Sie wirbelt und zwirbelt und mischt auf

Simone Biles demonstriert mit zwei Weltneuheiten, welch unfassbar gute Turnerin sie ist. Und sorgt dafür, dass es dem angeschlagenen Verband nicht zu gemütlich wird.

Weltneuheit: Simone Biles steht den «Triple-Double». (Video: Twitter)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als stünde sie still in der Luft. Als trotzte sie jeglicher Schwerkraft. Als gölten die physikalischen Gesetze nicht für sie. Simone Biles wirbelt und zwirbelt und fliegt und zieht, wie ihr beliebt. Zeigt nicht eine, sondern zwei Weltneuheiten im Frauenturnen und gewinnt nicht die ersten, dritten oder fünften US-Meisterschaften. Sondern ihre sechsten. Wie letztmals vor fast 70 Jahren eine Turnerin namens Clara Schroth.

Genügte damals, 1952, schon ein sauberer Handstandüberschlag am Sprung, um sich einen Platz bei den Olympischen Spielen zu sichern, wirkt das Kunstturnen von heute wie von einer anderen Welt. Oder einem anderen Stern. Und Simone Biles turnt in ihrer eigenen Galaxie. Am Balken zeigte sie erstmals einen Doppelsalto mit Doppelschraube, am Boden sogar eine Dreifachschraube zum Doppelsalto. Beide Elemente werden nach ihr benannt werden, sobald sie sie auch an internationalen Titelkämpfen zeigt – an der WM im Oktober in Stuttgart dürfte es so weit sein. Es ist die nächste ­Biles-Show zu erwarten.

Doppelsalto mit Doppelschraube: Simon Biles setzt noch einen drauf. (Video: Twitter)

«Unfassbar, unvorstellbar»

«Einmal mehr zeigt sich, wie unfassbar gut diese Frau ist», staunt der frühere Spitzenturner Roman Schweizer. Besonders beeindruckt den SRF-Experten, dass Biles jedes Jahr mit neuen Höchstschwierigkeiten aufwartet. Von den neuen Elementen bewertet er den doppelten Tsukahara am Balken noch höher als den dreifachen am Boden, denn im Gegensatz zum Boden, dessen Federung ständig verbessert wird, hat sich der Balken nicht einmal gegenüber 1952 gross verändert. «Dass dort jemand einmal einen Doppel-Tsukahara turnt, praktisch aus dem Stand, war bislang nicht vorstellbar», sagt Schweizer.

Natürlich wird das amerikanische Turnteam in Stuttgart und auch in einem Jahr an den Olympischen Spielen in Tokio aus mehr als nur Biles bestehen. Natürlich werden andere US-Turnerinnen ebenso um Medaillen kämpfen. Aber Biles, die vierfache Olympiasiegerin, überragt und überstrahlt derzeit alles, und ganz nebenbei ermöglicht sie mit den ausserordentlichen Auftritten ihrem Verband, USA Gymnastics (USAG), sich in strahlendem Licht zu sonnen. Auch wenn ihr das eigentlich ganz und gar nicht passt.

«Es ist nicht einfach, für einen Verband zu turnen, der dich komplett im Stich gelassen hat und uns weiterhin im Stich lässt», sagte Biles vor dem Wettkampf in Kansas City, ehe ihre Stimme ins Stocken geriet und sie unter Tränen erklärte: «USA Gymnastics hatte einen verdammten Job, doch sie schafften es nicht, uns zu beschützen.»

«Einen verdammten Job»: Biles kritisiert den Verband unter Tränen. (Video: Twitter)

Hintergrund für den emotionalen Ausbruch ist der Missbrauchsskandal um Larry Nassar. Der frühere USAG-Chef­mediziner hatte seit Beginn der Neunzigerjahre Hunderte Turnerinnen missbraucht, darunter Olympiasiegerinnen wie Alexandra Raisman, McKayla Maroney oder eben Biles. Die ehemalige Kaderturnerin Rachael Denhollander hatte mit ihrer Anzeige gegen Nassar Mitte 2016 dafür gesorgt, dass diesem schliesslich der Prozess gemacht wurde, im Zuge dessen über 150 Opfer den Mut aufbrachten auszusagen. Nassar wurde zu Haftstrafen von bis zu 235 Jahren verurteilt.

Die Memoiren des Opfers

Der spektakuläre Fall ist seit Februar 2018 juristisch abgeschlossen, doch nicht nur Biles’ Tränen an den US-Meisterschaften ­zeigen: Bei den Opfern sind die Wunden noch lange nicht verheilt. Denhollander, heute 34 und Anwältin, veröffentlicht Mitte September ihre Memoiren zu diesem spektakulären Fall. «What Is a Girl Worth?» lautet der Titel, «Wie viel ist ein Mädchen wert?». Sie erklärt: «Ich möchte damit Missbrauchs­opfern zeigen, dass sie nicht verrückt und allein sind. Unsere Geschichte hat die Welt verändert.»

Brachte den Prozess gegen ihren früheren Coach ins Rollen: die frühere Turnerin Rachal Denhollander. (Bild: Keystone/Rena Laverty)

Aber, sagt Simone Biles, «echte Veränderung braucht Zeit. Es muss noch viel mehr getan werden» Damit meint sie den Verband, der sich unverändert schwertut, den Fall ernsthaft aufzuarbeiten. Stattdessen kommt es zu den absonderlichsten ­Personalrochaden an der Spitze von USA Gymnastics.

Zunächst musste Geschäftsführer Steve Penny gehen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er den Vorwürfen gegen Larry Nassar viel zu lasch nachgegangen war. Seine Nachfolgerin Kerry Perry mochte sich weder öffentlich äussern noch mit den Opfern sprechen. Deren Nachfolgerin Mary Bono wiederum outete sich in einem Tweet als Person, die aus Protest gegen den früheren Footballer und heutigen Bürgerrechtler Colin Kaepernick das Nike-Logo auf Schuhen übermalt. Zudem hatte sie vor ihrer Verpflichtung durch USA Gymnastics ausgerechnet für jene Anwaltskanzlei gearbeitet, die Larry Nassar verteidigte.

Dass der Verband im November 2018 überraschend Konkurs anmeldete, passte ins schiefe Bild. Dutzende Zivilklagen, auf dem Nassar-Urteil basierend und wohl Schadenersatzforderungen nach sich ziehend, werden so bis auf Weiteres zurückgestellt.

Seit März ist nun Li Li Leung im Amt, eine frühere Spitzenturnerin, doch sie machte es zunächst kaum besser. Dass sie seinerzeit nicht von Nassar missbraucht worden sei, erklärte sie, habe ­daran gelegen, dass jederzeit ein Trainer mit im Behandlungsraum gewesen sei.

Jedoch hatte der Prozess gezeigt, wie skrupellos Nassar vorgegangen war, um viele Mädchen trotz der Anwesenheit von Eltern oder Trainern zu missbrauchen. «Diese Aussage ist zutiefst enttäuschend und zeigt, dass es USA Gymnastics am Willen zur vollständigen Aufklärung fehlt», fand Sarah Klein, die als eines der ersten Opfer Nassars gilt.

Eine neue Kultur

Leung ist seither um Schadensbegrenzung bemüht und zeigte sich am vergangenen Wochenende volksnah. An den US-Meisterschaften posierte sie auf den Siegerfotos und beteuerte, sie habe schon mit rund 400 Turnerinnen und Turnern gesprochen. Diese Gespräche würden in den kommenden Wochen weitergehen, denn sie strebe eine Kultur des «offenen Dialogs» an.

Auf Biles’ Aussagen angesprochen, gab Leung zu: «In der Vergangenheit hat unser Verband die Turnerinnen und Turner zum Schweigen gebracht. Ich bin aber zu hundert Prozent dafür, ihnen eine Stimme zu geben. Wir haben die Athleten im Stich gelassen, gerade auch Simone, und es braucht Zeit, dass dies verheilt. Wenn es ihr hilft, dass sie sich öffentlich so äussert, habe ich vollstes Verständnis dafür.»

Erstellt: 13.08.2019, 18:24 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare