nicht windig ist. Vermutlich ist es einer davon.