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Videoplattform in der KritikTiktok gerät ins Räderwerk der grossen Politik

Die chinesische Videoplattform Tiktok verlässt Hongkong, um den Behörden keine Daten geben zu müssen. Doch die politische Unabhängigkeitserklärung ist mit Vorsicht zu geniessen.

Vor allem bei Teenagern in aller Welt beliebt: Die chinesische Videoplattform Tiktok.
Vor allem bei Teenagern in aller Welt beliebt: Die chinesische Videoplattform Tiktok.
Foto: Reuters

Das Internet gibt es zweimal: in China und im Rest der Welt. Chinesen googeln nicht, sie suchen mit Baidu. Mit ihren Freunden tauschen sie sich bei Wechat und nicht bei Facebook aus. Statt bei Amazon kaufen sie bei Alibaba ein. In China gibt es kein Instagram, kein Youtube, kein Twitter, selbst eine eigene Wikipedia hat sich etabliert, Baike heisst der politisch streng redigierte Dienst. Bislang war die Rollenaufteilung klar: China schottet sich ab – bis die App Tiktok auf den Markt kam.

Das Prinzip ist simpel: Man zeichnet mit dem Smartphone ein Video auf und lädt es hoch. Sobald man Tiktok startet, beginnt im Hintergrund künstliche Intelligenz zu werkeln, schon nach wenigen Videos hat die App die Interessen ausgewertet und blendet zielsicher nur noch für den Nutzer relevante Clips ein.

Von einem Video zum nächsten hangeln

Jugendliche verbringen so Stunden auf Tiktok, hangeln sich von einem Video zum nächsten. Tiktok ist der erste globale Erfolg einer chinesischen App, mehr als 75 Milliarden Dollar ist die chinesische Entwicklungsfirma Bytedance bereits wert, doch nun ist der Dienst ins Räderwerk der grossen Politik geraten. In Indien ist die App auf dem Index gelandet. Die Vereinigten Staaten drohen mit einem Verbot von Tiktok. Und in Hongkong haben sich die Macher nun selbst abgeschaltet.

Aus Angst vor dem neuen Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit in Hongkong, teilte Tiktok am Dienstag mit, werde man sich vom Hongkonger Markt zurückziehen. Regierungschefin Carrie Lam hatte zuvor eine «rigorose» Umsetzung des «Sicherheitsgesetzes» in der Sonderverwaltungszone angekündigt.

Man werde Zensurgesuchen oder Bitten der Hongkonger Behörden zu Nutzerdaten nicht Folge leisten, erklärte Tiktok. Ähnlich äusserten sich Facebook, Google oder Twitter. Auch Dienste wie Telegram, Zoom und Linkedin teilten mit, Anfragen von Hongkonger Behörden nach Daten von Nutzern vorerst nicht zu beantworten.

Hinter Tiktok steht ein Unternehmen mit zwei Gesichtern.

Was bei Tiktok wie eine politische Unabhängigkeitserklärung klingt, ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Denn hinter Tiktok steht ein Unternehmen mit zwei Gesichtern. In China heisst die Anwendung Douyin, beide Apps sind weitestgehend identisch. Douyin aber unterwirft sich chinesischen Gesetzen und ist weiterhin in Hongkong erhältlich.

Warum dann dieser halbherzige Rückzug? Die Furcht ist offenbar gross vor dem, was man das Huawei-Dilemma nennen könnte. Der chinesische Netzwerkausrüster beteuert seit Monaten, in keinem Fall Kundendaten an den chinesischen Staat weiterzugeben. Die Gesetzeslage in der Volksrepublik ist aber eindeutig: Sehen Behörden die nationale Sicherheit bedroht, erlaubt ihnen das chinesische Nachrichtendienstgesetz, Firmen und Einzelpersonen zur Kooperation zu zwingen und Geheimhaltung anzuordnen.

Tiktok könnte Huaweis Schicksal teilen

Die USA haben Huawei daher auf eine schwarze Liste gesetzt und vom Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes ausgeschlossen. «Sich aus Hongkong zurückzuziehen, erlaubt es Tiktok, politische Probleme zu vermeiden», sagt John Lee vom Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin. «Sie könnten durch Anfragen nach Nutzerdaten durch Hongkonger Behörden sowohl in China als auch den USA entstehen, die ein wesentlich wichtigerer Markt für Tiktok sind.»

In den USA könnte Tiktok nun Huaweis Schicksal ereilen. US-Aussenminister Mike Pompeo droht mit einem Verbot von Social-Media-Apps aus China. «Es ist etwas, das wir uns anschauen», sagte Pompeo dem Sender Fox News. Ob die Zuschauer denn Tiktok nutzen sollten, fragte die Moderatorin. Pompeo antwortete: «Nur wenn sie wollen, dass ihre privaten Daten in Händen der Kommunistischen Partei Chinas landen.»

Tiktok-Fan in Indien: Dort ist die Videoplattform wegen des Streits mit China bereits verboten.
Tiktok-Fan in Indien: Dort ist die Videoplattform wegen des Streits mit China bereits verboten.
Foto: Reuters

In Indien herrscht bereits Frust bei jungen Videomachern und ihren Millionen Fans, Tiktok funktioniert dort nicht mehr. Indiens Behörden haben Tiktok und 58 weitere Apps aus der Volksrepublik jüngst verboten, darunter auch Wechat, den Messenger, über den viele Chinesen ihr halbes Leben abwickeln. Die Sanktion erfolgte nach Grenzkämpfen im Himalaja zwischen Indien und China, bei denen zwanzig Soldaten starben.

Internetdienste wie Apps seien der dynamischste Sektor der chinesischen Wirtschaft und würden von der Regierung entsprechend unterstützt, sagt John Lee von Merics. Die Sättigung des chinesischen Marktes mache es immer wichtiger für Chinas App-Entwickler, auch im Ausland erfolgreich zu sein. Deshalb sei es für Tiktok so bitter, dass nach seinem grössten Auslandsmarkt Indien nun auch die USA mit Blockade drohten.

Silicon Valley geht auf Distanz zu China

Der Streit zwischen China und dem Rest der Welt beschleunigt die Entwicklung hin zu einem «Splinternet», vor dem Fachleute warnen: Staaten schotten sich aus politischen Gründen ab, das Netz fragmentiert sich. Die App-Stores von Apple und Google werden zu Konfliktfeldern im Ringen der Mächte.

Das Silicon Valley geht derweil auf Distanz zu China. Googles Geheimpläne, eine Such-App für China zu entwickeln, die vom Staat zensiert wird, flogen auf und wurden eingestellt. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg warnt inzwischen vor dem Machtstreben der Volksrepublik.

Vor einigen Jahren war er noch voll des Lobes für China: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg 2014 in Peking.
Vor einigen Jahren war er noch voll des Lobes für China: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg 2014 in Peking.
Foto: AP

Vor wenigen Jahren noch lobte er öffentlich Staats- und Parteichef Xi Jinping, empfahl dessen Buch und ging bei gesundheitsgefährdenden Luftwerten in Peking demonstrativ joggen. Seine neu entdeckte Kritik an China könnte Kalkül sein: Je dramatischer er die Gefahr chinesischer Technologiedominanz beschwört, desto geringer die Chance, dass US-Behörden Facebook regulieren oder gar zerschlagen.