Die neue Wachs-Regel bietet Spielraum für Betrüger

Weil der Skiverband künftig fluorhaltigen Wachs verbietet, droht ein Chaos: Korrekte Kontrollen sind kaum möglich.

Viel Aufwand: Swiss-Ski beschäftigt 22 Serviceleute. Foto: Christian Pfander

Viel Aufwand: Swiss-Ski beschäftigt 22 Serviceleute. Foto: Christian Pfander

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind Servicemänner, nicht Zahnärzte. Obwohl sie mit Mundschutz beinahe so aussehen. Beim Präparieren der Ski wird die Sicherheitsmaske angezogen, weil es ungesund ist, Fluorstaub und Fluorgase einzuatmen. Krebserregend sind die Fluorverbindungen im Wachs, organschädigend auch. Und vor allem: belastend für die Umwelt. Rückstände am Ski können durch den Schnee in den Boden gelangen und ins Grundwasser versickern.

Die EU hat reagiert, Produktion und Verkauf der besonders giftigen, sogenannten C8-Fluorverbindungen, sind ab Juli dieses Jahres verboten. FIS-Präsident Gian Franco Kasper geht einen Schritt weiter: Bei Veranstaltungen des Internationalen Skiverbands gilt bezüglich Fluor ab der Saison 2020/21 Nulltoleranz.

Der Aufruhr ist gross bei den Langläufern, die aufgeschmissen sind ohne Fluor?– der Zeitverlust könnte nach 10 km 45 Sekunden betragen. Im Alpinbereich hingegen geht es um Nuancen. ­Daniel Züger, bei Swiss-Ski Leiter des Kompetenzzentrums, sagt: «In einer zweiminütigen Abfahrt mit vielen Gleitpassagen kann der mit Fluorwachs fahrende Athlet 15 bis 20 Hundertstel gegenüber dem Gegner herausholen, der darauf verzichtet. Das ist zwar nicht die Welt, kann aber entscheidend sein.»

Mögliche Sabotageakte

Fluorpräparate werden im Alpinbereich bei hohen Temperaturen und feuchtem Schnee eingesetzt. Dienlich sind sie auch, wenn auf mit reichlich Wasser behandeltem Kunstschnee gefahren wird. Gegen das Verbot hat Züger nichts einzuwenden, als skurril bezeichnet er das von der FIS angeschlagene Tempo. Haufenweise Wachs wäre nach dieser Saison unbrauchbar, Tausende Paar Ski müssten eliminiert werden, weil sich Fluorreste im Belag festgesetzt haben. Züger spricht von einem hohen sechsstelligen Betrag, der abgeschrieben werden müsste.

Eine Arbeitsgruppe soll sich mit der Umsetzung des Verbots befassen. Der einstige Abfahrer Züger gehört dazu, die Wachsproduzenten sollen später ins Boot geholt werden, was verdeutlicht, wie unausgereift die Pläne der FIS sind. In der Szene ist Verunsicherung spürbar. Züger fragt sich: «Was, wenn ein Athlet mit verbotenem Wachs unterwegs ist und der Nächste in dessen verunreinigten Spuren fährt?» Und: «Wie drastisch würde sanktioniert?» Befürchtet werden Sabotageakte: In Gröden befanden sich die Skiräume von Atomic, Fischer und Head im selben, frei zugänglichen Raum. Es wäre ein Leichtes gewesen zu manipulieren.

Derweil im Langlauf sämtliche Ski vom Wachsteam der jeweiligen Nationalmannschaft präpariert werden, ist die Ausgangslage bei den Alpinen komplizierter. Swiss-Ski beschäftigt 22 Serviceleute, diese kümmern sich indes nur um die Athleten ohne persönlichen Betreuer. Feuz, Caviezel, aber auch Janka, Hintermann, Kryenbühl und Roulin sind mit von ihrer Skimarke zur Verfügung gestellten Fachmännern nach Wengen gereist. Auf diese habe er keinen Einfluss, meint Züger.

Hobby-Fahrer nicht betroffen

Unklar ist, wie, wann und wo kontrolliert würde, wobei FIS-Präsident Kasper meint, für die Umsetzung des Verbots bleibe ausreichend Zeit. Das sehen nicht alle so. Für einen exakten Test müsse der Belag aus dem Ski geschnitten und analysiert werden, sagt Udo Raunjak, Forschungsleiter bei der Wachsfirma Toko. Was freilich undenkbar ist. Die FIS könnte Schnelltests anwenden, bei welchen mit einem Laser Punkte auf den Ski gemessen würden. «Pro Punkt dürfte das eine Minute dauern», sagt Raunjak. Ein einzelner Punkt aber wäre kaum aussagekräftig, und das Prozedere würde bei 60 Fahrern reichlich Zeit beanspruchen. Sollte vor dem Rennen kontrolliert werden, müssten die Ski bis zum Start quasi in Quarantäne, meint Raunjak, der Potenzial für Betrüger ortet. Es seien bereits Coversprays entwickelt worden, um das aufgetragene Fluor zu verdecken.

Um alternative Produkte zu finden, wird Swiss-Ski enger mit Wachsfirmen kooperieren. Wobei gemäss Raunjak noch nichts Revolutionäres hergestellt worden sei. Trotz entsprechender Gerüchte glaubt er nicht, dass die Norweger einen Schritt voraus sind in der Entwicklung. Für den Touristen übrigens ändert sich nichts. So könnte es sein, dass in Wengen 2021 die Besten ohne, die Hobbyfahrer aber mit Fluorwachs den Berg runtersausen.

Erstellt: 16.01.2020, 10:19 Uhr

Artikel zum Thema

Feuz ass Fondue vor dem Rennen – dann kam seine Partnerin

Beat Feuz nahm den Sport früher nicht so ernst. «Sie hat mir die Augen geöffnet», sagt der Skiprofi über Lebensgefährtin Katrin Triendl. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles