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Kolumne Ben MooreStaatsfeind Nummer eins: das Virus

Unser Wissenschaftskolumnist verlangt ein bisschen Respekt vor Viren – denn ohne sie gäbe es uns nicht.

Viren haben in letzter Zeit ziemlich viel schlechte Presse bekommen – und das ist verständlich. Die meisten von uns wünschen sich im Moment wahrscheinlich, dass Viren schnellstmöglich von unserem Planeten verschwinden. Was praktisch unmöglich wäre – und ausserdem zur Folge hätte, dass ein Grossteil des Lebens auf unserer Erde zugrunde ginge.

Nur eine kleine Anzahl von Viren kann jeweils eine bestimmte Art infizieren, und die meisten sind harmlos und leben in einer glücklichen Symbiose mit ihrem Wirt. Sie besiedeln beispielsweise unsere Haut, was uns vor bakteriellen Infektionen schützt, und sind ein wichtiger Bestandteil des Mikrobioms in unserem Darm. Wir verdanken den Viren in gewisser Form sogar unsere Existenz – ein Teil unseres genetischen Codes stammt aus Genen anderer Lebensformen, die von Viren zwischen Arten übertragen wurden. Etwa die Hälfte unseres Genoms weist Sequenzen auf, die mit Retroviren verwandt sind – Viren, die ein spezielles Enzym verwenden, um ihren genetischen Code in den von ihnen infizierten Wirt zu integrieren.

Jeder unserer Atemzüge enthält mehrere Hundert Bakterien und Viren. In jeder Sekunde werden 1024 Organismen mit Viren infiziert. Dies führt täglich zum Tod eines Drittels aller Meeresorganismen! Viren verhindern nicht nur, dass die Vermehrung von Plankton ausser Kontrolle gerät, sondern treiben auch geochemische Kreisläufe an und recyceln die Nährstoffe, die das Leben zum Gedeihen benötigt.

Viren werden nicht als lebendig eingestuft, da sie nichts anderes sind als proteinbeschichtete Stränge des genetischen Codes. Um sich zu vermehren, müssen Viren in die Zelle eines Organismus eindringen und dessen Stoffwechsel- und Replikationsmaschinerie nutzen. Manchmal kann eine Zelle nicht aufhören, immer mehr Kopien des Virus anzufertigen, was zum Tod der Zelle führt, während viele weitere Virenklone im gesamten Organismus verbreitet werden.

Viren sind unheimlich vielfältig. Die einfachsten von ihnen haben gerade einmal drei Gene, das Pandoravirus hat bis zu 2500 – fast doppelt so viele wie der kleinste «wirklich» lebendige Organismus unseres Planeten, das Bakterium Pelagibacter ubique.

Die Unterscheidung zwischen Leben und Nichtleben beginnt allerdings seit der Entdeckung riesiger Virusarten wie des Pandoravirus, das so gross wie ein Bakterium ist und eine ähnliche genetische Komplexität aufweist, zu verschwimmen. Der genetische Code dieser grösseren Viren ist nicht nur eine einfache Blaupause für einen neuen Klon. Er enthält alle Informationen, die zum Bau einer Fortpflanzungsorganelle mit Translationsenzymen erforderlich sind, welche die von ihnen infizierte Zelle als Wachstumsmedium verwenden – diese Viren sind fast lebendig!

Diese Entdeckungen haben der Idee Vortrieb gegeben, das Leben selbst könnte seinen Ausgang von virenähnlichen Wesen genommen haben. Aber als das Leben vor vier Milliarden Jahren begann, wäre die Replikation von Strängen genetischen Codes von der chemikalienreichen Umgebung der frühen Erde angetrieben worden, etwa in einer hydrothermalen Tiefseespalte.

Die Viren, mit denen wir uns heute wohl oder übel herumschlagen müssen, könnten Relikte unserer entfernten Vorfahren sein.

Ben Moore ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich.

3 Kommentare
    Rolf Baumberger

    Es geht hier tatsächlich um den springenden Punkt. Es geht eigentlich gar nicht darum, ob das Virus ein Lebewesen ist oder nicht. Sondern es geht darum was Viren für Wirkungen erzielen können. Nur ein kleiner Hinweis, der auch schon zu einem Nobelpreis verholfen hat (Zinkernagel, soviel ich weiss): ohne Hilfe unserer Körperzellen können Viren gar nicht in unsere Zellen eindringen. Ohne Oberflächen-Eiweisse an denen die Viren Schlüssel-Schloss-mässig andocken können, geht gar rein nichts! Es ist klar ein Stück Information (RNA oder DNA) die in einer Proteinhülle verpackt ist. Ein schönes Bild ist der Computer-stick auf dem man Information gelagert hat und von Angestellten zu Angestellten gereicht wird um ein Update zu machen. Dieses Update wirkt doch meist auf das Betriebssystem.

    Die Viren bewirken doch eine Verhaltensänderung der Menschheit im Falle einer Pandemie.

    Vor siebzig Jahren war die Zahl der Menschen, die auf dieser Erde lebten, gerade mal ein Drittel so gross wie heute. Wir haben uns damals noch nicht so masslos verhalten wie heute.

    Also muss man doch zum Schluss kommen: Der eigentliche Feind sind wir. Die Viren sind steuernde Agentien. Wie sie diese steuernde Eigenschaft bewerkstelligen ist Gegenstand der Evolutionsforschung, aber bitte eine moderne Form von dieser.

    Es gibt eben mutative Veränderungen und Veränderungen im Steuerbereich von Erbgut tragenden Strukturen! Und das geht rasend schnell.

    Rolfy