Wenn der Olympiasieger vom Grossvater trainiert wird

Johannes Kläbo ist der weltbeste Langläufer. Seit Kindheit an seiner Seite: der inzwischen 77-jährige Kåre Hösflot. Eine aussergewöhnliche Familiengeschichte.

Unzertrennlich in der Erfolgsspur: Johannes Kläbo mit seinem Coach und Grossvater Kåre Hösflot. Foto: Geir Olsen (Scanpix/Keystone)

Unzertrennlich in der Erfolgsspur: Johannes Kläbo mit seinem Coach und Grossvater Kåre Hösflot. Foto: Geir Olsen (Scanpix/Keystone)

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Die Tränen kullern Kåre Hösflot immer wieder übers Gesicht. Sein Enkel Johannes hat sich im Langlauf-Sprint gerade das ­erste Olympiagold erkämpft. Der Grossvater weint im Stadion still sein Glück heraus. Seit Johannes’ Kindheit trainiert er ihn.

Der Senior hat diesen goldenen Erfolg seit Jahren geplant. Jeden Winter nimmt sich das Duo ein nächstes (Zwischen-)Ziel vor. Als Johannes ins Elite-Nationalteam der Langläufer aufgenommen wird – der sportliche Ritterschlag in Norwegen –, bekommen die Profitrainer vom Amateurcoach zu hören, dass die Kläbos bereits bis zu den Spielen 2022 vorgespurt hätten. Damals war Johannes noch ein Teenager.

Der Grossvater plante Kläbos
Karriere schon bis 2022, als der noch ein Teenager war.

Mit seinem Gold an den Winterspielen von 2018 torpediert der damals 21-Jährige den grossen Plan des Grossvaters: Er ist ihm weit voraus. Auch darum weint Kåre. Dabei hat er das ­Talent seiner eigenen Gene früh erkannt. «Ich arbeite seit den 1980er-Jahren als Langlauf-Coach, Johannes war von Beginn an aussergewöhnlich», beschreibt Hösflot ihn gegenüber norwegischen Journalisten.

Er ist es, der Johannes in die Loipe schickt. Er schenkt ihm zu Weihnachten die ersten Langlaufski. Rund zweijährig ist der Kleine. Seither hat Kåre Hösflot kaum je ein wichtiges Training seines Enkels verpasst – auch darum fällt das Duo auf. Dass Väter oder Mütter ihren Nachwuchs coachen, ist weit verbreitet. Dass aber der Grossvater ein Familienmitglied zum Olympiasieger formt, ist eine aussergewöhn­liche bis einmalige Konstellation.

Die vielen Fehler als Gewinn

Zumal die engen Bande bis heute halten. Kläbo hat in seinem Sport mittlerweile zwar alles gewonnen, was er gewinnen kann. Er ist mit seinen 23 Jahren also der jüngste Alleskönner des Langlaufs. Geht es nach dem ­Enkel, wird er sich aber ewig an den inzwischen 77-Jährigen ­binden. «Seine immense Erfahrung und seine Weisheit machen ihn zum besten Gesprächspartner, den ich mir wünschen kann», sagt Kläbo.

Er profitiert davon, dass Kåre Hösflot in seinen 40 Jahren als Coach jeden erdenklichen Fehler hat begehen können. Als er ­darum seinen Enkel auszubilden beginnt, weiss er punktgenau, was wie funktioniert – oder eben nicht. Darum setzt Kläbo, mittlerweile der Star in Norwegens A-Team, ganz auf ihn.

Schenkte seinem Enkel Johannes Kläbo zu Weihnachten Langlaufski – damals war dieser erst zweijährig: Grossvater und Trainer Kåre Hösflot. Foto: zvg

Nationaltrainer kommen und gehen, Kåre bleibt. Und obschon dieser stets Freizeitcoach war, fühlten sich die Verbandsprofis nie so stark zurückversetzt, dass sie diese besondere Konstellation aufzubrechen versuchten. Darin ist ein wesentlicher Aspekt von Kläbos Erfolg begründet. Die Aufgabenteilung ist klar, der Grossvater der finale Entscheider, weil alle Involvierten wissen: Keiner kennt Johannes besser.

Dabei schien für Kläbo die grosse Karriere lange unerreichbar. Klein und sehr schmächtig ist er und den Gleichaltrigen bis weit ins Teenageralter unter­legen. Also forciert Kåre noch ­intensiver die Ausbildung einer perfekten Technik. Zugleich ­erhöht er Johannes’ Trainingsumfang pro Jahr immer nur sanft. Und weil er den Enkel fast täglich beobachtet, kann er rasch reagieren, wenn er um die Gesundheit von Johannes fürchtet. Darum kommt dieser gar gestärkt vom Pfeiffer’schen Drüsenfieber zurück – einer Krankheit, die manche (junge) Karriere zerstört.

Zu den Eigenheiten von Kåre Hösflot zählt seine Neugier. Er klopft regelmässig bei Experten an.

Zu den Eigenheiten von Kåre Hösflot zählt seine Neugier. ­Kläbo beschreibt sie in norwegischen Medien so: «Wenn ich ihm bestimmte Trainingsfragen stelle, liest er sich dazu ein und schickt mir lange E-Mails zum Thema.» Zurzeit beschäftigt sich der Grosspapa mit dem Einfluss des Höhentrainings, liest wissenschaftliche Studien und klopft an die Türen der führenden norwegischen Sportwissenschaftler.

Die Kaffeeplaudereien mit Hösflot sind in dieser Szene sehr bekannt. Dass er dabei viele ­Meinungen einholt, verdeutlicht: Er ist kein Betonkopf, der nur gut findet, was er kreiert. Die gesammelten Inputs bespricht er dann mit Johannes.

Zusammen legen sie fest, wie sie vorgehen wollen, fordern sich dabei gegenseitig heraus. Dieses gemeinsame Wachsen an Aufgaben ist ein anderer wesentlicher Aspekt ihres Erfolgs. Zumal die Bedeutung des Grossvaters seit dem Durchbruch von Kläbo eher zugenommen hat. Der Star, so sagen Insider, glaubt immer mehr zu wissen, was ihm guttut – und was nicht. Dem Patron aber traut er weiterhin blind. Und weil der stets Klartext redet, ist seine Bodenhaftung garantiert.

Die verfrühte Biografie

Ganz alles aber wird nicht zu Gold, was die beiden anpacken. Schon mit 22 fühlte sich Kläbo berufen, seine Biografie zu publizieren. «Johannes und Grossvater» heisst sie konsequenterweise. Viel aber hat Kläbo, Typ idealer Schwiegersohn, (noch) nicht zu erzählen. Entsprechend durchschnittlich verkaufte sich das Buch in Norwegen.

Es verdeutlicht immerhin die engen Bande der ganzen Familie: Johannes’ Vater ist sein ­Manager, der Bruder für die Auftritte in den sozialen Medien mitverantwortlich, auch Mutter und Grossmutter (sowie die Schwester) sind in seinen sportlichen Alltag eng eingebunden.

Dass alle Hösflot-Kläbos im gleichen Quartier in Trondheim leben, fördert das Beziehungsgeflecht. Darum sagt Kåre ­Hösflot gegenüber norwegischen Medien auf die Frage, was ihn ­bezüglich Johannes am meisten mit Stolz erfülle: «Ich bin für ihn primär der Grossvater und nicht sein Coach.» So hat ihn Johannes Kläbo im Natel auch schlicht abgespeichert: «morfar».

Erstellt: 15.01.2020, 20:50 Uhr

Die Frau als Trainerin und andere aussergewöhnliche Coach-Athleten-Konstellationen

Frau trainiert Weltklassesportler, diese Konstellation scheint im 21. Jahrhundert normal zu sein. Sie ist es nicht – von wenigen Sportarten wie Eiskunstlaufen abgesehen. Als die frühere Toptennisspielerin Amélie Mauresmo 2014 den Schotten Andy Murray zu coachen begann, sorgte die News für Schlagzeilen. Die Französin war eine der Ersten, die einen heraus­ragenden Tennisspieler betreuten. Murray sah sich mit absurden Reaktionen konfrontiert. Ein früherer Spieler schrieb ihm: «Ich mag es, wie du die Medien ­ver­äppelst. Vielleicht solltest du das nächste Mal sagen, dass du überlegst, von einem Hund gecoacht zu werden.» Rasch wurde Murray also klar, wie sehr sein Entscheid polarisierte: «Sie wurde im Vergleich mit meinen Trainern ungemein härter kritisiert. Verliere ich jetzt einen Match, bin ich schuld. Während der Zeit mit ihr war stets sie für mein Scheitern verantwortlich.»

Niall McGuinness wurde schon mit 24 Jahren zum Chefcoach von Rhyl befördert, einem Fussballclub der walisischen Premier League. Sein Assistent: Vater Laurie. Der Rotschopf hielt nicht lange durch. Im Februar 2016 ausgewählt, musste er im Herbst 2017 bereits wieder abtreten. Mittlerweile trainiert er ein Halbprofiteam.

Mit den Göldis brachte es Selina Büchel weit. Das Ehepaar Marlis und Urs Göldi trainierte die Toggenburger 800-m-Läuferin seit Teenagerzeit. Auch dank ihnen holte sie EM-Gold (Halle) oder in Weltklassezeit den Schweizer Rekord. 12 Jahre hielt die Konstellation, ehe Büchel 2018 zum dominierenden Modell im Sport überging – sie wird seither von einem Mann gecoacht. (cb)

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