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Eine andere Deutung des CS-SkandalsTidjane Thiam, ein Rassismusopfer?

In einem Bericht der «New York Times» erscheint der Abgang von Thiam als Chef der Credit Suisse als Folge einer fremdenfeindlichen Grundhaltung in der Bank und in der Schweiz generell. Das Problem lag aber anderswo.

Wirft der Schweiz Rassismus vor: Ex-CS-Chef Tidjane Thiam.
Wirft der Schweiz Rassismus vor: Ex-CS-Chef Tidjane Thiam.
Foto: Urs Jaudas

Die Ereignisse, die zum Rücktritt von Tidjane Thiam als Unternehmenschef der Credit Suisse geführt haben, markieren einen der grössten Wirtschaftsskandale der Schweiz in jüngster Zeit. Vorausgegangen war die Beschattung zweier hochrangiger CS-Mitarbeiter, darunter der damalige Chef der internationalen Vermögensverwaltung, Iqbal Khan. Den Auftrag dafür hatte Pierre-Olivier Bouée, ein Vertrauter von Thiam in der Chefetage der Bank, gegeben. Thiam selbst erklärte stets, davon nichts gewusst zu haben.

«Ob man es Rassismus nennt, Fremdenfeindlichkeit oder eine andere Form von Intoleranz: Es ist klar, dass Herr Thiam in der Schweiz immer als jemand betrachtet wurde, der nicht dazugehört.»

Kate Kelly, Journalistin der «New York Times»

Am vergangenen Wochenende hat nun die «New York Times» in einem umfassenden Artikel die Geschichte aus Sicht von Tidjane Thiam veröffentlicht. Allerdings äussert er sich im Artikel weder direkt noch indirekt selbst. Zu Wort kommen aber ungenannte Vertraute und seine jüngste Schwester Yamousso: Den Hauptvorwurf, der mit dem gesamten Text belegt werden soll, beschreibt die Autorin folgendermassen: «Ob man es Rassismus nennt, Fremdenfeindlichkeit oder eine andere Form von Intoleranz: Es ist klar, dass Herr Thiam in der Schweiz immer als jemand betrachtet wurde, der nicht dazugehört.»

Eine fragwürdige Geburtstagsparty

Als Beleg für diesen happigen Vorwurf an die Schweiz wird eine Reihe von Ereignissen angeführt. So habe CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner anlässlich seines 60. Geburtstags noch im vergangenen November ein Theaterstück aufführen lassen, in dem ein schwarzer Schauspieler einen Hausmeister gespielt habe, der zur Musik tanzend mit einem Besen gewischt habe. Später seien auch Bekannte von Rohner mit Afro-Perücken aufgetreten. Solche und andere Erlebnisse seien «schockierend» oder «verstörend» gewesen, schreibt die Autorin des Artikels.

Die meisten Ereignisse hätten mit dem «Spannungsverhältnis zu tun, wenn jemand in einer überwiegend von Weissen geprägten Branche und einer von Weissen geprägten Stadt eine schwarze Hautfarbe hat». Als weitere Belege für ihre These führt die Autorin an, dass die Söhne von Thiam mehr als weisse Fahrgäste in den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Fahrausweisen gefragt worden seien.

«Fruchtverkäufer» und «Dummkopf»

Zudem habe eine alte Frau an einer Generalversammlung der Credit Suisse gefragt, ob denn nun für die Bank Standards der Dritten Welt gelten würden, was als Anspielung auf Thiams Herkunft aus der Elfenbeinküste aufgefasst wurde. Weiter sei Thiam in den Kommentarspalten eines ungenannten Onlineblogs «Fruchtverkäufer» und «Dummkopf» genannt worden, der nach Hause fahren solle.

Während die Autorin die Ereignisse mit der Beschattung von Iqbal Khan aufführt und auch deutlich macht, dass mit Pierre-Olivier Bouée ein besonders enger Vertrauter von Thiam dafür die Verantwortung übernommen habe, sei es ungerechtfertigt, dass Thiam deshalb den Stuhl habe räumen müssen. Andere Bankchefs hätten schon nach Schlimmerem auf ihrem Posten verbleiben können. Thiams Abgang erscheint so als weiterer Beleg für die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz.

Rassismusthese überzeugt nicht

Dass der Umgang und die Tonlage in Kommentarspalten zuweilen unerträglich, dumm und auch rassistisch sein können, wenn sie zu wenig kuratiert werden, ist ein bekanntes Problem. Aber das belegt keinen generellen Rassismus in der Schweiz und auch keinen gegenüber Tidjane Thiam. Gerade die Bankbranche zeichnet sich durch eine ausgeprägte Internationalität aus, was auch an ihrem Geschäft liegt. Hier sind Beschäftigte aus allen Regionen tätig, und in der Regel wird Englisch gesprochen. Schon das passt schlecht zum Bild einer Branche, die sich von fremden Einflüssen abschotten will.

Selbst im Artikel der US-Zeitung wird überdies beschrieben, wie Leute auf der Strasse Tidjane Thiam mit Handschlag begrüssen oder mit ihm ein Selfie machen wollten. Auch das widerspricht dem Hauptvorwurf, wonach Thiam vor allem Feindschaft entgegengeschlagen habe.

Über die anderen Ereignisse, wie die Kontrolltätigkeit von Schweizer Beamten oder die Geburtstagsfeier von Rohner, ist zu wenig bekannt, um sich ohne Zusammenhang ein Urteil bilden zu können. Rohner wollte gegenüber der US-Zeitung offenbar nicht Stellung nehmen. So wenig wie die Credit Suisse.

Unter dem genannten Vorbehalt zeugt die beschriebene Inszenierung vor dem Hintergrund der bereits bestehenden Spannungen an der CS-Spitze im letzten November allerdings nicht gerade von viel Fingerspitzengefühl. Rohner Rassismus vorzuwerfen, überzeugt dennoch wenig. Es war immerhin er, der Thiam an die Spitze der Bank befördert hat.

Dass ein weisser Bankchef nicht die gleichen Konsequenzen nach einem Skandal hätte tragen müssen, ist ebenfalls falsch. Im September 2011 ist Oswald Grübel als Konzernchef der UBS wegen des Adoboli-Skandals zurückgetreten. Der Händler Kweko Adoboli hat damals durch unerlaubte Spekulationen der Bank einen Verlust von 2 Milliarden Dollar beschert. Grübel war in keiner Weise direkt in dieses Fehlverhalten involviert.

Von Beginn an ein Kulturproblem

Dass die Wahrnehmung von Tidjane Thiam eine andere war, ist allerdings gut möglich und sogar wahrscheinlich. An der Spitze der Credit Suisse war er der erste Schwarze in der Schweiz und der zweite Ausländer nach seinem Vorgänger Brady Dougan.

Die Schweizer und Tidjane Thiam haben sich nie wirklich gefunden. Ausdruck für einen generellen Rassismus ist das aber nicht.

Die Bank, die einst als Kreditanstalt im vorletzten Jahrhundert vom Eisenbahnpionier Alfred Escher gegründet wurde, war bis vor kurzem in einer Weise mit der jüngsten Geschichte und den politischen Institutionen des Landes verbunden wie wenige andere Unternehmen oder Banken. Dass sich Tidjane Thiam und schon vor ihm Brady Dougan an der Spitze dieser Bank immer etwas fremd fühlten – trotz der mittlerweile internationalen Ausrichtung der Bank –, ist sehr gut möglich, steht aber nicht für Rassismus.

Wenig Interesse an der Schweiz

Dieses Gefühl der Fremdheit dürfte sich noch durch Thiams Führungs-, Lebens- und Umgangsstil verstärkt haben, den der Abkömmling einer der mächtigsten Familien der Elfenbeinküste gewohnt war. Im Artikel ist etwa die Rede von einer unverständlichen Abneigung der Schweizer gegenüber demonstriertem Luxus, weshalb Thiam hier in die Kritik geriet. Schon kurz nach seinem Antritt als CS-Chef wurden zudem Berichte über einen bisher ungewohnten rüden Stil von ihm und seiner (teilweise eingeflogenen) Führungscrew gegenüber Untergebenen bekannt.

Und Thiam machte keinen Hehl daraus, dass ihn die Schweizer Öffentlichkeit sehr viel weniger interessierte als etwa jene in den grossen angelsächsischen Metropolen New York oder London. Der jüngste Bericht verdeutlicht damit nur noch mehr: Die Schweizer und Tidjane Thiam haben sich nie wirklich gefunden. Ausdruck für einen generellen Rassismus ist das aber nicht.

79 Kommentare
    max bernard

    Bei einer fremdenfeindlichen oder gar rassistischen Grundhaltung der CS wäre Thiam dort nie CEO geworden.