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Underdog jubeltAuf die Bayern kommen eisige Zeiten zu

Bayern München verliert gegen leidenschaftlich spielende Kieler erstmals seit 2000 in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Die Niederlage passt zu den Auftritten der vergangenen Wochen.

Niedergeschlagene Bayern-Spieler nach dem Pokal-Aus.
Niedergeschlagene Bayern-Spieler nach dem Pokal-Aus.
Foto: Christian Charisius (Keystone)

So ein Schneesturm macht alles nochmal dramatischer, sogar ein Elfmeterschiessen. Robert Lewandowski, Hauke Wahl, Thomas Müller, Janni Serra – sie alle mussten nach 120 Minuten nicht nur in der Drucksituation des Fussballs schlechthin bestehen, nein, während sie das taten, jagten ihnen der klirrende Nordwind auch noch die Flocken ins Gesicht. Der Sturm tobte so heftig, dass es dem Südkoreaner Jae-Sung Lee den Ball vom Punkt pustete und er ihn wieder zurückrollen musste.

Die Fussballregeln sehen übrigens vor, dass ein anderer Spieler den Ball festhalten darf, wenn es zu windig ist, ein Passus, der mal nach diversen Spielen auf den Färöer eingefügt wurde. Dazu kam es nicht, die Schützen blieben angesichts der Umstände, naja, eiskalt, es war ein Penaltyschiessen fürs Lehrbuch, die Versuche landeten alle präzise und hart im Tor. Nur der Spanier Marc Roca vergab schliesslich und eigentlich war sein Versuch auch nicht schlecht, ein bisschen zu halbhoch vielleicht.

Fin Bartels jubelt über seinen verwandelten Penalty, der die Entscheidung brachte.
Fin Bartels jubelt über seinen verwandelten Penalty, der die Entscheidung brachte.
Foto Stuart Franklin (Getty Images)

Aber dann kam ja noch der gebürtige Kieler Fin Bartels, 33 Jahre alt, graumeliertes Haar, der in seiner gesamten Fussballer-Karriere Norddeutschland niemals verlassen hat (Kiel, Rostock, St. Pauli, Bremen, Kiel). So einer besteht in der steifen Brise und man mag sich nicht vorstellen, was los gewesen wäre, wenn Zuschauer da gewesen wären, als Bartels den sechsten Kieler Penalty mit einer unverschämten Lässigkeit an Manuel Neuer vorbei zum 8:7 (2:2 nach Verlängerung) im Elfmeterschiessen ins Tor schob.

Pokalsensationen, gerade gegen die Bayern, schienen ja abgeschafft zu sein, zuletzt scheiterten Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic im Jahr 2000 in der zweiten Runde an Magdeburg, 2004 war Alemannia Aachen der letzte unterklassige Club, der die Münchner bezwang. «Ich habe gerade in der Kabine ziemlich viele verwirrte Menschen getroffen», sagte dazu passend Kiels Trainer Ole Werner am ARD-Mikrofon nach dem Spiel. «Es ist ein aussergewöhnliches Erlebnis und etwas, an das man sich in vielen Jahren noch erinnert.» Die Fans, die nicht im Stadion zugelassen waren, veranstalteten noch einen Autokorso, einige hielten Plüschstörche hoch, das Wappentier der Kieler.

Kieler Fans feiern den Erfolg ihres Teams.
Kieler Fans feiern den Erfolg ihres Teams.
Foto: Selim Sudheimer (Keystone)

Für die Bayern ist es das erste Aus in einem grossen Wettbewerb, seitdem Jürgen Klopps Liverpool sie aus der Champions League warf. Das war 2019. Seitdem haben die Münchner mit einer unheimlichen Gefrässigkeit alles gewonnen, aber gerade diese Niederlage gegen Kiel, es war aus Sicht der vergangenen Wochen eine Überraschung mit Ansage. «Im Moment ist das so ein Lauf, den wir haben», sagte Trainer Hansi Flick in der Pressekonferenz nach dem Spiel, von Kälte und Niederlage gezeichnet, und meinte damit vor allem, wie seine Mannschaft überhaupt in dieses Elfmeterschiessen gerutscht war.

Der Start war ja aus Bayern-Sicht noch ganz glücklich, Serge Gnabry traf zum 1:0 aus glasklarer Abseitsposition – aber in der zweiten DFB-Pokalrunde gibt es keinen Videoschiedsrichter. Dann kam das 1:1 durch Bartels. «Das ist ein Muster, das wir bei vielen Gegentoren öfter gesehen haben», fand Flick und in der Tat haben die Bayern so einen Treffer in den vergangenen Wochen in gefühlt jedem Spiel kassiert. Die Abwehrkette steht hoch, der Gegner spielt schnell einen tiefen Ball, der gegnerische Stürmer sprintet, Tor. Auch diesmal.

Flicks Änderungen greifen nicht

«Wir müssen da die Zentrale absichern», sagte Flick. Er bot diesmal Niklas Süle und Lucas Hernandez in der Innenverteidigung auf, David Alaba wurde geschont, zudem spielte Bouna Sarr für Benjamin Pavard und dass die Münchner in Sondertrikots für den guten Zweck antraten, die aber optisch den Leiberl der eher erfolgloseren Saisons Anfang der 90er nachempfunden waren, war vielleicht auch kein gutes Omen.

Auch die zweite Halbzeit startete optimal für die Münchner, Leroy Sané zirkelte einen Freistoss unhaltbar in den Winkel. Aber nach diesem Tor liessen sich die Münchner vom Gegner das Spiel aus der Hand nehmen. Rund um den überragenden Innenverteidiger Hauke Wahl, dessen sehr norddeutscher Name nur noch durch seinen vollen Namen übertroffen wird – Hauke Finn Wahl –, machte es Kiel in einer Mischung aus Einsatzwille und taktischer Cleverness zu einem Spiel auf Augenhöhe.

Bayern hatte keine echte Torgelegenheit mehr, auch die Einwechslung von Robert Lewandowski brachte nichts und so war es zwar glücklich, dass Wahl in der Nachspielzeit mit einer Kopfballbogenlampe Neuer zum 2:2 überwand, aber nicht einen Hauch unverdient. So ratlos wie nach diesem Tor hat man Neuer übrigens selten auf dem Rasen stehen sehen.

Bayern-Goalie Manuel Neuer versteht die Welt nicht mehr.
Bayern-Goalie Manuel Neuer versteht die Welt nicht mehr.
Foto: Keystone

«Auch wenn es sich blöd anhört nach einer Pokalniederlage gegen einen Underdog aus Kiel – das Spielglück war nicht auf unserer Seite», meinte Thomas Müller nach dem Spiel. Mit Glück kann man einige Situationen erklären, aber nicht, dass der FC Bayern in 30 Minuten Verlängerung zwar drückte und auch spielerisch gegen bis zum Krampf kämpfende Kieler überlegen war – aber trotzdem nicht die Riesenchance zur Entscheidung erspielte.

«Es ist nicht gerade die beste Phase des FC Bayern», gab Müller zu. In der Verlängerung musste Bartels, der spätere Schütze des Tages, übrigens irgendwann die Spielseite wechseln – er kam den Sprints von Alphonso Davies nicht mehr hinterher, wie er dem ARD-Experten Bastian Schweinsteiger lachend bestätigte und daraufhin ankündigte «nun ein, zwei Bierchen» zu trinken.

Schweinsteiger brachte auch die Probleme der Münchner recht präzise auf den Punkt. Er könne nicht verstehen, warum die Abwehr immer so hoch positioniert sein müsse, die Gegner hätten das System «entschlüsselt», sagte er schon vor dem Spiel. Flick musste sich auch nach dem Spiel dafür rechtfertigen. Es sei die Spielidee, den Gegner unter Druck zu setzen («das haben wir heute auch nicht so fertiggebracht»), bei den erwähnten Situationen müsse man «die Tiefe absichern». Das seien Dinge, die man auch angesprochen hätte. Flick blieb seinem Credo treu, dass die fehlende Kraft in der dichten Saison keine Entschuldigung sein dürfe.

Der Bayern-Trainer befindet sich in einer schwierigen Situation. Das System, das in der vergangenen Saison zum maximalen Erfolg führte, offenbart in der verdichteten Corona-Saison offensichtliche Schwächen. Trainingszeiten, um sie zu beheben, sind aber ebenso rar und so muss er nun seine erste echte Niederlage als Bayern-Trainer einstecken. Immerhin: Die Belastung aus dem Pokal ist nun weg. Kiel trifft nun am 2. oder 3. Februar auf Darmstadt 98. Schnee ist da nicht ausgeschlossen.

16 Kommentare
    Jack Vogt

    Balsam auf die Seele eines jeden wahren Fussballfans! Den DFB als Veranstalter des Pokals wird's weninger freuen, denn das Turnier ohne Bayern wird massivst entwertet.